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Treffen mit Botond RoskaEr gibt Blinden das Augenlicht zurück

Der Arzt und Grundlagenforscher Botond Roska revolutioniert die Augenheilkunde. Sein Hobby ist die Mathematik. Dabei wollte er ursprünglich Cellist werden.

Der Wissenschaftler Botond Roska benötigt, um die Netzhaut zu erforschen, sehr präzise Mikroskope. Dieses hat er vor Jahren selbst gebaut.
Der Wissenschaftler Botond Roska benötigt, um die Netzhaut zu erforschen, sehr präzise Mikroskope. Dieses hat er vor Jahren selbst gebaut.
Foto: Kostas Maros

Ein Wunderheiler ist Botond Roska nicht. Dennoch hat der 50-Jährige nichts weniger vor, als Blinde wieder sehend zu machen, ein geradezu biblisches Ansinnen.

Der Mediziner sitzt an diesem Abend an einem überdimensionierten Holztisch, an dem locker ein Dutzend Jünger Platz fänden. Normalerweise treffen sich hier in seinem Sitzungszimmer am Institut für molekulare und klinische Ophthalmologie Basel (IOB) jedoch keine gläubigen Anhänger, sondern die wissenschaftlichen Mitarbeiter von Roska. Und genau dieses Team ist gerade dabei, bahnbrechende Therapien in der Augenheilkunde für Patienten zu entwickeln. Den Weg dahin hat Roska seit 25 Jahren vorgespurt.

Derzeit arbeitet das IOB zusammen mit der französischen Pharmafirma GenSight Biologics an einer aufsehenerregenden klinischen Studie mit sieben Blinden. Die Patienten haben wegen der genetisch bedingten – und bislang nicht behandelbaren – Krankheit Retinitis pigmentosa ihre Sehkraft verloren. Bei den Betroffenen sterben Zellen in der Netzhaut ab, welche die Lichtsignale in Nervensignale umwandeln, die später ans Gehirn geleitet werden. Die Netzhaut, auch Retina genannt, liegt gegenüber der Linse, innen an der Rückseite des Augapfels.

Das Gen einer Alge im Auge

Die Therapie, die Roska zusammen mit seinen Kollegen entwickelt hat, ist verblüffend. Das Team hat mithilfe einer Gentherapie das Gen einer Grünalge in spezielle Netzhautzellen der Patienten eingefügt. Das Algengen bildet ein Protein, das Rhodopsin heisst und Lichtsignale auffängt. Blinde Mäuse konnten nach der Behandlung wieder sehen.

«Die Patienten werden nach der Therapie nicht wieder Zeitung lesen können», räumt Roska ein. In Kombination mit einer Spezialbrille sollen sie aber lernen, wieder hell und dunkel zu unterscheiden und Objekte zu erkennen, um so den Alltag besser meistern zu können. Das wäre bereits ein grosser Erfolg.

Warum aber reparieren die Forscher nicht einfach die defekten Gene der Patienten, statt ihnen ein Algengen einzusetzen? «Es gibt mehr als siebzig verschiedene Gendefekte, die alle zu der Krankheit Retinitis pigmentosa führen», sagt Roska. Man müsste also über siebzig Gentherapien entwickeln, was schlicht zu teuer wäre.

«Wir können erst seit fünf bis sechs Jahren an menschlichen Retinazellen forschen.»

Botond Roska

Vor drei Jahren hat Roska zusammen mit dem Augenarzt Hendrik Scholl das Institut für molekulare und klinische Ophthalmologie Basel gegründet, das sie seither zusammen leiten. Hendrik Scholl und Bence György, der Leiter Translationale Ophthalmologie am IOB, entwickeln derzeit eine andere Gentherapie für eine genetische Form der Makuladegeneration, der Stargardt-Krankheit.

Möglich wurden die Projekte durch das bessere Verständnis der menschlichen Netzhaut. «Wir können erst seit fünf bis sechs Jahren an menschlichen Retinazellen forschen», sagt Roska, der als Professor an der Universität Basel lehrt. Er erzählt strukturiert und gut verständlich und zählt drei Technologien auf, die er massgeblich mitentwickelt hat. Sie haben das Feld der Augenheilkunde revolutioniert.

Botond Roska hat  mit seinem Team aus Zellen von Patienten Miniorgane gezüchten, die der Netzhaut ähneln. Es sind verschiedene Zelltypen erkennbar, zum Beispiel die Fotorezeptorzellen mit dem lichtempfindlichen Stoff Rhodopsin. Sie sind grün eingefärbt.
Botond Roska hat mit seinem Team aus Zellen von Patienten Miniorgane gezüchten, die der Netzhaut ähneln. Es sind verschiedene Zelltypen erkennbar, zum Beispiel die Fotorezeptorzellen mit dem lichtempfindlichen Stoff Rhodopsin. Sie sind grün eingefärbt.
Foto: IOB

Zum einen gelang es seiner Gruppe, Hautzellen von Patienten im Labor so umzuwandeln, dass sie Miniorgane bilden, die der Netzhaut ähneln. Diese tragen den Gendefekt der Patienten, sodass das Team daran mögliche Therapien testen kann.

Zum anderen gelang es Roska und seinen Mitarbeitern, von der Netzhaut von verstorbenen Organspendern im Labor Nervensignale aufzuzeichnen, die durch Licht hervorgerufen werden. «Daran haben wir fünf Jahre lang gearbeitet», sagt der Forscher. Damit stand den Wissenschaftlern ein weiteres menschliches Modellsystem zur Verfügung

Die dritte Entwicklung war, dass die Basler Netzhäute neun Wochen lang im Labor züchten und dann einige der Zellen dank der Gentherapie dazu anregen konnten, Lichtsignale zu erkennen.

«Mit diesen neuen Methoden hat sich das Forschungsfeld plötzlich komplett verändert», sagt Roska. Für die Erfolge hat er vor kurzem den renommierten Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft verliehen bekommen und damit die Liste seiner Auszeichnungen verlängert.

«Als ich 18 war, spielte ich acht Stunden Cello täglich.»

Botond Roska

Dabei hatte der gebürtige Ungar zunächst nicht Wissenschaftler, sondern Cellist werden wollen. Als Jugendlicher gab er zusammen mit seiner Mutter, einer Pianistin, Konzerte. «Als ich 18 war, spielte ich acht Stunden täglich», sagt Roska. Da war er auf der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest. Die musische Karriere stoppte abrupt nach einem Velounfall. Der Daumen war bleibend verletzt. «Ich konnte den Bogen nicht mehr lange genug halten», sagt der Forscher, der heute ab und zu an Wochenenden die Suiten von Bach spielt – aber länger als zwei Stunden sei das nicht möglich.

Das Medizinstudium unterforderte ihn

Roska schwenkte auf Medizin um. Allerdings forderte ihn das Studium nicht genug. «Ich dachte, dass mein Gehirn nicht genug trainiert würde», sagt er. Ein Jahr später studierte er parallel noch Mathematik, heute ein Hobby von ihm. Jeden Morgen tüftelt er eine Stunde an mathematischen Beweisen, bevor er ins Institut geht. «Die Beschäftigung mit Mathematik gibt mir die Befriedigung, etwas logisch gelöst zu haben», sagt der Denker. Wenn er eine Aufgabe nicht schafft, schaut er sich den Lösungsweg an. «Diese Form der Logik gibt es in der Biologie nicht.»

Dass Roska sich mit der Netzhaut beschäftigt, sei Zufall gewesen, blickt er zurück. Sein Vater war ein angesehener Professor für Computerwissenschaften in Budapest und lehrte auch an der University of California in Berkeley. «Ein US-Kollege meines Vaters weckte in mir das Interesse für die Netzhaut», sagt Roska.

Forschte erst an Salamandern

Als junger Mann begann er also mit seiner Forschung in Berkeley, wo er zunächst die Netzhaut von Salamandern untersuchte. Die Zellen der Amphibien seien sehr gross, und die Mikroskope seien damals noch schlecht gewesen. Heute nutzt Roskas Team Hightechmikroskope in den IOB-Forschungslabors. Ein beeindruckendes steht im Erdgeschoss. «Dieses habe ich vor Jahren selber gebaut», sagt er und zeigt auf das Gerät, aus dem ein Gewirr an Kabeln herausquillt.

Nach einem Aufenthalt an der Harvard-Universität, wo Roska das Handwerkszeug für Gentherapien lernte, kam er wieder nach Europa, nach Basel ans Friedrich-Miescher-Institut für biomedizinische Forschung. «Ich wollte gleichzeitig in Physiologie und Molekularbiologie forschen.» Das habe ihm keine andere Forschungseinrichtung bieten können, schwärmt er noch heute vom Forschungsplatz Schweiz. Er kam vor 15 Jahren und hat weitere grosse Ziele.

«Meine Arbeit beginnt am Montagmorgen und endet am Sonntagabend.»

Botond Roska

«Über die Ursachen der drei häufigsten Augenleiden wissen wir so gut wie nichts», sagt er. Dazu gehören die altersbedingte Makuladegeneration, wo bei den Betroffenen in der Netzhaut die Zellen in der Region des schärfsten Sehens verkümmern, der grüne Star (Glaukom), wo die Zellen, die zum Sehnerv führen, beschädigt werden, und die starke Kurzsichtigkeit (Myopia), wo sich durch den verlängerten Augapfel die Netzhaut ablösen kann. «Das wird in dreissig Jahren der häufigste Grund für Blindheit sein», sagt Roska.

Die wissenschaftlichen Erfolge fielen nicht vom Himmel. «Meine Arbeit beginnt am Montagmorgen und endet am Sonntagabend», sagt der Forscher, der drei erwachsene Kinder hat und zwischenzeitlich allein lebt. Besonders diszipliniert sei er bei der Arbeit aber nicht, sagt er lachend. «Es ist eher so, dass ich, wenn ich von etwas begeistert bin, nicht mehr damit aufhören kann.» Das war bei der Musik ebenso wie nun bei der Forschung.