Der Konsequente

Der 22-jährige Innerschweizer Joel Wicki ist bodenständig und besonnen, erfolgreich und ehrgeizig. Am Sonntag fordert er die Berner beim Traditionsschwinget auf dem Brünig.

Mit einem Lächeln in der «Folterecke»: Schwinger Joel Wicki posiert im Fitnesscenter Sportrock seines Trainers Daniel Hüsler. Foto: Marcel Bieri

Mit einem Lächeln in der «Folterecke»: Schwinger Joel Wicki posiert im Fitnesscenter Sportrock seines Trainers Daniel Hüsler. Foto: Marcel Bieri

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Der Satz fällt gegen Ende des Gesprächs. Er gehört an den Anfang dieser Geschichte. Joel Wicki sagt: «Ich zweifle nicht, ich mache.»

Wicki ist in Sörenberg aufgewachsen; im Salwideli, wo es noch gemütlicher ist, als der Name erahnen lässt. Vater Herbert ist Betriebsleiter der Sörenberg-Bahnen. Präparierte er die Skihänge, schlief der kleine Joel ab und an im Cockpit des Pistenfahrzeugs. Als der Bub fünf Jahre alt war, nahm ihn der ältere Bruder Kevin mit ins Schwingtraining. Fortan stand das Schwingen über dem Skifahren. Joel absolvierte die Schule, machte die Lehre als Baumaschinenmechaniker, ging fischen, auf die Jagd, packte auf dem Hof des Göttis an – und eben: Er verbrachte Stunde um Stunde im Sägemehl. Mit 14 Jahren sprach er in Begleitung seiner Mutter Esther beim eidgenössischen Kranzschwinger Daniel Hüsler vor, bat diesen um Unterstützung. Hüsler erinnert sich: «Dann kam dieser Junge mit seinem Mami. Er war schüchtern, und doch merkte ich: Da weiss einer, was er will. Ich spürte sein Feuer – und sagte zu.»

Mittlerweile ist Wicki 22 Jahre alt. Er wohnt unterhalb vom Salwideli bei der Südelhöhe, arbeitet zwischen 60 und 80 Prozent als Baumaschinenmechaniker, hilft so oft es geht auf dem Hof des Göttis aus, geht fischen, auf die Jagd, hat eine kräftige Statur, ein rundliches Gesicht, ist kein «Schwafli», spricht ruhig und bedacht. Kurz: Joel Wicki ist noch immer ein Ausbund an Bodenständigkeit. Und er ist einer der besten Schwinger im Land. Weil er sich nicht von der Lethargie des Ländlichen und Gemütlichen verführen lässt, wenn es um den Sport geht. Weil er nicht zweifelt, sondern macht. Hüsler sagt: «Bei Joel gibt es keine halben Sachen.»

Verzicht aus Überzeugung

Als Jungschwinger gewann Wicki über 80 Feste. Er spürte, dass für ihn mehr möglich ist als für andere, gewöhnte sich früh an die Favoritenrolle – und daran, dass er im Zweikampf die Initiative ergreifen muss. Auf nationaler Ebene wurde er mit 16 Jahren zum jüngsten Kranzgewinner in der Geschichte, war beim Eidgenössischen 2013 der jüngste Teilnehmer. 2014 bodigte der Jungspund auf der Rigi den Schwingerkönig Arnold Forrer und wurde zum Luzerner Sportler des Jahres gewählt. Die Medienleute begleiteten Wicki im Fahrstuhl nach oben. Sie sassen beim Weihnachtsessen am Tisch, standen beim Fischen nebenan. Der Schwinger fragte sich, weshalb für ihn alltägliche Dinge plötzlich für die Öffentlichkeit interessant sein sollten. «Ich lernte, damit umzugehen», sagt er.

Joel Wicki letztes Jahr auf dem Brünig gegen Roman Sommer. Foto: cpf

Bald einmal zog er Grenzen; etwa in Bezug auf sein Jagdhobby, weil Ablenkung fatale Folgen haben könnte. Oder in Bezug auf Sponsorenanfragen. Zum Machen gehört für ihn auch, etwas nicht zu machen – aus Überzeugung. «Ich bin konsequent. Stimmt etwas für mich nicht, dann mache ich es auch nicht.»

Punkto Vermarktung liegt der Sörenberger zwischen Turbo Remo Käser und dessen Gegenentwurf Samuel Giger. «Ich mache gewisse Dinge, aber nicht alles. Bodenständige Schwinger machen beispielsweise keine Föteli in Unterwäsche.» Auch Alkohol ist für Wicki während der Saison tabu. Geht er mit Kollegen in den Ausgang, gibt es Wasser, Orangina, Cola – und Sprüche der anderen. «Da bleibe ich cool und konsequent», sagt Wicki und lacht. «Ich habe hohe Ziele, trainiere hart und möchte diesen Aufwand nicht mit Alkohol beeinträchtigen.»

Kniebeugen und Lehrblätz

Beim Gespräch im Sportrock in Willisau trinkt Wicki Wasser mit einem Spritz Schorle. Für das Bild posiert er im Fitnesscenter in der «Folterecke», wie Wicki den Ort bezeichnet, wo er Gewichte stemmt. Im Training geht der 22 Jahre alte Athlet bei jeder Übungseinheit ans Limit, weil er wissen muss, wie der Körper im Grenzbereich reagiert. «Wenn ich knapp 200 Kilogramm für Kniebeugen auf die Schultern lade, ist mir bewusst, dass ich ein Leben lang Bandscheibenprobleme haben könnte, sollte ich zusammenbrechen. Ich muss zu 100 Prozent davon überzeugt sein, dass es geht. Sonst mache ich es nicht.»

Überzeugung und Konsequenz sind bei Wicki nirgendwo so offensichtlich wie im Sägemehl. Im Zweikampf ist er frei von Zweifeln, setzt häufig unmittelbar nach dem «Guet!» des Kampfrichters zum siegbringenden Schwung an.

Wicki ist erfolgreich, selbstbewusst, ehrgeizig. Diese Trilogie wird im Sport selten von der Masse goutiert. Daniel Hüsler sagt: «Als Leistungssportler wirst du früh mit Neid und Missgunst konfrontiert. Damit musst du umgehen können.» Entsprechend tauscht er sich mit dem Schützling darüber aus. Als Wicki letztes Jahr nach dem Rigi-Schwinget sagte, Armon Orlik und er hätten in einer anderen Liga geschwungen, wurden ihm die Worte als Anmassung ausgelegt. Er spricht von einem «Lehrblätz. Wir Schwinger sind derart populär geworden, ‹da mas nüt me verlide›.»

Träumen und aufwachen

Seither äussert er sich vorsichtiger – auch zum Thema Schwingerkönig. «Diesen Traum darf ich doch leben», sagt Wicki, seine Ambitionen beinahe entschuldigend. In Zug wird er neben Orlik, Giger und Pirmin Reichmuth als Favorit antreten. Das letzte Eidgenössische verpasste Wicki wegen einer Unterschenkelfraktur. Während des Fests träumte er vom Sägemehl, von den Kämpfen. Als er aufwachte, blickte er auf eine Bandage und lag im Krankenhaus. «Verdammi hert» sei das gewesen, sagt Wicki. Beim folgenden Grossanlass schwang der Entlebucher gross auf. Hätte Christian Stucki den Unspunnen-Schlussgang 2017 gegen Curdin Orlik nicht in letzter Minute entschieden, Wicki wäre der Sieger gewesen. «Ich konnte am Tag X meine Bestleistung abrufen: Diese Gewissheit wird im Hinblick auf Zug hilfreich sein», sagt er.

Vorerst steht für den Innerschweizer am Sonntag der Höhepunkt Brünigschwinget an. Im Vorjahr verpasste er den Triumph wegen eines Gestellten im Schlussgang gegen Kilian Wenger; Clubkollege Erich Fankhauser rückte als Gewinner nach. Es war einer der wenigen Kämpfe, bei denen Wicki kaum angriff. Die Zuschauer wunderten sich. Joel Wicki, für einmal der Zweifler? «Ich hatte mich am Finger verletzt und war überzeugt, es würde nicht zum Sieg reichen. Also stellte ich, damit der Sieg in der Innerschweiz blieb.»

Erstellt: 26.07.2019, 12:35 Uhr

Der Kampf um die Vorherrschaft auf dem Brünig

Zuletzt haben die Berner klar dominiert – die Innerschweizer aber sind stärker geworden.

Wer regiert eigentlich auf dem Brünig?

Die Passhöhe befindet sich auf Berner Boden, die Liegenschaft mit dem Schwingplatz aber ist seit 1945 zu zwei Dritteln im Besitz des Ob- und Nidwaldner Schwingerverbandes und gehört zu einem Drittel der Schwingersektion Hasliberg. Sowohl ­Innerschweizer als auch Berner sprechen von einem Heimfest, bei den Zuschauern beider Lager sind Sticheleien und Provokationen Usus. Dominiert jedoch hat in der jüngeren Vergangenheit die Berner Mannschaft, ungeachtet dessen, dass vor Jahresfrist der Entlebucher Erich Fankhauser triumphierte. Zuvor hatten die Innerschweizer siebenmal in Serie das Nachsehen gehabt, 2011 gewannen sie letztmals mehr Kränze als der Co-Gastgeber.

18 Eidgenossen – und Wiget

Der grösste Teilverband jedoch ist breiter besetzt als auch schon, der «Kantönligeist» scheint etwas weniger ausgeprägt zu sein als in früheren Jahren. Den Bernern wiederum fehlen die verletzten Christian Stucki, Remo Käser und Thomas Sempach. Weshalb die Ausgangslage spannend ist wie lange nicht mehr.

Als Topfavoriten gelten denn auch der Entlebucher Joel Wicki und der zuletzt leicht angeschlagene Zuger Pirmin Reichmuth, bernerseits sind unter anderen Kilian Wenger und Bernhard Kämpf die Hoffnungsträger, welche auf 1000 Metern über Meer beide schon obenaus geschwungen haben. Der Mittelländer Michael Wiget, der Aufsteiger der Saison, wurde nachgemeldet. Insgesamt sind 18 «Eidgenossen» gemeldet, jeweils 9 Berner und Innerschweizer.

Für Schwingerkönig Matthias Glarner ist der Bergklassiker oberhalb seiner Heimatgemeinde Meiringen ein bedeutendes Etappenziel auf seinem Weg Richtung Titelverteidigung in Zug – er liebäugelt mit Brünig-Kranz Nummer 13. Das 120-köpfige Teilnehmerfeld komplettieren 20 Südwestschweizer. Los geht es am Sonntag um 8 Uhr.

(phr)

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