Der koreanische Deleter löscht Geheimnisse

Krimi der Woche: Aus Korea kommen sehr spezielle Noir-Thriller – jetzt zu entdecken ist «Dein Schatten ist ein Montag».

Düster und schräg, so kommt Jung-hyuk Kims erster auf Deutsch übersetzter Krimi daher. Andere Bücher des Südkoreaners wurden etwa auf Französisch übersetzt.

Düster und schräg, so kommt Jung-hyuk Kims erster auf Deutsch übersetzter Krimi daher. Andere Bücher des Südkoreaners wurden etwa auf Französisch übersetzt. Bild: Park Mihyang

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Der erste Satz
Der Geruch durchzog das ganze Crocodile Building.

Das Buch
Ende letzten Jahres hat uns ein südkoreanischer Autor mit dem Gewerbe der Plotter bekannt gemacht, der Planer von Auftragsmorden (Un-su Kim: «Die Plotter», Europa-Verlag). Jetzt lernen wir einen anderen koreanischen Fachmann kennen: den Deleter. Der ehemalige Polizist Dongchi Gu, die Hauptfigur im Roman «Dein Schatten ist ein Montag» von Jung-hyuk Kim, ist eigentlich Privatdetektiv. Doch er hat sich spezialisiert und ist nun als Deleter tätig.

Diesen engagieren Menschen, um nach ihrem Tod alles zu löschen, was die Nachwelt nicht erfahren soll. Aus ganz verschiedenen Gründen: «Manche wollten ihren Ruf wahren, andere verhindern, dass gewisse Geheimnisse ans Licht kamen, und wieder andere wollten jemanden schützen.» Da springt Gu ein: «Er liess Handys verschwinden, zerstörte Computer und machte Tagebücher zu Konfetti.» Er gilt als der Beste in diesem Gewerbe. Dabei hilft ihm auch seine Freundschaft mit einem Kriminalkommissar.

Der Job ist nicht ganz ohne Risiko, muss der Deleter doch schon mal einbrechen, um der zu löschenden Daten habhaft zu werden. Und nun wird es richtig gefährlich. Nach dem rätselhaften Tod eines Kunden – Suizid, Unfall, Mord? – ist dessen Tablet unauffindbar. Gus Freund ermittelt wegen Mordverdachts. Und das Tablet wird auch von anderen dringend gesucht, die vor brutaler Gewalt nicht zurückschrecken.

Der Fall ist ziemlich bizarr und sorgt für Action und Spannung. Der Roman lebt aber viel mehr vom Drumherum. Vom etwas verkommenen Viertel, in dem Gu lebt und arbeitet und das von einer Sanierung bedroht ist. Von den Menschen im Crocodile Building, wo es ein italienisches Restaurant gibt, einen altmodischen Eisenwarenladen, eine Kampfsportschule, ein Internetcafé, eine TV-Serien-Autorin und Gu mit seinem Büro. Und vor allem von den fast schon philosophischen Gedanken des Deleters, der gegenüber seinen Mitmenschen meist schroff, sarkastisch und grossmäulig auftritt. Und der ungeniert studiert, was seine Kunden unter dem Deckel behalten möchten. Als er sich überlegte, was er selbst verschwinden lassen würde, fiel ihm nichts ein: «Er hatte nichts zu verbergen. Sein einziges Geheimnis bestand darin, die Geheimnisse, mit deren Beseitigung man ihn beauftragt hatte, nicht zu beseitigen.»

Wie schon der Titel vermuten lässt, ist «Dein Schatten ist ein Montag» alles andere als ein konventioneller Krimi. Es ist ein Noir-Roman, der zwar düster, aber auch ziemlich schräg ist. Der ebenso von der Endlichkeit des Lebens handelt wie von den Geheimnissen im Leben und davon, wie man damit umgeht. «Verrate mir dein Geheimnis», singt Gu am Anfang. «Dein Geheimnis, dessen Schatten sich dehnt wie die Zeit an einem Montag.»

Die Wertung

Der Autor
Jung-hyuk Kim, geboren 1971 in Kimcheon in der Provinz Nord-Gyeongsang in Südkorea, studierte Literatur an der Keimyung University in Daegu. Er ist sehr vielseitig interessiert und war bzw. ist unter anderem als Web-Designer, Filmkritiker, Musikjournalist, Redaktor eines Kulinarik- und Reisemagazins, DJ und Cartoonist tätig. Er hat in den letzten 13 Jahren mehr als ein halbes Dutzend Bücher veröffentlicht, von denen mehrere ins Französische übersetzt wurden. Er wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet und gilt als einer der wichtigen Erneuerer der koreanischen Literatur. «Dein Schatten ist ein Montag» ist sein erster Roman, der auf Deutsch erscheint.

Jung-hyuk Kim: «Dein Schatten ist ein Montag» (Original: «Dangshinui geurimjaneun weolyoil», Munhakdongne Publishing, Paju-si, Südkorea 2014). Aus dem Koreanischen von Paula Weber. Cass Verlag, Bad Berka 2019. 287 S., ca. 30 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 27.03.2019, 11:50 Uhr

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