Der Golfer

Golf ist langweilig und nur gut fürs bürgerliche Prestige. Stimmt das? Unser Autor macht sich auf die Suche nach der Antwort.

Verdrehte Welt: Wer Beim Golf bequem steht, steht falsch. (Video: Reto Oeschger und Lea Blum)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zeit verlochenTeil 1

Mein prägendes Golferlebnis fand im Herbst vor fünf Jahren statt. Es war ein wolkenloser, aber kalter Samstagmorgen, der Boden zuhinterst im Sihltal leicht gefroren, unten alles im Schatten, die Bergspitzen oben goldig strahlend. Der Wanderweg führte am Golfplatz Ybrig entlang. Dort sah ich sie frieren, die Golferinnen und Golfer. Sie hatten noch Stunden in der Kälte vor sich, während ich schon bald in der Sonne sein und dann auf dem Lauiberg, 1000 Meter höher, die Welt unter mir haben würde. Wie kann man bloss freiwillig auf die Gipfelwonnen verzichten, bloss um im Gefrierfach Löcher zu verfehlen?

Es gibt so viel Grossartiges

Golf schien mir derart abwegig, dass gar eine kleine Neugier entstand: Warum verschwenden so viele Menschen so viel Zeit mit dem Herumschlagen von kleinen, weissen Bällen? Abwegig, weil unsere Zeit auf Erden beschränkt ist und es doch so viel Spannenderes, Grossartigeres, Mutigeres zu tun gäbe: Fliegen, Segeln, Windsurfen, Tauchen, Wildwasser oder eben Bergsteigen und Klettern – raus aus dem Alltag, rein ins Abenteuer, weg von den Leuten, hin zu Wind, Wasser, Wolken und Abgrund.

In Schottland, wo jedes zweite Dorf einen Golfplatz hat, wirkt dieses Spiel viel urtümlicher und natürlicher. Mit Kind und Kegel wird dort gespielt, mit Grossvater und Tante oder als versammelter Pub-Tresen. Das ist Volkssport. Bei uns dagegen sind Plätze und Spieler auf den Millimeter getrimmt. Golf ist der Sport der Steueroptimierer. Gibt es einen CEO, der nicht Golf spielt? Ein Banker ohne Golfschläger weckt den Verdacht, heimlich SP zu wählen. Karriere in der Wirtschaft ohne Offizierslaufbahn war bis vor zwanzig Jahren undenkbar; heute muss man putten.

90 000 Golfspieler in der Schweiz

Ein Klischee? Nicht, wenn man sich die parkierten Autos vor den Golfclubs anschaut: überdurchschnittlich viel Range Rover, Audi und BMW. Doch für den Schweizer Golfverband, die Association Suisse de Golf (ASG), ist das ein grosses Klischee und ein ärgerliches dazu. Denn sie zählt in ihren 96 Golfclubs und 11 angeschlossenen Vereinigungen fast 90'000 Mitglieder, davon gegen 7000 Junioren.

Um das Image des Golfsports zu ändern, hat der Verband die Kampagne «Golf – it’s magic!» gestartet, die zwar mit den Stereotypen vom Spiel für Reiche und Alte spielt, aber zum Ziel hat, innert vier Jahren 10 000 zusätzliche Golfer zu gewinnen. Viele Clubs wären in der Lage, neue Mitglieder aufzunehmen, schreibt der Verband auf seiner Website.

Mitgliederbeitrag bloss «auf Anfrage»

Golf ist in der Schweiz rasant gewachsen: von 12'000 Aktiven im Jahr 1985 auf fast 90'000 im letzten Jahr. Sorgen ­bereiten der ASG aber die Junioren, deren Zahl seit einigen Jahren kontinuierlich sinkt. Ist Golf teuer? ASG-General­sekretärin Barbara Albisetti antwortet, das sei wie bei anderen Sportarten abhängig vom Material. Eine gute Ausrüstung lasse sich aber ohne Problem für weniger als 1000 Franken kaufen. Die Kosten für Mitglieder seien von Club zu Club verschieden, aber besonders günstig bei den zwei Public-Golf-Organisationen ASGI und Migros. Bei den Golfclubs steht unter Aktivmitgliedschaft meist «auf Anfrage». Ohne die Diskretion ­stören zu wollen: Die Jahresgebühr ­bewegt sich in der Regel im vierstelligen Bereich.

Um auch den golfskeptischen Bergsteiger von den Schönheiten dieses Sportes zu überzeugen, lädt der Golfverband nun also auf den schön gelegenen Golfplatz Breitenloo zwischen Kloten und Winterthur ein. Dort wartet Nora Angehrn auf den Novizen. Sie ist sechsfache Schweizer Meisterin, war fünf Jahre auf der Profitour und arbeitet seither als Golflehrerin im Golfclub Breitenloo und für den Schweizer Golfverband als Elitecoach in der Nachwuchsförderung. Wenn sie das Golffeuer nicht entfachen kann, dann niemand.

Das Gegenteil von SambaTeil 2

Nora Angehrn, aufgewachsen in Zol­likon, spielt Golf seit ihrem zehnten ­Lebensjahr. Sie ist sechsfache Schweizer Meisterin, war Profi und arbeitet jetzt für den Schweizer Golfverband als Elitecoach in der Nachwuchsförderung und als Golflehrerin im Golfclub Breitenloo. Von Anfang an strahlt sie die Gewissheit aus: Auch du wirst es lieben.?

Zuerst üben wir das Putten, das Einlochen, das der Laie glaubt vom Minigolf her zu können. Nur korrigiert einem dort niemand die Haltung, während Nora in die Vollen geht: Nicht so steif, kein Buggeli machen, nicht Samba tanzen, der Oberkörper spielt Golf, Gürtelschnalle tief, Handfläche gegen Handfläche. Schliesslich stehe ich so da, wie ich nie im Leben freiwillig hingestanden wäre, aber Nora ist zufrieden. Etwas später scheint die Position schon nicht mehr so unnatürlich. Nora: «Jetzt stehst du bequem, also stehst du falsch.»

Das Loch ist 10 Meter entfernt, Nora trifft, ich setze auf langsame Annäherung, von 10 Meter daneben bis 1 Meter. «Geht ja», denkt es, doch der nächste Schlag ist bereits wieder eine Attacke auf den Mann weit hinten auf dem Putting-Green. «Schlecht gestanden», lautet die Erklärung der Meisterin.

Aller Anfang ist der Griff

Die zweite Lektion gilt dem Chippen, dem Annäherungsschlag aufs Green, wo das Loch hockt. Sie beginnt mit einer Schlägerkunde und den verschiedenen Anstellwinkeln der Schlagfläche, die dem Ball die gewünschte Höhe geben. Dann gibts Griffdrill: Schläger wie einen Koffergriff fassen (Daumen vorn, nur drei Knöchel sichtbar), rechte Hand anschliessen, und schon wirds wieder ungemütlich: Knie locker, kein Buckel, Hüfte ruhig, Arme gestreckt.

Weil das wesensfremd ist, klemmt mir Nora einen Schläger unter die Achseln, damit Arme und Oberkörper ein fixes Dreieck bilden. Ich möchte nicht wissen, wie das aussieht. Aber immerhin: Der Ball steigt schon beim ersten Schlag wie ein ­Torabstoss, auch wenn er weit neben dem Green landet. Wenigstens steil! Die nächsten Bälle machen dann wieder auf Tiefflieger, mal rechts, mal sehr rechts, mal links, obwohl ich doch genau gleich geschlagen habe. Stimmt nicht, weiss Nora: Arme zappelig, Buckel, Schlägerkopf abgedreht, steife Knie, «so gibts keine Kontrolle über den Ball».

Komm doch, grosser Schwung

Die dritte Lektion gilt dem Abschlag, jetzt kommt Schwung in die Sache. Nora zeigt erst mal, was möglich ist, spielt verschiedene Weiten und Kurven. Unglaublich, wie ihre Bälle weg und in die Höhe zischen, ein Hauch von Cape Canaveral liegt über dem Golfplatz Breitenloo. Und schon geht wieder der Griff-drill los, jetzt noch erschwert mit der Ausholbewegung über die Schulter. Zu allen Plagen von vorhin – Knie, Buckel, Samba – kommt jetzt noch der linke Arm hinzu, der partout nicht gestreckt bleiben will. Für diese Bewegung fehlt mir ein zweites Hirn im Nacken, weshalb es jetzt gefährlich wird: Die ersten Bälle sind Anarchie in Golfform, doch dann – o Wunder – passiert es . . .

Vielleicht ein andermalTeil 3

Die ersten Abschläge missraten: Tiefflieger in alle Richtungen zwischen Nordost und Nordwest. Doch dann – oops – der Ball steigt und fliegt etwa 60 Meter weit. Super, sagt Coach Nora Angehrn, und als dann der nächste Ball auch steigt, nennt sie mich gar ein Talent. Geht ja, denke ich, jetzt geben wir noch etwas Gutzi, sprich Weite hinzu. Aber beim nächsten Schlag bewegt sich nichts, beim folgenden auch nicht. Im Golf heisst das Air­shot, übersetzt Luftschlag oder grösstmögliche Peinlichkeit. Also korrigieren wir die Höhe des Schlägerkopfs – und malträtieren den Rasen.

Von Talent ist jetzt nicht mehr die Rede. Dafür schildert Nora, wie man einen ganzen Durchgang schlecht spielen kann, die Freude am Spiel verliert, dann aber beim letzten Loch einen perfekten Schlag macht, dem Ball eine halbe Ewigkeit nachschaut und sofort wieder weiss, warum man Golf spielt. Dieses Gefühl, wenn der Ball losfliegt und gar nicht mehr runterfallen will, sei unbeschreiblich.

Dem Schläger fehlt ein Auge

Nach zwei Stunden Einführung – Putten, Chippen, Driving – herrscht Sturm im Kopf und eisenschwere Müdigkeit. Diese Schlagbewegungen sind tatsächlich schwieriger als erwartet. Das richtige Halten des Schlägers bereitet dem Anfänger Probleme, und nur schon der Griff zum Stock erfordert Konzentration. Hätte der Schlägerkopf ein Auge, wärs leichter, den kleinen Ball tief unten zu treffen.

Und sonst? Golfplätze haben eine besondere Ästhetik, der Golfplatz Breitenloo zum Beispiel liegt auf einem Hügelrücken, eingebettet zwischen Wäldern, Feldern und Bauernhäusern – eine reizvolle Mischung von Landwirtschaft, Park und Seerosenteich. Sympathisch an den Golfern ist die Selbstironie bezüglich ihres Könnens. Eine positive Überraschung war auch die Freundlichkeit der angetroffenen Mitglieder im Golfclub Breitenloo mit allseitigem Grüssen und bester Laune.

Dieser Aufwand...

Überhaupt fällt auf, wie viele Golfclubs auf ihren Websites betonen, bei ihnen herrsche eine freundschaftliche, familiäre Atmosphäre. Über 100 Golfclubs und -plätze gibt es in der Schweiz. Sie stehen vor dem Problem, dass ihre kaufkräftigen Mitglieder, die in den ­90er- und Nullerjahren den Golfboom auslösten, mittelfristig aus Altersgründen ausscheiden. Der hohen Fixkosten wegen brauchen die Clubs aber steten Nachwuchs. Na, wie wärs? Eroberung des Fairways? Siege über das Handicap? Leidenschaft fürs Green?

Die wichtigste Voraussetzung wäre erfüllt: Wir würden nicht versuchen, die Mitspieler von der Kollektivierung des Privateigentums zu überzeugen. Aber angesichts des Aufwands und des Trainings, das für ein passables Spiel nötig ist, verzichten wir dennoch. Vielleicht im nächsten Leben in einem flachen Land. Skeptisch ­machen auch die scharfen Regeln gegen langsames Spiel, was auf Stosszeiten und Stau auf den Golfplätzen schliessen lässt. Doch in der Freizeit wollen wir ­genau das Gegenteil: Raus aus dem Alltag, weg von den Leuten, rein in die Einsamkeit, hinein ins kleine Abenteuer, das die Berge bieten.

Mit anderen Augen

Was meint die Gemahlin, die keinem Vergnügen abhold ist, ab 500 Höhen­meter Steigung aber unwillig wird? Wollen wir golfen, Holde? Nein! Golf tut nur so, als ob es draussen spielt. Golfplätze sind unnatürliche Natur. Wenn raus, dann richtig! Also werden wir wohl bald wieder einmal hinten am Sihlsee aus dem Bus aussteigen, den Weg Richtung Druesberg einschlagen und dabei am Golfplatz Ybrig vorbeikommen. Anders als vor fünf Jahren werde ich dann stehen bleiben, einige Schläge beobachten und vielleicht bewundernd nicken. Ich weiss jetzt, wie viel Engagement für einen guten Schlag nötig ist. Dann ruft der Berg.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.07.2016, 15:22 Uhr

Artikel zum Thema

Unschuldig ist nur der Ball

Sportpsycho Was fehlt einer Person, die Golf spielt? Unser Sportpsycho Patrick Frey weiss es. Mehr...

B-Side

Von Luftschlägen, Annäherungen und legendären Schlechtspielern. Mehr...

Lasst die Spiele beginnen!

Serie Rio 2016 hautnah: Zehn Journalisten, zehn Disziplinen, zehn Erfahrungsberichte. ­In unserer Sommerserie weht der olympische Geist ­amateurhaft übers Bellevue. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Lasst die Spiele weitergehen

Unsere Redaktion hat zehn olympische Disziplinen getestet. Ein Autor ist in den Seilen hängen geblieben. Mehr...

Der Taekwondo-Kämpfer

Serie Unserem Autor wird eine Sportart zugeteilt, die er nicht kennt und für die er schlecht konstituiert ist. Mehr...

Die moderne Fünfkämpferin

Serie Richtet sich der Moderne Fünfkampf an das Mittelmass? Unsere Autorin begibt sich auf die Suche nach Antworten. Mehr...