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Schneckenrennen um die Europa LeagueDer Kampf gegen den inneren Schweinehund

Servette, Luzern und der FC Zürich haben vor den letzten zehn Tagen der Meisterschaft noch alle Chancen, den vierten und letzten Platz im Europacup zu erreichen. Jeder Club hat seine eigenen Probleme.

Gegen den FCZ tat sich St. Gallen in dieser Saison schwer: Die Zürcher konnten  alle drei Partien für sich entscheiden. Zuletzt gewannen sie gegen die Ostschweizer gar 4:0.
Gegen den FCZ tat sich St. Gallen in dieser Saison schwer: Die Zürcher konnten alle drei Partien für sich entscheiden. Zuletzt gewannen sie gegen die Ostschweizer gar 4:0.
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Gewinnen die Zürcher auch im vierten Duell die Oberhand gegen die Zweitplatzierten St. Galler? Ein Sieg ist im Kampf um den letzten Platz im Europacup laut Ludovic Magnin Pflicht.
Gewinnen die Zürcher auch im vierten Duell die Oberhand gegen die Zweitplatzierten St. Galler? Ein Sieg ist im Kampf um den letzten Platz im Europacup laut Ludovic Magnin Pflicht.
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Alain geigers
«Wir machen es diese Saison super», sagt  Servette-Coach Alain Geiger. Sein Team steht derzeit auf dem vierten Tabellenrang.
Alain geigers
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Also, Ludovic Magnin, wie viele Punkte braucht der FCZ aus seinen vier Spielen noch, um den 4. Platz zu erreichen? Die Antworten kommen beim Zürcher Trainer immer sekundenschnell, jetzt kommt sie gefühlt noch etwas schneller. «12!», ruft er. Und wieso 12? «Weil wir eine miserable Tordifferenz haben.» Minus 22 beträgt sie, Servette dagegen hat plus 9 und vor allem vier Punkte Vorsprung.

Rang 4 berechtigt zur Teilnahme an der nächsten Qualifikation zur Europa League. Drei Mannschaften sind involviert, Servette, der FCZ und Luzern, wobei es mit Lugano gar eine vierte gibt, die zumindest rechnerisch noch ihre Chancen hat.

Das hört sich spannend an, es ist auch spannend, weil es in dieser Corona-Saison so schwer ist, verlässliche Prognosen abzugeben. Was sich Servette, Zürich und Luzern derzeit liefern, ist ein Schneckenrennen. Keiner von ihnen macht zumindest auf dem Platz den Eindruck, als wolle er diesen letzten europäischen Platz wirklich erreichen. Servette hat seit dem Wiederbeginn Mitte Juni noch eines seiner zehn Spiele gewonnen, Luzern hat zuletzt in fünf Runden noch einen Punkt geholt, und der FCZ steht mit zuletzt 1:11 Punkten und 1:11 Toren da.

«Sie sind keine Maschinen»

Überall gibt es Gründe für die sportlichen Einbrüche. Aus Genf meldet Alain Geiger: «Meine Spieler sind keine Maschinen.» 15, vielleicht 16 gestandene Spieler sieht er in seinem Kader, mehr nicht. Gar nur zwei sind es seiner Ansicht nach, die sich gewohnt sind, einen solchen Rhythmus zu gehen, wie er den Mannschaften abverlangt wird. Das sind Miroslav Stevanovic, der herausragende Techniker vom rechten Flügel, und Gaël Ondoua, der Kämpfer aus dem Mittelfeld.

Alain Geiger leistet in Genf gute Arbeit.
Alain Geiger leistet in Genf gute Arbeit.
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Daneben hat Geiger viele Spieler wie Anthony Sauthier, sein Captain ist ein vorbildlicher Kämpfer, aber jetzt geht er auf dem Zahnfleisch. «Das ist normal», sagt Geiger, «er hat in den letzten Jahren nur in der Promotion League und in der Challenge League gespielt. Ich habe nicht die Spieler, wie sie die grossen Clubs haben.»

Geiger stellt fest, nicht mehr. Servette hat wohl einen klingenden Namen, aber nicht mehr die vergleichsweise üppigen finanziellen Mittel wie in den grossen Achtzigerjahren. Zuletzt in Thun blieb Geiger in der personellen Not nichts anderes übrig, als auf die Jugend zu setzen. Das Resultat überraschte nicht, es setzte ein 1:5 ab. Thun war in jeder Beziehung besser.

Servette macht es diese Saison hervorragend. Und das hat ganz viel mit Alain Geiger als Trainer zu tun.

«Wir machen es diese Saison super», sagt Geiger trotzdem, und das machen die Genfer auch, weil sie ihren Spielstil nie leugnen, selbst in Basel oder Bern nicht. Das ist Geigers Handschrift. Der Lohn besteht für ihn zum einen darin, dass Servette noch immer alle Chancen hat, die Saison als Vierter zu beenden. Und zum anderen darin, dass sich sein Vertrag mit dem gesicherten Ligaerhalt um ein Jahr verlängert hat. «Oder haben Sie mir einen anderen Club, fragt er und lacht schallend. Der 59-Jährige hat sich das Unbeschwerte bewahrt, er weiss genau, wie ausgetrocknet im Fussball der Markt derzeit ist.

Xamax, Lugano und Sion heissen die letzten Gegner von Servette. Das hört sich nach einem lösbaren Programm an, aber Geiger gibt zu bedenken, wie schwierig es ist, gegen Mannschaften vom Tabellenende anzutreten, «die kämpfen um ihre Existenz», sagt er, «so können sie in einem Spiel immer den Unterschied erzwingen».

Luzern muss noch gegen YB, den FCZ und Basel antreten. Es ist ein happiges Programm für eine Mannschaft, die viel von dem Schwung verloren hat, der sie in dieser Rückrunde unter dem neuen Trainer Fabio Celestini vom Tabellenende nach oben gespült hat. «Wir sind müde», meldet Celestini aus Luzern. Die Müdigkeit drückt sich in Verletzungen aus. Für drei Spieler ist die Saison deshalb schon länger zu Ende, sechs weitere fallen aus, unter ihnen der junge Aziz Binous, der sich am Mittwoch erneut sehr schwer am Knie verletzt hat, kaum hat er sich von einem Kreuzbandriss erholt.

Magnin will nicht jammern

Wo Celestini resigniert tönt, gibt sich Magnin in Zürich kämpferisch. «Also Leute», sagt er, «jeder hat seine Probleme. Ich akzeptiere keine Ausreden. Wenn man sagt, dass man müde sei, ist man das erst recht. Auf Deutsch heisst es doch: Man muss den inneren Schweinehund überwinden.»

Während der ganz eigenen Corona-Krise hat der FCZ in Basel 0:4 verloren, 0:5 gegen YB und 0:1 in Lugano. Allzu gross ist der punktemässige Verlust für ihn nicht, weil er gegen Basel und YB diese Saison meist sehr hoch verloren hat. Was Magnin dagegen richtig schmerzt, ist der Auftritt am Mittwoch im Tessin.

Seine Spieler interpretierten wohl die Idee vom Ein-Kontakt-Fussball, aber auch nur, um die Bälle gleich 50 Meter wegzuschlagen. So schildert er das. Die erste Halbzeit ist für ihn «echt erschreckend» gewesen. Seit er im Februar 2018 Trainer ist, hat ihn seine Mannschaft spielerisch noch nie so enttäuscht. Erst in der 41. Minute sah er von ihr zwei Pässe in Folge.

In zehn Tagen muss der FCZ noch vier Spiele bestreiten. Es ist für ihn höchste Zeit, dass er sein Selbstbewusstsein wiederfindet.

«Wir müssen die Kurve kriegen», fordert Magnin nun, bevor es in den letzten zehn Tagen der Meisterschaft gegen St. Gallen, Sion, Luzern und Thun geht. Das heisst: Seine Mannschaft muss wieder selbstbewusst auftreten, mit der Lust, den Ball am Fuss zu haben, mit Intensität, mit Überzeugung und «mit Speed», wie Magnin sagt. Das Tempo von Aiyegun Tosin fehlt spürbar, seit sein Knie ramponiert ist. Umso nötiger wäre es, dass Marco Schönbächler aus seinem Formtief fände.

Vor dem Match letzten Samstag gegen YB sagte Magnin noch, er habe sich von der Swiss Football League die Verschiebung dieses Termins um einen Tag gewünscht. Er sagte es, um das einfach einmal zu thematisieren. Damit ist das Thema für ihn aber erledigt gewesen. Denn alles will er sein, nur keiner, dem vorgehalten wird, ein Jammerer zu sein. Darum hält er sich lieber an die Bilanz gegen St. Gallen. 2:1, 3:1 und 4:0 hat der FCZ den Gegner vom Samstag besiegt und das, obschon für Magnin St. Gallen nicht irgendwer ist: «Bei Pressing und Gegenpressing ist das die beste Mannschaft der Schweiz.»