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Eintracht-Präsident Peter Fischer«Der Kampf gegen Rechts ist mir wichtiger als jedes Tor»

Peter Fischer ist seit 20 Jahren Präsident von Eintracht Frankfurt, dem Gegner des FC Basel in der Europa League. Er ist stolz auf die sportlichen Erfolge, aber auch auf die Werte, für die sein Verein eintritt.

So jubelt ein Präsident: Peter Fischer bei den Feierlichkeiten zum DFB-Pokalsieg 2018 in Frankfurt.
So jubelt ein Präsident: Peter Fischer bei den Feierlichkeiten zum DFB-Pokalsieg 2018 in Frankfurt.
Foto: Reuters

Peter Fischer, herzlichen Glückwunsch zum 20-Jahr-Jubiläum als Vereinspräsident von Eintracht Frankfurt.

Vielen Dank.

20 Jahre. Das ist eine lange Zeit für einen Posten, den Sie damals eigentlich gar nicht antreten wollten.

Der Mensch ist ja so konditioniert, dass er in der Regel im Guten zurückblickt. Zehn Jahre nach einer Scheidung denkt man: Mensch, so schlimm war diese Ehe doch gar nicht. Aber ich habe in den letzten Tagen so viele Nachrichten und Glückwünsche erhalten, dass ich viel über meine ersten Tage als Präsident der Eintracht nachgedacht habe. Und ich habe dabei gemerkt: Es gibt doch einige Narben.

Welche?

Es gab so viele Kämpfe, die wir kämpfen mussten. Wir mussten uns mit einer Investorengruppe einigen, die nach dem Motto agiert hat: «Geld spielt keine Rolle». Das haben wir zum Glück gut beenden können. Dann der Tag, an dem die DFL uns die Lizenz verweigert hat und wir uns damit beschäftigen mussten, wie wir in der Regionalliga neu beginnen. Die Rettung folgte in letzter Sekunde. Es gab Konflikte zwischen der Kapitalgesellschaft und dem Mutterverein, in dem der Breitensport beheimatet ist. Missmut. Ängste.

Klingt nicht unbedingt nach einem Traumjob.

Leicht war es sicherlich nicht immer, aber am Ende kommt ja zum Glück immer der Scheibenwischer und man sieht, was man alles erreicht hat. Und ich bin der Typ Mensch, der in der Krise gut ist. Ich brauche Druck, ich brauche Adrenalin. Wenn alles funktioniert, bin ich eher langweilig.

Haben Sie nie überlegt, hinzuschmeissen?

Im Dezember 2004 war ich in Thailand und habe diesen schrecklichen Tsunami überlebt. Damals habe ich mir ein paar Dinge überlegt. Will ich mein Leben noch mal umstellen und anderen Dingen mehr Platz einräumen? Aber Rücktritt? Nein, sicher nicht.

Sie sind damals mit rund 5000 Mitgliedern gestartet…

Es waren ein paar weniger.

Inzwischen sind es über 90’000.

Und wir wollten dieses Jahr die 100’000 knacken. Aber es gibt im Moment nun mal etwas, das die Welt mehr beschäftigt als eine Mitgliedschaft bei Eintracht Frankfurt.

Es fällt mir schwer, die AfD mit ihrem politischen Programm – ich nenne das jetzt mal so – an meinen Tisch zu holen.

Peter Fischer, Präsident Eintracht Frankfurt

Wie können Sie diesen Zuwachs erklären?

Wir haben in vielen Bereichen gut gearbeitet. Da ist der Neubau unseres Sportleistungszentrums am Riederwald. Die gute Arbeit von Fredi Bobic und meinem Freund Axel Hellmann im Vorstand der Fussball AG, ebenso von zahlreichen Kollegen in den vielen Abteilungen, die sich für das Mitgliederwachstum eingesetzt haben. Auch sportliche Erfolge helfen, das haben wir in den letzten Jahren erfahren dürfen. Ein weiterer Grund für die Beliebtheit der Eintracht ist aber sicher auch das klare Bekenntnis zu unserem Wertekonzept, von dem wir keinen Zentimeter zurückweichen werden.

Sie erhielten Ende 2017 in Deutschland viel Zuspruch für Ihre Aussage, dass Wähler der AfD nicht Mitglied bei Eintracht Frankfurt sein können, da dies den Werten des Vereins widerspricht.

Und dazu stehe ich. Dazu stehen wir alle hier. Wir wehren uns entschieden gegen alle Parteien, die sich in diesem Umfeld bewegen. Wir haben eine grosse Solidarität erfahren. Tausende Menschen sind bei uns Mitglied geworden, weil sie sich damit identifizieren, wofür die Eintracht steht. Das sind Fans des Hamburger SV, von Kaiserslautern oder Mönchengladbach. Von vielen Vereinen. Sie vertreten die Meinung: In den Farben sind wir getrennt. Und wenn unsere Teams gegeneinander spielen, dann sind wir Gegner. Aber sonst solidarisiere ich mich mit der Eintracht und ihren Werten.

Ihre Aussagen sind eindeutig. Ist ein Dialog an dieser Stelle keine Option mehr für Sie?

Für mich gibt es keine Grundlage für einen Dialog. Es fällt mir schwer, die AfD mit ihrem politischen Programm – ich nenne das jetzt mal so – an meinen Tisch zu holen. Wie da versucht wird, Menschen zu fangen. Das ist brandgefährlich. In Deutschland mussten wir dieses Vorgehen leider schon mal erleben. Damals hatten sie keine Anzüge an, sondern Uniformen. So weit sind wir zum Glück noch nicht, aber es ist die gleiche Vorgehensweise wie damals. Und darum bin ich stolz auf unsere Kurve.

Es gibt nicht viele Funktionäre, die sich so klar positionieren.

Ich werde trotzdem meine Position weiter klar und deutlich vertreten. Ich bin zum Beispiel eingeladen worden, in Gedenken an den Terroranschlag von Hanau zu sprechen. Das mache ich natürlich. Ich bin bei diesem Thema viel unterwegs. Der Kampf gegen Rechts ist mir wichtiger als jedes Tor.

Sie haben mal gesagt, solch deutliche Bekenntnisse seien ein Alleinstellungsmerkmal der Eintracht. Ist das nicht ein Armutszeugnis für den Fussball?

Auch das ist mir in den letzten Tagen bewusst geworden. Viele Freunde und auch Funktionäre von anderen Vereinen haben mir geschrieben: «Du stehst dafür», «die Eintracht steht dafür», «toll, wie ihr das macht». Aber ich bin aus dem Alter raus, wo ich meinem Sohn sagen muss: «Guck mal, was der Papa für ein toller Typ ist. Der macht das alles ganz alleine». Der Sport muss politisch sein und seine Stimme gegen gesellschaftliche Fehlentwicklungen erheben, wenn es notwendig ist.

Der Verein Eintracht Frankfurt beherbergt mehr als 50 Sportarten. Warum tut sich besonders der Fussball so schwer, sich politisch zu positionieren?

Im Fussball haben wir uns daran gewöhnt, vor dem Spiel Tafeln hochzuhalten oder ein Video abzuspielen. Heute machen wir Fair Play. Heute sind wir gegen Rassismus. Heute gegen Homophobie. Aber die klaren Bekenntnisse fehlen. Es gibt einige Vereine mit einer reichen Geschichte und einer aktiven Fanszene. Aber man will nichts Falsches sagen oder jemanden verärgern. Dabei ist es doch gar nicht schwer. Es ist nicht schwer, Mensch zu sein. Die Positionen sind so einfach und verständlich. Dafür braucht man keinen Mut.

Ein anderer Aspekt, der Ihnen in den letzten Jahren ebenso viel Lob wie Kritik eingebracht hat, ist der enge Kontakt zu den Fans.

Ich komme aus der Kurve. Ich weiss, was Fankultur bedeutet und dass sie polarisiert. Es gibt einige Punkte in dieser Welt, die aus dem genormten, kommerziellen Rahmen fallen. Aber ich bin stolz, der Präsident einer so einzigartigen Kurve zu sein. Sie hat schon eine Haltung gezeigt, bevor ich hier war, und mit dem Slogan «United Colors of Bembeltown» ein Zeichen gesetzt. Das Leben in der Kurve gehört für mich einfach zum Fussball dazu.

Wenn ich sehe, was in Brasilien, in den USA oder auf deutschen Strassen passiert, da habe ich Angst.

Peter Fischer, Präsident Eintracht Frankfurt

Wie lässt sich das vereinbaren mit der zunehmenden Kommerzialisierung?

Ich will nicht, dass es irgendwann so weit ist, dass sich ein Kind zu Weihnachten ein Ticket für ein Spiel der Eintracht wünscht und der Vater sagt: In vier Jahren gibt es wieder Karten. Fussball muss für die nächste Generation erlebbar sein. Es muss die Chance geben, sich im Stadion zu sozialisieren und zu lernen. Die Dinge, die man dort erlebt: das Weinen, die Freude, das Lachen, die Niederlagen. Aber klar: Dafür braucht es Logen und VIP-Tickets und Champagner. So können wir die Kurve subventionieren und dafür sorgen, dass die Plätze für jeden zugänglich sind.

Wie sehr trifft es Sie, wenn Sie derzeit überall leere Stadien sehen?

Es muss jedem klar sein, dass der Fussball im Moment unmöglich den gleichen Stellenwert haben kann wie sonst. Auch wenn ich mir das natürlich wünschen würde. Aber wir leben in einer Ausnahmesituation. Auch ich kenne Menschen, die wir an das Virus verloren haben. Menschen, die jünger waren als ich. Das Verständnis ist klar: Wir kriegen das nur in den Griff, wenn wir alle aufpassen. Zusammen. Und Sie sehen ja: Es bröckelt an allen Ecken und Enden. Wenn ich sehe, was in Brasilien, in den USA oder auf deutschen Strassen passiert, da habe ich Angst. Und ich bin eigentlich kein ängstlicher Mensch.

Trotzdem werden die Fans der Eintracht in Basel fehlen.

Wir haben bewiesen, dass wir jedes Stadion füllen. Egal wo. Letztes Jahr war das Endspiel der Europa League in Baku, ohne Eintracht. Aber 3000 Frankfurter waren da. Natürlich werden unsere Fans uns in Basel fehlen.

War das Ihrer Meinung nach auch der Grund für das 0:3 im Hinspiel?

Das soll jetzt nicht überheblich klingen. Aber was wir im Hinspiel gezeigt haben, das war nicht unsere Mannschaft. Das war kraftlos, und wir haben viel zu einfach Tore kassiert. Ich will damit überhaupt nicht die Leistung des FC Basel relativieren. Aber wir können mehr, als wir im Hinspiel gezeigt haben.

Mein Anspruch ist: Wenn wir uns gegen Basel aus dem Wettbewerb verabschieden sollten, dann tun wir das mit Anstand und Respekt.

Peter Fischer, Präsident Eintracht Frankfurt

Rechnen Sie noch mit dem Einzug in das Finalturnier der Europa League?

Ich fahre nach Basel, schaue mir das Spiel an und fahre direkt danach wieder zurück, weil ich am Freitag Termine habe. Ich könnte es mir auch bequem machen und einen gemütlichen Abend mit der Familie vor dem Fernseher verbringen. Aber aus Respekt vor dem Wettbewerb, aus Respekt vor unserem Gegner und aus Respekt vor unserer Mannschaft werde ich im Stadion sein. Mein Anspruch ist: Wenn wir uns gegen Basel aus dem Wettbewerb verabschieden sollten, dann tun wir das mit Anstand und Respekt. Und wenn es weitergehen sollte, dann bin ich auch nicht unglücklich. Es gab ja 1954 mal ein Wunder von Bern. Mal schauen, ob es auch ein Wunder von Basel geben kann.

Sie sind 2018 mit 99 Prozent der Mitgliederstimmen für vier weitere Jahre gewählt worden. Was haben Sie nach 20 Jahren noch für Pläne mit der Eintracht?

Es gibt natürlich immer ein paar Ziele im Fussball. Es wäre schön, mal wieder um einen Pokal zu spielen. Und es wäre auch schön, diesen Pokal zu gewinnen. Das sage ich in aller Demut. Aber träumen darf man auch als Präsident eines Fussballclubs.

Und abgesehen von den Pokalen?

Wir haben über 50 Sportarten bei der Eintracht: Fussball, Triathlon, Darts, Fechten, Rugby, Hockey, ich kann gar nicht alle aufzählen. Ich will dafür sorgen, dass man bei uns einen einfachen Zugang zu diesen Aktivitäten hat. Ich will, dass sich Kinder bei uns ausprobieren und Freunde finden können. In diesem Bereich haben wir noch viel zu tun. Und auch der Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Homophobie geht weiter. Es muss weitergehen. Auch wenn ich schon lange nicht mehr auf dieser Welt bin.