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Legendäre Zürcher DiscosDer «In-Laden» des schlitzohrigen Dandys

Die Clubs sind zu, die Dancefloors leer, die DJs daheim. Zeit, um in der Geschichtenkiste des Nachtlebens zu wühlen. Teil 4: Das Revolution.

So sah das im Zürich der frühen Seventies vor einem Szene-Schuppen aus – mittendrin Revolution-Inhaber Hans-Ruedi Jaggi (mit Brille auf der Motorhaube).
So sah das im Zürich der frühen Seventies vor einem Szene-Schuppen aus – mittendrin Revolution-Inhaber Hans-Ruedi Jaggi (mit Brille auf der Motorhaube).
Foto: Sam’s Collection

Eigentlich sind wir ja auf der Zeitachse bereits am Ende der 1960er-Jahre angelangt. Und doch springen wir nun nochmals rasch ein bisschen zurück, konkret in die Ära des Clubs Embassy am Stadthausquai, wo ab 1965 mit Pichi Zürichs wahrscheinlich allererster DJ auflegte (siehe Teil 2 dieser Serie).

Grund dafür ist ein Hinweis von Hardy Hepp, Protagonist aus Teil 1. Er schrieb uns nämlich, dass dem DJ-Vorreiter im Embassy damals nur ein Plattenspieler zur Verfügung stand. Als Pichi da nach ein paar Monaten aufhörte, um sich als Leader der Beatband Pichi & The Limelights zu versuchen, übernahm Hepp dessen DJ-Job. Als Musik-Aficionado, der er war, liess er sich von Patron Leo Scheuble nicht nur ein brandneues DJ-Mischpult, sondern auch zwei Plattenspieler installieren (das machte übrigens Stephan Loewensberg, Filius der Kunstmalerin Verena Loewensberg, die mit Max Bill, Richard Paul Lohse oder Hans Coray zum Kern der Zürcher Konkreten gehörte).

Und so können wir heute freudig richtigstellen: Pichi war zwar Zürichs erster DJ, Hardy Hepp aber, der im September 1967 auf der Zürcher Allmend das erste helvetische Flowerpower-Festival Love-In veranstaltete und ein Jahr danach an der Fera mit «Hits à gogo» auch die erste Schweizer Fernsehsendung in Farbe moderierte, war der erste hiesige DJ, der die Songs so ineinandermixte, wie das heute Standard ist.

Vom Lampenverkäufer zum Dandy

Voilà, und damit zum letztmalig gemachten Versprechen, in Teil 4 jenen «kleinen, grossen Mann» vorzustellen, der nicht nur die Stones (1967), Jimi Hendrix und Eric Burdon (1968) sowie Box-Champion Muhammad Ali (1971) nach Zürich brachte, sondern im Chreis Cheib ab 1969 auch das Revolution betrieb – den gemäss ebendiesem Mann «mit Abstand grössten Pop-Club der Schweiz».

Solch grossmäulige Parolen waren offenbar typisch für Hans-Ruedi Jaggi: Er war bloss 1,62 Meter gross – was ihm bereits zur Schulzeit den Übernamen «Pfüpf» eintrug, den er später kaum mehr loswurde –, doch sein Ego und Wagemut, heisst es, seien «legendär gigantisch» gewesen. Auf diese Weise sowie mit viel Charisma und Cleverness gelang dem Metzgersohn aus Oberengstringen eine fürwahr schillernde Karriere.

Grosse Klappe und grosses Herz: Hans-Ruedi Jaggi, der sich laut Weggefährten «vor Mächtigen nicht scheute und, wenn immer es zählte, für seine Freunde da war.»
Grosse Klappe und grosses Herz: Hans-Ruedi Jaggi, der sich laut Weggefährten «vor Mächtigen nicht scheute und, wenn immer es zählte, für seine Freunde da war.»
Foto: Sam’s Collection

Sie begann mit einer Lehre als Lampenverkäufer im Jelmoli, gefolgt von einem Kellnerjob im berüchtigten Milieu-Lokal Schwarzer Ring an der Kruggasse. In den Folgejahren schlüpfte Jaggi gemäss Zeitzeugen und Weggefährten dann in so unterschiedliche Rollen wie Agent Provocateur, Dandy, Hochstapler, Kleinkrimineller, Promoter, Schlitzohr oder Zocker.

Hinzu kam seine Vorliebe für schnittige oder edle Autos, die er auch als Statussymbole einzusetzen pflegte. Darf man den verschiedenen Publikationen Glauben schenken, die über das ausschweifende Leben von Jaggi berichteten, besass er unter anderem einen Jaguar E-Type, einen Ferrari – plus, der Clou: einen Bentley mit eigenem Fahrer! Wie sich Sauterelles- und Krokodil-Schlagzeuger Düde Dürst erinnert, war dieser Chauffeur der Bruder von Susi Birrer, Sekretärin von Jürg Marquard, dem Herausgeber der Musikpostille «Pop» und späteren Selfmade-Millionär.

Der Journalist und Autor Eugen Sorg hat die filmreife Biografie von Hans-Ruedi Jaggi, der 2000 im Alter von gerade mal 59 Jahren verstarb, aufgeschrieben; das Buch ist jedoch aus rechtlichen Gründen bis heute nicht erschienen.

In den Hinterzimmern war das Revolution auch eine Spielhölle, in der angeblich um gefährlich hohe Sümmchen gezockt wurde.

Zurück zum Club Revolution. Das Etablissement an der Zwinglistrasse hatte unter dem Namen Crazy Girl schon vor 1969 existiert. Bekannt geworden war es durch die Tatsache, dass der dortige Türsteher Jimi Hendrix nach dessen Auftritt am «Monster-Konzert» im Hallenstadion im Mai 1968 den Eintritt verwehrt hatte (siehe Teil 3). Jaggi entwickelte für seinen Pop-Club ein ziemlich «spezielles», aber durchaus cleveres Konzept: Tagsüber war das Revolution ein Café, in dem sich morgens die Kreis-4-Büezer ihren flüssigen Znüni einverleibten und nachmittags die älteren Semester zu Kaffee und Kuchen trafen. In der Nacht wurde es dann zur Disco – und in den Hinterzimmern zusätzlich zur (natürlich geheimen) Spielhölle, in der angeblich auch um gefährlich hohe Sümmchen gezockt wurde.

Die Behörden, die sich von Jaggis Aktivitäten und Aktionen schon immer provoziert gefühlt hatten, warteten nur auf einen Vorwand, um seinen «In-Laden» dichtzumachen. Als eines Tages einer der Revolution-Kellner einem Gast LSD verkaufte und dabei erwischt wurde, war es passiert – knapp drei Jahre nach dem Start wurde der Club geschlossen.

Wie die Frau im «Pyjama» ans Konzert von Emerson, Lake & Palmer kam

Zu unserer Freude hatten wir den letzten Teil dieser Serie mit der Richtigstellung eines aufmerksamen Lesers abschliessen dürfen. Diesmal wirds noch besser – Leserin Susanne Kopp hat uns nämlich einen Leserbrief geschickt, weil sie sich auf dem tollen Bild des Clubs Platte 27 – das wir hier natürlich unbedingt nochmals zeigen wollen – wiedererkannte.

Die schwofende Leserin Susanne Kopp im «Pyjama-Look», aufgenommen im Alter von 20 Jahren im Club Platte 27.
Die schwofende Leserin Susanne Kopp im «Pyjama-Look», aufgenommen im Alter von 20 Jahren im Club Platte 27.
Foto: Museum für Kommunikation

Sie schreibt: «Letzte Woche entdeckte ich ein Foto von mir, aufgenommen im Club Platte 27. ‹Das bin ich mit 20 – oh je, im Pyjama-Look!›, so ihre spontane Feststellung (unsere Meinung: Le dernier cri! Und Sie sind voll «im Groove», das ist genau zu sehen). Weiter berichtet Frau Kopp, sie sei mit ihrer Schwester auch öfter im Blow Up an der Schoffelgasse gewesen. Und an einen Besuch erinnere sie sich besonders gut – weil der Türsteher jenes Abends «die langhaarigen Sauhunde» (seine Bezeichnung für drei vor ihm stehende englischsprachige Männer) nicht habe reinlassen wollen.

Kopp: «Ich erkannte Emerson, Lake & Palmer, eilte zur Tür und rief: ‹Du Ignorant, diese Band spielt morgen im Hallenstadion!› So durften sie rein, dankten mir und setzten sich zu uns. Es gab zwei Freikarten fürs Konzert und eine Einladung für die After-Show-Party. Das Konzert genossen wir, doch zur Party gingen wir nicht, wir wollten keine ‹Groupies› sein. Herzliche Grüsse, Susanne Kopp.»

Wir möchten uns für den wunderbaren Brief herzlich bedanken. Und auch wenn wir eingestehen, dass wir den Partybericht (selbstredend!) sehr gern gelesen hätten, ziehen wir voller Respekt den Hut – im Wissen, dass sich vorsichtig geschätzt wahrscheinlich 98 Prozent der Damen für die «Groupie»-Variante entschieden hätten.