Der immerwährende Krieg

Meinrad Schade zeigt sein ambitioniertes Langzeitprojekt in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur – die Ausstellung «Krieg ohne Krieg».

Der Fotograf Meinrad Schade spricht über sein Langzeitprojekt. Ein Film von Michael Hauri.

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Eine wahnwitzige Arbeit, ein Sisyphus-Auftrag, eine masslose, endlose Aufgabe. Seit 2003 hört man davon, ist es gerüchteweise im Umlauf, das Projekt, in das sich ein Schweizer Fotograf verbissen hat. Meinrad Schade heisst der ­Sisyphus, und er will sich und uns ein Bild machen von einem Gegenstand, der sich jeder Vorstellung und Darstellung verweigert – dem Krieg. Schade reiste dafür und reist weiterhin in aktuelle und historische Krisenregionen in Russland, nach Israel und ins Westjordanland.

Finanziert von der Kulturstiftung des Kantons Thurgau, aber auch aus eigener Tasche, findet er kein Ende, ein Wiederholungs-, wenn nicht Triebtäter, der immer wieder zurückkehrt nach Tschetschenien etwa oder nach Kasach­stan, in die Ukraine. Denn es geht ihm erklärtermassen nicht darum, an der Front zu arbeiten, sondern hinter dem Frontver­lauf, dort, wo Kriegsreportern und Pressefotografen üblicherweise der Stoff ausgeht.

Zu viel Aufklärungswillen?

Schade fotografiert die Konsequenzen des Krieges, das Nachbeben, in Städten und Dörfern, die niemals in die Schlagzeilen finden, die niemand «covert». Beginnend mit Kosovoflüchtlingen in der Schweiz (1999), fotografiert er Menschen als Kollateralschäden, Vertriebene, Verstrahlte, die innerhalb einer Ausnahmesituation eine Art Normalität zu leben versuchen. Sie sind für niemanden von Belang, haben keine Lobby, keine Partei.

Rettungslos ambitioniert schien das, und hilflos schien vielen auch der Arbeitstitel dieser fixen Idee: «Vor, neben und nach dem Krieg – Spurensuche an den Rändern des Konfliktes». Schades Work in Progress schien mit derart viel Aufklärungswillen betrieben, dass ihm jede Mitte und jeder Fokus mangle, munkelte man.

Doch mit einem Schlag ist alles anders. In der Fotostiftung Winterthur hat Co-Direktor Martin Gasser ordnend in diese Fleiss- und Ausdauerarbeit eingegriffen und eine Ausstellung kuratiert, mit der keiner gerechnet hat: «Krieg ohne Krieg». Sechs knappe und doch ausufernde Kapitel hat Gasser aus dem opulenten Bilderberg destilliert: Schades Spurensuche in Israel und im Westjordanland (2013/14) zum Beispiel, über eine Region in der Dauerkrise seit Gründung des Landes. Oder seine Aufnahmen aus Kiew und Wolgograd (2007/08), wo eine Mehrheit der Menschen bis heute den «Grossen Vaterländischen Krieg», also den Zweiten Weltkrieg, ­euphorisch verehrt. Oder Schades Bilder aus dem Osten Kasachstans (2010), wo auf einer Fläche, die siebenmal so gross ist wie die Schweiz, die Menschen bis heute unter den Folgen der Atombombentests leiden, die die Sowjetunion hier zwischen 1949 bis Ende der 80er-Jahre durchgeführt hat. Krebs­erkrankungen, Missbildungen, Schade hält mit seiner Kamera drauf, nennt in den Legenden Namen, Biografien und ist ohne Schonung – für den Betrachter.

Der Blick aufs Detail

«Krieg ohne Krieg» zeigt nicht, was möglicherweise nicht gezeigt werden kann: das wahre Gesicht des Krieges. Denn dieser hat so viele, wie es Kriege gibt. Über 50 Millionen Menschen waren Ende 2013 auf der Flucht, so viele wie seit Weltkriegsende nicht mehr, weiss man beim UNHCR. Die Ausstellung «Krieg ohne Krieg» gibt keine Antwort und liefert keine grosse These. Die Ausstellung, und das ist ihre Stärke, operiert im Kleinen. Sie schärft den Blick aufs Detail. Vor allem aber macht sie klar, dass Schade eine erzählerische Kraft besitzt, ein frappantes Talent zur Komposition und zur Bilddramaturgie. Und all das zeigt sich am schönsten – nicht im grossen Ganzen, sondern im Spezifischen und Besonderen, im Einzelfall, im Einzelbild.

Zum Beispiel im Bild, das Schade anlässlich einer «Living History»-Schau in Kent 2009 aufgenommen hat. Denn auch sie bezieht der Fotograf in sein grosses Kriegs-Tableau mit ein: Waffenmessen wie die Eurosatory im Norden von Paris, ein Branchentreffen der Rüstungsindustrie, mitfinanziert vom französischen Verteidigungsministerium. Oder eben die War & Peace Show in England, in der «Männer in Originaluniformen, oft inklusive Unterwäsche» (Meinrad Schade), Kriegsszenen nachstellen. Jede zusätzliche Erklärung des Fotografen – in der Ausstellung auch in einem von ihm selbst in Auftrag gegebenen Film – ist obsolet, denn das Bild erzählt mehr, als der Autor je könnte: Es zeigt die Ironie und die Perversität unserer Lust am Krieg, an der Gewalt, an der Macht und ihrer Konsequenz.

Just dieses Kapitel allerdings fehlt in der Publikation «Krieg ohne Krieg». Denn die Stärke der Ausstellung ist die Schwäche des Buches zur Ausstellung. Im Verlag Scheidegger & Spiess haben Schade und die Herausgeberin Nadine Olonetzky die Publikation «Krieg ohne Krieg» («Fotografien aus der ehemaligen Sowjetunion») veröffentlicht, doch was Gasser gelingt, glückt hier nur in Teilen.

Wenn der Kurator für Schades Bilder eine begehbare Bühne baut, auf der die Gleichzeitigkeit des Wahnsinns sichtbar wird, die Zusammenhänge klar und die historischen Verstrickungen offenkundig – kommt die Publikation mit ihrem Fokus auf die ehemalige Sowjetunion nicht über die Behauptung hinaus, dass Schade ein bemerkenswerter Reportage­fotograf sei. Doch er ist mehr. Und diesen Mehrwert kann man nur in den ­Museumsräumen körperlich erfahren.

Bis 17. Mai. Am 15. März, 11.30 Uhr, führt der Schriftsteller Michael Schischkin mit Meinrad Schade durch die Ausstellung.

Erstellt: 11.03.2015, 19:35 Uhr

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