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Vorbild Jennifer LawrenceDie Frau aus Teflon

Mit den «Hunger Games» wurde Jennifer Lawrence und zum Vorbild einer Generation von Schauspielerinnen. Jetzt versucht sie sich als Produzentin.

War damals ein Weckruf für Nachwuchsschauspielerinnen, und eine Verheissung für Hollywood: Jennifer Lawrence 2019 in Paris.
War damals ein Weckruf für Nachwuchsschauspielerinnen, und eine Verheissung für Hollywood: Jennifer Lawrence 2019 in Paris.
Foto: Thibault Camus (AP Photo)

Bei manchen Leinwandstars kann man sich ja kaum vorstellen, dass es eine Zeit gab, in der sie noch nicht allgegenwärtig waren. Was Jennifer Lawrence betrifft, könnte man meinen, sie sei seit einer halben Ewigkeit Teil des Hollywood-Establishments. Aber das scheint nur so, weil sie schnell Karriere gemacht hat.

Am 15. August feiert die amerikanische Schauspielerin ihren 30. Geburtstag. Ein guter Moment, um Rückschau zu halten, auch wenn es etwas ruhiger geworden ist um jene Schauspielerin, die zu den begabtesten und bestbezahlten ihres Faches gehört. Aber für die Darstellung und Wahrnehmung weiblicher Figuren im heutigen Kino ist sie prototypisch.

Das hat auch biografische Gründe. Lawrence, die in der Öffentlichkeit auch mal mit rustikalem Gebahren auffällt, wurde als 14-Jährige in New York auf der Strasse entdeckt – als Model.

Doch sie wollte Schauspielerin werden. Dafür brach sie die Schule ab und zog mit ihren Eltern und Brüdern nach Los Angeles. Eine erste Kostprobe jener Entschlossenheit, die Lawrence später in ihre Filmfiguren einfliessen liess.

«Haben Sie es nicht gehört? Kim Basinger ist gestorben.»

Jennifer Lawrence verblüfft 2008 am Filmfestival Venedig mit einem Fauxpas.

Genauso in Erinnerung blieb ihre erste Pressekonferenz 2008. Angesprochen auf Kim Basinger, die in «The Burning Plane» ihre Grossmutter spielte und nicht vor Ort war, meinte die 18-Jährige trocken: «Haben Sie es nicht gehört? Sie ist gestorben.» War es möglich, dass dieser Teenager über ihren Co-Star spottete?

Man hätte es ahnen können: Diese Frau wird keine jener klassischen Love-Interest-Figuren spielen, sie wird sich nicht verstecken, sondern aus eigener Kraft schöpfen. Mit «Winter's Bone» (2010) war es so weit: Als resolute Tochter einer verarmten Landfamilie – ihre erste Hauptrolle – erhielt sie auf Anhieb eine Oscarnomination.

Jennifer Lawrence als Katniss Everdeen in der «Hunger Games»-Tetralogie.
Jennifer Lawrence als Katniss Everdeen in der «Hunger Games»-Tetralogie.
Foto: AP

Ein Türöffner in Richtung Hollywood, kein Zweifel. Wobei es aus heutiger Sicht folgerichtig erscheint, dass gerade Lawrence die Rolle der Katniss Everdeen in der «Hunger Games»-Tetralogie erhielt – jener Gladiatorin im Castingshow-Format, die Rebellin und Covergirl einer futuristischen Diktatur in einem verkörpert.

Solche Frauenrollen gab es bis zu jenem Zeitpunkt im Mainstreamkino selten. Lawrence jedoch zeigte, wie man Widerstandskraft, Anmut, Entschlossenheit und Verzweiflung in eine Figur packt, zäh und gefühlvoll wirkt.

Weckruf und Verheissung zugleich

Ein Weckruf für Nachwuchsschauspielerinnen, und eine Verheissung für Hollywood, wo man feststellte, dass sich mit toughen Heldinnen Geld verdienen liess, viel Geld. So wurden bald weitere Darstellerinnen nach dem Vorbild von Lawrence verpflichtet:

Und auch im marvelschen Superheldenuniversum – der erfolgreichsten Filmreihe der Welt – gabs nach zwanzig Filmen eine Kurskorrektur: Mit Brie Larson ( «Captain Marvel») wurde 2019 erstmals eine Titelheldin präsentiert – weitere prominente Frauenrollen folgen.

«Es muss mit einem Erdbeben beginnen und sich dann steigern.»

Hollywoodproduzent Samuel Goldwyn (MGM)

Mit 22 gewann Jennifer Lawrence für den Part als nymphomanische Tänzerin in «Silver Linings Playbook» den Oscar als beste Hauptdarstellerin, 2015 und 2016 stieg sie zur bestbezahlten Schauspielerin der Welt auf.

Als 2014 der «Sony-Hack» bekannt wurde (jener Angriff auf das Hollywoodstudio, der unter anderem die Gehaltslisten der Stars ans Licht brachte) war es Lawrence, die sich entrüstete.

«Ich habe als Verhandlerin versagt, weil ich zu früh aufgegeben habe.»

Jennifer Lawrence nach dem «Sony-Hack» 2014.

«Als ich herausfand, wie viel weniger mir bezahlt wurde als den Menschen, die das Glück hatten, mit einem Schwanz geboren zu sein, wurde ich nicht wütend auf das Studio, sondern wütend auf mich selbst», schrieb sie in Lena Dunhams Newsletter. «Ich habe als Verhandlerin versagt, weil ich zu früh aufgegeben habe.»

Unbeeindruckt von einem Regietyrannen

Die Rede ist von «American Hustle», dem zweiten Film mit David O. Russell. Der Regisseur steht im Ruf, ein Tyrann am Set zu sein (wofür es diesen Beleg gibt), und Lawrence’ Co-Star Amy Adams gestand: «Ich war am Boden. Nicht täglich, aber meistens. Jennifer Lawrence machte das aber nichts aus. Sie ist aus Teflon.»

Gibt es bessere Voraussetzungen, um in Hollywood Erfolg zu haben? Sich vom permanenten Druck nicht kleinkriegen zu lassen? Lawrence lässt ihr Superstar-Dasein aussehen wie einen Joggingparcours, auf dem man hie und da einen schlechten Witz reisst. Ihre resolute Art hat die Kinolandschaft in zehn Jahren markant verändert.

Und jetzt, wo die Filmwelt stillsteht, baut Lawrence an der Zukunft. Gleich vier Filme mit ihr sind angekündigt, in dreien davon ist sie erstmals als Produzentin dabei. Zum Beispiel in «Red, White and Water», wo sie nicht nur eine vom Afghanistankrieg traumatisierte US-Soldatin spielt, es ist auch der Erstling ihrer 2018 gegründeten Produktionsfirma Excellent Cadaver. Dass dabei zu wenig Gage abfällt – es wird Jennifer Lawrence nicht noch einmal passieren.