Zum Hauptinhalt springen

Sommertipp EngadinDer Herr des Holzes

Der Revierförster Ralf Fluor kennt die Wälder der Oberengadiner Dörfer La Punt und Madulain genauso wie ihre Bewohner. Nur einer entzieht sich immer wieder seinen Blicken.

Er bietet Gewähr, dass der richtige Baum zur passenden Zeit am rechten Ort geschlagen wird: Revierförster Ralf Fluor auf Baumstämmen, die er gefällt hat.
Er bietet Gewähr, dass der richtige Baum zur passenden Zeit am rechten Ort geschlagen wird: Revierförster Ralf Fluor auf Baumstämmen, die er gefällt hat.
Foto: Nicola Pitaro

Wo er jetzt wohl umherstreift? ... Der Gedanke lässt ihn nicht mehr los, seit vor vier Wochen wieder ein Wolf gesichtet wurde, am Eingang zum Val Chamuera, dem urwüchsigen Tal der Gämsen, wenige hundert Meter vom Dorf entfernt. Ein Rüde, hatte der Wildhüter die Beobachtung eines Touristen präzisiert, das Tier habe sich talabwärts bewegt, Richtung Zernez. Und dort zieht schon seit einiger Zeit eine Wölfin durch die Gegend.

Insgeheim hofft Revierförster Ralf Fluor, dass die beiden einander finden und eine Familie gründen.
Ein letztes Mal noch scannt er mit seinem hochauflösenden Fernrohr die Baumgrenze. Weiter oben, im felsigen Gelände, hebt sich eine Gämse vom Abendhimmel ab. Die Dämmerung ist unterdessen so weit fortgeschritten, dass kaum noch eine Bewegung auszumachen ist.

Die Natur kontrolliert sich selbst

In seiner Heimatgemeinde La Punt ist Fluor für eine gesunde Flora verantwortlich. Er bietet Gewähr, dass der richtige Baum zur passenden Zeit am rechten Ort geschlagen und dass insbesondere nicht mehr Holz genutzt wird, als nachwachsen kann. Auf dieses «elementar wichtige Prinzip im Forstwesen» legt der 57-jährige Revierförster ähnlich viel Wert wie auf das Prinzip von der Natur, die sich selbst kontrolliert.

Der Wolf und nicht in erster Linie der Jäger, betont Fluor, der selber ein Jagdpatent besitzt, soll die Rotwild-Bestände auf natürliche Weise regulieren. Das sei ähnlich wie mit dem Bartgeier: Der fliegende Aasfresser, dessen Wiederansiedlung im Alpenraum vor vierzig Jahren zum erfolgreichsten Schweizer Artenschutz-Projekt wurde, sorgt für Ordnung in der Natur.

Die Alten locken den Jungvogel aus dem Horst

Mitte Juni hatte Ralf Fluor sein Fernrohr weiter hinten im Tal auf ein Stativ geschraubt und es auf die Felswand ausgerichtet, in der ein Bartgeier-Paar nistete. «Die Alten bringen dem Jungvogel kein Futter mehr», erklärte der Förster einem Wanderer, der auch einmal durchs Okular schauen wollte. «Sie fliegen nur noch mit einem Stück Fleisch vorbei, um den Jungvogel aus dem Horst zu locken. Und der hat keine Wahl: Irgendwann muss er sich in die Tiefe stürzen – und fliegen lernen.»

Und tatsächlich: Wenige Tage später öffnete der hungrige Jungvogel zum ersten Mal seine Schwingen. Die Alten begleiteten ihn, bis er am Ufer des Flusses stolpernd landete. «Er wird noch ein paar Flugstunden brauchen», sagt der Förster und lacht.

Ralf Fluor erklärt die jahrhundertealte Tradition des «Mondholzes».
Video: Markus Schlumpf (Travelcontent)

Am späten Nachmittag des 1. August hat er sein kleines Zelt auf den Rucksack geschnallt und sich mit Doris, seiner Frau, auf den Weg gemacht. Eineinhalb Stunden dauerte der Aufstieg zum Gipfel des Piz Muntischè.
Fluor verstaut das Fernrohr im Rucksack und holt einen Knäuel dieselölgetränkter Putzfäden heraus; er verteilt diese in einem Scheiterhaufen – zwei Ster Lärchen-, Fichten- und Arvenholz sind am Vortag vom Helikopter heraufgeflogen worden – und legt Feuer.

Knapp tausend Meter weiter unten steht sein oberster politischer Dienstherr am Rednerpult: Regierungsrat Mario Cavigelli hält in La Punt die Rede zum Bundesfeiertag. Der Applaus des auf 200 Personen beschränkten Publikums gilt nicht nur den Worten des Politikers, er drückt auch die Freude der Menschen aus über das Höhenfeuer, das dort oben auf dem Muntischè auflodert.

Holz ist Familiensache: Ralf Fluors Vater war Schreiner, sein Sohn hat eine Lehre als Forstwart abgeschlossen. Er selbst hätte sein Studium am Bildungszentrum Wald in Maienfeld gern durch eine Wildhüter-Ausbildung ergänzt; in den Nachbarländern und auch in anderen Kantonen sei diese Kombination durchaus üblich, sagt er, im Bündnerland hingegen sind die Verantwortlichkeiten für Flora und Fauna klar geregelt: Während der Wildhüter den Tierbestand kontrolliert, Abschussquoten festlegt und das Treiben der Jäger überwacht, kümmert sich der Revierförster vorwiegend um die Pflege der Bäume und die Bewirtschaftung des Rohstoffes Holz, der zu über neunzig Prozent von den Kommunen verwaltet wird.

«Fast überall ist der Wald gemeinsamer Lebensraum für Tiere und Pflanzen», erklärt Ralf Fluor die Besonderheit des Bündner Jagdwesens. «Aber hier in den Bergen bewegt sich das jagdbare Wild zu einem grossen Teil oberhalb der Baumgrenze.»

Rund um La Punt bewirtschaftet Ralf Fluor zusammen mit zehn Mitarbeitern 1800 Hektaren Wald.
Rund um La Punt bewirtschaftet Ralf Fluor zusammen mit zehn Mitarbeitern 1800 Hektaren Wald.
Foto: Nicola Pitaro

Fluor bewirtschaftet 1800 Hektaren Wald, zehn Forstwarte sind ihm unterstellt, und er verantwortet ein Budget von drei Millionen Franken. Das ist die eine, die amtliche Seite des Revierförsters. Die andere, die leidenschaftliche, gibt er zu erkennen, wenn er zwischen Lärchen und Fichten auf einem Moosteppich am Ufer des Wildbachs Ova Chamuera sitzt und mit leuchtenden Augen erklärt, wie das so ist mit diesen Bäumen.

Wer gut im Saft ist, hilft dem Nachbarn

Da ist zum Beispiel dieses Netzwerk unter dem Boden, «ein alternatives www», schmunzelt Ralf Fluor. «Dieses Wood Wide Web ist ein waldumspannendes Geflecht von feinsten Würzelchen und Pilzfäden, über das die Bäume Informationen austauschen – und auch Substanzen: Wer gut im Saft ist, reagiert auf den Hilferuf eines Mit-Baums, der gerade Unterstützung braucht, und versorgt ihn allenfalls auch mit Nährstoffen.»

Sein ganz persönlicher Favorit ist der Bündner Nutzbaum schlechthin: «Die Arve verströmt ein Aroma, das vor Ungeziefer schützt: Keine Motte wagt sich in einen Kleiderschrank aus Arvenholz. Man hat darüber hinaus wissenschaftlich belegen können, dass ein mit Arvenholz verkleideter Raum den menschlichen Organismus beruhigt.»

«Empfindet der Baum Schmerz, wenn ich die Motorsäge ansetze? Freut er sich, wenn ich ihn berühre?»

Ralf Fluor, Revierförster von La Punt und Madulain

Er gehöre nicht zu den Esoterikern, die mit Bäumen reden oder sie umarmen, lacht Fluor – und wird gleich wieder ernst: «Aber ich weiss auch vieles nicht: Empfindet der Baum Schmerz, wenn ich die Motorsäge ansetze? Freut er sich, wenn ich ihn berühre?»

Zwischen der rauchenden Glut und dem Zelt schauen Ralf und Doris Fluor in die Nacht hinaus. Die letzten Feuerwerks-Raketen steigen auf, gedämpftes Krachen hallt von den Felswänden. Endlich kehrt Stille ein. Hell und beinahe rund steht der Mond über den Gipfeln. Sein Licht glitzert auf den Seen der Hochebene. «Ohne Corona wären wir in den Ferien», sagt Doris Fluor. «Genau. Wir wären in Amerika, im Yellowstone-Park», antwortet er. «Schöner als hier wäre es dort auch nicht», meint sie. «Aber wir würden Wölfe sehen – ganz gewiss!», sagt er.

Dieser Beitrag ist der letzte Teil einer Serie, die von Engadin St. Moritz Tourismus finanziert wurde. Die redaktionelle Verantwortung liegt bei der SonntagsZeitung.