Der Fechter

Fechten hat sich vom Adligen- zum Breitensport entwickelt. Das heisst auch: Unser Autor ist zugelassen.

Wer hat Angst vor dem Schwarzen Mann? Sicher nicht unser Bellevue-Fechter Martin Sturzenegger. (Video: Urs Jaudas und Lea Blum)

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Der erste Schritt zum HaudegenTeil 1

Für mich waren Fechter nie Sportler aus Fleisch und Blut, sondern bizarre Wesen aus einer längst vergangenen Zeit. Eine Art tanzende Mumien, anonyme Gestalten, die sich hinter schwarzer Maske und weissem Anzug verstecken. Geschlechts- und alterslos, ohne Furcht, für jeden Kampf bereit.

Heute sehe ich das pragmatischer. «Fechten ist ein Sport für 7- bis 77-Jährige», steht in einer Infobroschüre des Schweizerischen Fechtverbands. Für einen 34-jährigen Hobbysportler mit stagnierender Tenniskarriere sind das verlockende Perspektiven. Ein bedeutendes Tennisturnier werde ich in diesem Leben nicht mehr gewinnen. Doch als alternder Haudegen könnte ich mein Sportlerleben in Würde fortführen. Deshalb zögere ich keine Sekunde, als in der Redaktion die Liste der ausgeschriebenen Sportarten kursiert.

Für Journalisten gemacht

«Fechten», so informiert die Broschüre weiter, «verlangt einen guten Beobachtungssinn, Analysefähigkeit, Geschwindigkeit bei Entscheidungen sowie die Fähigkeit, sich seinem Gegenüber anzupassen.» Attribute also, die durchaus auch für einen Journalisten gelten. Und weiter: «Viele Ärzte und Psychologen befürworten den Fechtsport, weil er die Konzentration fördert und Aggressionen abbaut.» Auf jemanden einstechen und gleichzeitig Aggressionen abbauen? Es wird immer besser.

Es bleibt die Aristokratie, zu der ich nicht gehöre. Einst war Fechten das Privileg der Gutbetuchten. Das Zürcher Trainingsgelände befand sich in der Villa im Parkring, einem denkmalgeschützten Herrenhaus in der Enge. Dort wurde nicht nur gekämpft, sondern auch diniert und unter Züriberg-Studenten angebandelt. Einen Dahergelaufenen wie mich hätte man wohl gleich mit dem Säbel in die Flucht geschlagen.

Ein genetischer Vorsprung

Heute befindet sich der Fechtclub in der Saalsporthalle. Die Clubwebsite entwarnt: Fechten habe sich längst zu einem Volkssport entwickelt. So wirklich aufgehoben fühle ich mich allerdings erst, als ich auf Rolf Seeliger treffe – meinen Maître. Der 65-jährige Deutsche erlernte die Grundlagen der Fechtkunst noch in der DDR. Seit fast 20 Jahren unterrichtet er in Zürich. In dieser Zeit hat er schon unzähligen talentfreien Kindern das Fechten beigebracht. Doch nun, in den letzten Monaten vor seiner Pensionierung, steht Seeliger nochmals viel Arbeit ins Haus: Er soll einen blutigen Anfänger innert Rekordzeit in eine komplexe Sportart einweihen. Seine abgeklärte Art stimmt mich allerdings zuversichtlich. Dank meiner Mutter kann ich zusätzlich auf einen kleinen genetischen Vorsprung hoffen: Im studentischen Sportverein war sie einst als gute Fechterin bekannt. Ich selbst hatte aber noch nie eine Klinge in der Hand – es wird langsam Zeit!

Als ich den 750 Gramm schweren Degen in die Luft halte, wird mir etwas mulmig zumute. Was, wenn mich dieses einstige Tötungsinstrument mit voller Wucht trifft? Auch hier gibt die Broschüre Entwarnung: «Fechten ist ungefährlich. In einem guten Umfeld besteht selbst für Kinder absolut keine Gefahr.» Mein Puls legt sich wieder. Und schnellt gleich wieder hoch. Vor mir steht Max Heinzer – erster Musketier des Schweizer Fechtsports. Ich kannte ihn von den Europameisterschaften, die ich zur Vorbereitung im Fernsehen geschaut habe. Dort gewann Heinzer seine 10. EM-Medaille. Auf den Bildern war zu sehen, wie schnell Heinzer seine Treffer landete. Er stach fast alle seine Gegner aus. Erst im Final unterlag er dem Franzosen Yannick Borell – einem 1,95 Meter grossen Fechtmonster mit beeindruckender Reichweite.

Heinzer ist mit seinen 1,78 Metern vergleichsweise klein. Das könnte mir auf der Fechtbahn zum Vorteil werden, denke ich etwas grössenwahnsinnig. Als könnte er Gedanken lesen, fordert mich Heinzer zum Duell auf. Natürlich sage ich zu – denn von den Grossen lernt man ein Handwerk am besten. Heinzer stellt noch eine Bedingung: «Zuerst musst du diesen Sport verstehen. Dafür brauchst du Training. Intensives Training und einen guten Maître!» Ich nicke unterwürfig, während Seeliger die Klingen wetzt. Er weiss, dass noch viel Arbeit vor uns liegt.

Die richtige Distanz entscheidetTeil 2

Knapp 30 Grad, praller Sonnenschein. Doch ich folge dem Marschbefehl von Maître Rolf Seeliger und mache mich auf den Weg ins erste Fechttraining. Gleich würde ich mich in einen Ganzkörperanzug zwängen müssen. Dabei könnte ich jetzt in der Badi liegen, denke ich noch. Mir ist allerdings klar, dass gewisse Entbehrungen auf dem Weg zum Musketier unerlässlich sind.

Der Trainingsraum der Zürcher Saalsporthalle ist überraschend kühl, auf den Bahnen herrscht Hochbetrieb. Die Kinder und Jugendlichen sind beim Training. Ich solle mich vorerst an ihnen orientieren, da diese die Bewegungen noch lehrbuchmässig ausführten. Mir behagt Seeligers psychologisches Geschick – die Profis hätten mich wohl zu sehr verunsichert.

Gut fürs Selbstvertrauen

Seeliger reicht mir einen weissen Fechtanzug, Maske und natürlich den Degen. Bald würde ich eine kämpfende Mumie sein. In Gedanken spiele ich durch, wie ich mich auf einen dieser kleinen D’Artagnans stürze, die vor mir auf der Bahn trainieren. Mit wenig Technik dafür umso mehr Reichweite würde ich meinen ersten (unfairen) Fechtsieg erlangen. Das wäre gut fürs Selbstvertrauen und somit hilfreich für das bevorstehende Duell gegen Max Heinzer, den erfolgreichsten Fechter der Schweiz.

Seeliger reisst mich mit einem Pfiff abermals aus meinem Tagtraum und ruft zum Trockentraining. Dabei lerne ich, dass die Beinarbeit von zentraler Bedeutung ist – sie ist eine Art Lebensversicherung. Die Kunst: die optimale Distanz wahren. Der Gegner sollte immer so nah sein, dass man einen Treffer landen kann, jedoch auch genügend weit weg, damit man nicht getroffen wird. Ein scheinbarer Widerspruch, der mein Koordinationsvermögen überfordert. Was bei Profis elegant aussieht, gleicht bei mir den Gehversuchen eines Hüftpatienten mit Klumpfuss. Seeliger pfeift mich zurück und wiederholt die Übung. Immer und immer wieder.

Am ganzen Körper geladen

Seine Beharrlichkeit zahlt sich aus. Nach einer gefühlten Ewigkeit sagt Seeliger: «Das sieht ganz ordentlich aus» und reicht mir die Ausrüstung. Ich merke, dass deren Handhabung eine eigene Theorielektion erfordert. Doch einmal übergestreift, sitzt der Anzug überaus bequem, fast schon kuschelig. Wäre da nicht dieses verflixte Stromkabel, das durch den Ärmel gezogen wird. Ich wusste zuvor nicht, dass der Schutzanzug gleichzeitig eine elektrisch leitende E-Weste ist. Trifft die Degenspitze auf die Kleidung, erscheint ein farbiges Signal. Ich verbinde das Kabel mit dem Degen und stehe nun wortwörtlich unter Strom. Durch die Tür tritt Max Heinzer, quasi der Boss, und fordert mich zum Kampf auf.

Wie ein echter FechterTeil 3

Eine Frage beschäftigte mich vor dem Duell mit Max Heinzer, dem zurzeit besten Fechter der Schweiz: Möchte ich elegant zugrunde gehen oder mich mit voller Wucht ins Verderben stürzen?

Ich entscheide mich für die saubere Technik. Im Kopf gehe ich noch mal die korrekte Schrittabfolge durch, die mir Maître Rolf Seeliger beigebracht hat. Im Augenwinkel bemerke ich seine strenge Aufsicht. Ich möchte ihm beweisen, dass seine Anweisungen nicht vergebens waren, und verliere deshalb den Fokus auf den Kampf. Heinzer stürzt auf mich zu. Ich verschlucke mich und stolpere beim Rückwärtslaufen beinahe über die eigenen Füsse. Heinzer landet seinen ersten Treffer.

Hauptsache gewinnen

Mir wird klar, dass der Profi nicht auf eine Schönwetterpartie aus ist. Vermutlich möchte er einem Dahergelaufenen wie mir zeigen, dass man nicht von heute auf morgen zum Musketier wird. Das spornt mich an. Ich fühle mich gar ein wenig geehrt, ob der Ernsthaftigkeit dieses im Grunde lächerlich ungleichen Duells. Ich erinnere mich an ein Buch, das ich vor langer Zeit gelesen hatte: «Winning Ugly – Mentale Kriegsführung im Tennis.» Der Autor Brad Gilbert beschreibt darin, wie man den Gegner nicht mit Schönheit, sondern im Kopf besiegt. Die Ästhetik spiele dabei keine Rolle. Davon inspiriert, entschliesse ich mich, meine Strategie nun doch zu wechseln: brachial nach vorn stürmen und auf einen Glückstreffer hoffen, so wie es in keinem Fechtbuch steht.

Zu meiner grossen Überraschung klappt der Plan. Ich gleiche zum 1:1 aus – ebenso sensationell wie unverdient. Bei Maître Seeliger erkundige ich mich, ob das Resultat auch wirklich stimme. Nicht weil ich es nicht gewusst hätte, sondern um den ungeahnten Erfolg etwas länger auszukosten. Hinter Heinzers Maske glaube ich einen Blick der Irritation zu erkennen. Auf jeden Fall hat er nun Gewissheit, dass er es mit einem unberechenbaren Sportpsycho zu tun hat.

Treffer am Rücken

Doch das Momentum weicht so schnell, wie es gekommen ist. Mein Repertoire scheint nach der Frontalattacke ausgeschöpft. Ich greife zwar munter weiter an, doch Heinzer hält stets die bessere Antwort bereit. Er landet Treffer an Stellen, die ich nie für möglich gehalten hätte: an der Ferse, am Handgelenk. Selbst mein Rücken bleibt nicht verschont. Heinzer benötigt nur wenige Minuten, um das Kräfteverhältnis wiederherzustellen. Am Schluss heisst es 1:15 für den Profi. Das «Winning Ugly» wird zum «Losing Ugly». Vermutlich bin ich mit dem einen Punkt noch grosszügig bedient.

Trotz des verlorenen Kampfes erhalte ich eine Ahnung davon, was den Charakter dieses Sports ausmacht. Fechten vereint, sofern man es richtig beherrscht, Eleganz, Konzentration und Koordination. Eine gute Kondition ist von Vorteil, aber Selbstbeherrschung und die richtige Körperhaltung sind wichtiger. Mit reiner Muskelkraft gewinnt man ebenso wenig wie mit purer Aggression. Der Fechter ist Tänzer, Stylist, Stratege und Gambler zugleich. Der Schlüssel zum Erfolg führt über die perfekte Balance zwischen Verteidigung und Angriff.

Ein weisser Ritter

Auch äussere Haltung und gegenseitiger Respekt sind wichtig. Vor und nach dem Kampf werden Gegner, Schiedsrichter und Publikum nach streng festgelegtem Ablauf gegrüsst. Der Fechter ist also auch Gentleman und behält wenn möglich die Contenance. Ein Schweizer Sportpsychologe verriet einmal, was den erfolgreichen Fechter ausmacht: «Er benötigt eine grosse Portion Selbstbewusstsein, mentale Stärke und Auftrittskompetenz – einst auch Ritterlichkeit genannt.» Vom Heiligen Gral der Ritterlichkeit fühle ich mich beim Verlassen der Saalsporthalle noch weit entfernt. Doch wer weiss, vielleicht komme ich irgendwann wieder.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.07.2016, 00:10 Uhr

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