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Neue Erkenntnisse aus der ZoologieDer falsche Wirbeltier-Urtyp

Neunaugen gelten seit 150 Jahren als Vorfahren etlicher Arten. Nun haben Wissenschaftler eine Entdeckung gemacht. Womöglich sind die Tiere eine neuere Erfindung.

Aalartige Fische: Neunaugen bestehen hauptsächlich aus einem Saugnapf mit vielen spitzen Zähnen.
Aalartige Fische: Neunaugen bestehen hauptsächlich aus einem Saugnapf mit vielen spitzen Zähnen.
Foto: Miguel Riopa (AFP)

Neunaugen sind lebende Fossilien, die sich seit 500 Millionen Jahren kaum verändert haben. So oder so ähnlich steht es in beinahe jedem Standardwerk der Zoologie. Die Larven der aalartigen Fische gelten als eine Art lebender Urahn aller modernen Wirbeltiere vom Salamander bis zum Menschen. Aber es ist gut möglich, dass die Lehrbücher bald umgeschrieben werden müssen: Eine Studie im Wissenschaftsjournal «Nature» zeigt jetzt, dass diese Version vom Ursprung der Wirbeltiere wahrscheinlich falsch ist.

Viele Neunaugen, darunter das Meer- und das Flussneunauge, die beide in Mitteleuropa vorkommen, sind Parasiten. Das Vorderende der bis zu 75 Zentimeter langen Tiere besteht hauptsächlich aus einem Saugnapf mit vielen spitzen Zähnen. Damit fallen Neunaugen Fische an, saugen sich fest, trinken ihr Blut und raspeln ganze Fleischstücke aus ihren Opfern heraus. Ihr Speichel enthält Substanzen, die die Blutgerinnung hemmen. Wenn die Tiere von ihrem Opfer ablassen, bleibt eine charakteristische kreisförmige Wunde zurück. Die meisten Fische überleben den Angriff, doch Jungtiere und kranke Individuen sterben manchmal an den Folgen. Sehr selten kommt es auch vor, dass sich ein Neunauge versehentlich an einem Menschen festsaugt. Gefährlich ist das aber nicht.

Larven vergraben sich im Sand

Die Larven der merkwürdigen Tiere, genannt Ammocoeten, sehen ganz anders aus. So anders, dass Zoologen lange Zeit dachten, es handele sich um eine eigene Art. Sie haben keine Augen und wirken wie kleine, blinde Würmer. Nach dem Schlüpfen vergraben sie sich auf dem Grund des Gewässers – nur der Kopf ragt heraus und filtert Plankton aus dem Wasser. Die Theorie, dass der gemeinsame Vorfahr aller Wirbeltiere so oder so ähnlich ausgesehen haben muss, gründet sich darauf, dass die Neunaugen-Larven unter anderem ein gekammertes Herz, ein dreigeteiltes Gehirn und eine echte Leber haben.

Plausibel, aber leider falsch, urteilt jetzt ein Team um den Paläontologen Tetsuto Miyashita vom Canadian Museum of Nature in Ottawa. Die Wissenschaftler haben Dutzende von fossilen Neunaugen-Larven untersucht, die in Südafrika und in den USA ausgegraben worden sind. Die Fossilien stammen von vier verschiedenen, längst ausgestorbenen Arten und umfassen mehrere Entwicklungsstadien. Doch eines haben sie alle gemeinsam: Sie sehen vollkommen anders aus als die Larven der heute lebenden Neunaugen.

Minitauren von Erwachsenen

Obwohl an manchen von ihnen noch der Dottersack zu erkennen war, was beweist, dass sie gerade erst geschlüpft sind, waren sie nicht blind, sondern hatten bereits in diesem Stadium zwei grosse Augen. Sie waren auch keine harmlosen Filtrierer, sondern verfügten bereits über einen mit Zähnen ausgestatteten Saugnapf. «Sie sahen aus wie Miniaturen der Erwachsenen», sagt der Biologe Michael Coates von der University of Chicago, der an der Studie beteiligt war.

Diese Entdeckung spricht nach Ansicht der Studienautoren dafür, dass die blinden Larven moderner Neunaugen nicht der Prototyp des Urwirbeltiers sind, für den man sie seit 150 Jahren hält. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind sie eine neuere Erfindung der Natur, weil es für derart kleine Lebewesen einfacher ist, Plankton zu filtrieren, als Beute zu finden, an der sie Blut saugen können.

«Neunaugen sind nicht die schwimmenden Zeitkapseln, für die wir sie immer gehalten haben», sagt Coates. Bleibt die Frage, welches Tier dann als Wirbeltier-Urtyp infrage kommt. Die Wissenschaftler vermuten, dass es die Ostracodermi sein könnten, fischähnliche Wesen, die einen massiven Knochenpanzer mit sich herumschleppten.

5 Kommentare
    Sacha Meier

    Die Zoologen dürften wohl noch eine ganze Weile nach ihrem lebenden Prototypen eines Urviechs Ausschau zu halten haben. Schliesslich muss die Natur sehr, sehr gute Gründe haben, wenn sie eine Spezies über Jahrmillionen evolutiv nicht mehr verbessert. Evolutive Fehlentwicklungen, die sich entweder nicht anpassen, oder nicht nachhaltig leben können, sterben kurz über lang einfach aus. Dürfte übrigens uns, den homo sapiens, schon bald als nächstes treffen. Nachhaltig leben können wir nicht und dazu verfügen wir zwei irreparable Firmware-Fehler: Unsere unbändige Gier. Sei dies die Geld-, Macht-, oder Konsumgier. Dann unsere Unart, dass wir unsere eigene Spezies domestizieren, ausbeuten und für unsere Machtgier gar in Kriegen in den Tod schicken. Tut kein anders Lebewesen. Und genau diese Eigenschaft verhinderte schon immer eine ökonomisch und ökologisch sinnvolle Verteilung der planetaren Ressourcen. Weil wir keine Ressourcen-Greta haben, redet einfach kaum einer darüber. Wir Ingenieure und Naturwissenschaftler denken aber durchaus längst über diese Problematik nach. Besonders, als uns in den nächsten Jahrzehnten eine ganze Serie an vitalen Rohstoffen ausgehen werden. Schon ab 2026 wird Indium fertig sein. Darum hat Stephen Hawking vor seinem Tod der Menschheit noch rund ein Jahrhundert gegeben. Zum Aussterben.