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PorträtDer gefährlichste Text Deutschlands

Hengameh Yaghoobifarah hat mit einem kurzen Text eine Kontroverse in Deutschland ausgelöst. Sie reicht bis zu Kanzlerin Merkel.

Hengameh Yaghoobifarah
Hengameh Yaghoobifarah
Foto: PD

In einer Kolumne für die deutsche Zeitung «taz» machte sich Hengameh Yaghoobifarah Gedanken darüber, welcher der passende Arbeitsort für Ex-Polizisten sein könnte. Am Ende der Kolumne schrieb Yaghoobifarah: «Spontan fällt mir nur eine geeignete Option ein: die Mülldeponie. Nicht als Müllmenschen mit Schlüsseln zu Häusern, sondern auf der Halde, wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind. Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten.»

Dieser Schluss markierte den Beginn einer heftigen Debatte. Sie wird bei der «taz» geführt, intern und öffentlich mit publizierten Texten; sie wird unter Journalistinnen und Journalisten auf Twitter und in anderen Medien geführt; und sie ist inzwischen in der Politik angelangt.

Auf welcher Seite stehst du?

Seit einer Woche dreht sich die Diskussion darum, ob Yaghoobifarah dazu aufgerufen hat, Polizisten auf der Müllkippe zu entsorgen. Oder ob es sich beim Text um eine Satire handelt, die das Prinzip von gefährlicher Stereotypisierung am fiktiven Beispiel der Polizei veranschaulicht. Die Diskussion läuft auf eine Frage hinaus: Auf welcher Seite stehst du?

Mit dieser Frage hängt zusammen, wer Hengameh Yaghoobifarah ist. Yaghoobifarah ist 29 Jahre alt, hat iranische Wurzeln und definiert sich weder als männlich noch als weiblich. Yaghoobifarah ist in Deutschland aufgewachsen, hat in Freiburg im Breisgau und in der schwedischen Stadt Linköping studiert. Als freie Journalistin* und Autorin* schreibt Yaghoobifarah in Kolumnen und Essays über Feminismus, Queerness und Antirassismus.

Im vergangenen Jahr hat Yaghoobifarah das Buch «Eure Heimat ist unser Albtraum» mitherausgegeben. Die Essaysammlung soll Einblick geben in den Alltag von Menschen, die als Mitglieder der deutschen Gesellschaft «als anders markiert, kaum geschützt oder wertgeschätzt» werden. Es ist dieselbe Sprechposition, die Yaghoobifarah in der «taz»-Kolumne einnimmt.

Immerhin in einem Punkt einig

Die deutsche Öffentlichkeit ist sich nur schon ob der Legitimität dieser Position uneins. Die eine Seite findet: Yaghoobifarah könne als potenziell und wohl auch tatsächlich Betroffene gesellschaftlicher Diskriminierung gar nicht objektiv über die Polizei schreiben. Yaghoobifarah sei pauschalisierend und volksverhetzend.

Die andere Seite fragt zurück: Was soll Objektivität sein? Niemand sei objektiv. Auch nicht der 50-jährige, weisse Journalist, der die Mehrheit im deutschen Journalismus darstellt und bisher habe annehmen können, für die Wahrheitssuche zu stehen und Objektivität zu repräsentieren.

Am Sonntagabend heizte Innenminister Horst Seehofer den Konflikt an, indem er erwägte, Anzeige gegen Yaghoobifarah zu erstatten. Interessanterweise verschoben sich die Fronten. Die meisten sind sich jetzt in einem Punkt einig: Wenn der Innenminister rechtliche Schritte erwägt, gilt es, die Pressefreiheit zu verteidigen. Berufsstand gegen Staat.

Eine Petition läuft

Seit kurzem läuft in Deutschland eine Petition, die sich an Bundeskanzlerin Angela Merkel richtet: «Wir fordern ein Bekenntnis von Ihnen und von der Bundesregierung, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland weiterhin gewahrt bleibt.» Mehr als 10’000 Personen haben bisher unterschrieben. Bislang äusserten sich weder Merkel noch Seehofer. Der Regierungssprecher sagte, die Kanzlerin sei mit Seehofer «im Gespräch».

Yaghoobifarah scheint kämpferisch und hat die Petition auf Twitter geteilt. Unter ihrem Namen steht: «Staatskrise wegen Satire».

195 Kommentare
    Hans Iseli

    Passt ausgezeichnet zum geistigen und politischen Klima im aktuellen Deutschland.