Zum Hauptinhalt springen

Renaissance des Waldes Der letzte Rückzugsort

In Zeiten von Corona entdecken immer mehr Menschen den Wald. Er bietet sich als perfekte Anti-Begegnungszone an.

Die Waldeinsamkeit strahlt eine wohltuende Wirkung auf den Menschen aus.
Die Waldeinsamkeit strahlt eine wohltuende Wirkung auf den Menschen aus.
Foto: Martin Dahinden

Es ist noch nicht lange her, da war vom Nutzen der städtischen Verdichtung und vom Segen der Grossraumbüros die Rede. Damit schien man gerüstet für die Zukunft doch nun ist diese früher eingetreten und in ganz anderer Form als erwartet: Anstatt Büroangestellte in einen vermeintlich beglückenden kommunikativen Austausch zu versetzen, werden sie ins Homeoffice ausgelagert, wo sie isoliert ihrer Arbeit nachgehen und über die Auflösung der Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit sinnieren können.

Die Corona-Krise, die Zerstreuung und Ablenkung in Begegnungszonen verbietet, wirft die Menschen auf sich selbst und ihre Kleinfamilien zurück. Zieht es sie in dieser Phase des erzwungenen Rückzugs dorthin, wo sie ursprünglich herkommen? Jedenfalls sind die Wälder vor allem unweit der Städte, in denen die Flaniermeilen an den Seen gesperrt sind, dermassen bevölkert wie nie zuvor. Es sieht ganz so aus, als ob man sich im ökologischen Zeitalter, zumindest in unseren Breitengraden, auf die Tradition der Romantik und deren Gedankengut besinnt.

Romantische Motive

Auch wenn man vorsichtig sein sollte mit historischen Analogien, stellt man bei einem Blick in die Geistesgeschichte eine erstaunliche Parallele fest: Vor allem die Romantiker, die sich in ihren Werken intensiv mit ihrem Selbst beschäftigten, haben die Wälder mit symbolischer Bedeutung aufgeladen. Sie schwärmten von der einzigartigen «Waldeinsamkeit» (Ludwig Tieck), die es ermögliche, ein Leben ganz bei sich selbst und ohne jede Entfremdung zu führen. Dieser lyrisch beschworene Naturmythos, der noch von Neo-Romantikern wie etwa Hermann Hesse gepflegt wurde, fiel bezeichnenderweise in eine Zeit, als der Baumbestand rapide abnahm: Die industrielle Revolution war auf den Rohstoff Holz angewiesen.

Romantische Ansicht des Genfersees von Eugène Rambert mit dem Schloss Chillon.
Romantische Ansicht des Genfersees von Eugène Rambert mit dem Schloss Chillon.
Bild: VQH

So wurde der «rauschende Wald», wie Joseph Eichendorff öfter schrieb, zum Sehnsuchtsort der romantisch gesinnten Seele und zum Gegenpol des gesellschaftlichen Lebens. Das von Jean-Jacques Rousseau lancierte Motto «Retour à la nature» hat eine ganze Epoche von Intellektuellen geprägt. Dass sich auch das Gesicht des Waldes im Prozess der Zivilisation, spätestens mit dem Aufkommen des Forstwesens, gewandelt hat und weiterhin wandelt, wie Hansjörg Küster in seiner grundlegenden «Geschichte des Waldes» zeigt, hat die Dichter und Denker der Romantik nicht abbringen können von ihrem hehren Bild der ewig gleichbleibenden Natur.

Menschen mit Wurzeln

Auch für weniger romantisch veranlagte Menschen hat der sonst so schweigsame Wald eine Antwort parat. Man muss dabei nicht gleich so weit gehen wie Peter Wohlleben. Der ehemalige Förster beschreibt in seinem Bestseller «Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren die Entdeckung einer verborgenen Welt» die Bäume so, als handle es sich um Menschen mit Wurzeln. Diese Anthropologisierung hat der Wald gar nicht nötig; er steht für sich selbst, und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Japaner etwa haben das «Waldbaden» erfunden: Man geht durch dichten Wald, lässt sich von ihm umfangen, achtet auf alle Sinneseindrücke.

Mit seinen fremden Gerüchen, der frischen Luft und den vielfältigen Sinneseindrücken sorgt er dafür, dass Menschen sich wohlfühlen unter seinem Blätter- und Nadeldach. Und dies scheint kulturübergreifend zu sein. Die Japaner etwa haben das «Waldbaden» erfunden: Man geht durch dichten Wald, lässt sich von ihm umfangen, achtet auf alle Sinneseindrücke, gibt sich den wohltuenden Einflüssen hin und taucht rückhaltlos in die Bilder, Laute und Gefühle ein.

Die Ressourcen des Waldes sind so riesig, dass sie für alle möglichen Geschwindigkeiten und Bewegungen etwas zu bieten haben: Vom Joggen bis zum Wandern.
Die Ressourcen des Waldes sind so riesig, dass sie für alle möglichen Geschwindigkeiten und Bewegungen etwas zu bieten haben: Vom Joggen bis zum Wandern.
Foto: iStock

War der Wald früher ein Refugium für Spaziergänger, so suchen ihn heutzutage immer mehr Joggerinnen und Biker auf. Für sie ist er weniger ein Entschleunigungs- als ein Fitnessraum im Sinne einer Outdoor-Anlage. Dies ist Ausdruck einer Mentalität, die an jedem Ort eine Gelegenheit erkennt, um gesundheitsfördernde Massnahmen zu ergreifen. Kulturkritisch kann man einwenden, dass dieser Run auf und in den Wald am Wesentlichen vorbeigeht. Doch das wäre zu negativ und eng gedacht: Die Ressourcen des Waldes sind so riesig, dass sie für alle möglichen Geschwindigkeiten und Bewegungen etwas zu bieten haben. Wer einmal dessen Faszination erlegen ist (bei einigen dürfte dies in der Kindheit gewesen sein, als es auch schon Vita-Parcours gab), wird sich nicht davon befreien wollen.

Trauma des Waldsterbens

In seinem soeben erschienenen Buch «Das Landleben» schreibt der Geograf Werner Bätzing, dass ein Drittel der Fläche Deutschlands mit Wald bedeckt sei (in der Schweiz ist es fast so viel). Und sie nehme weiter zu, vor allem dort, wo der Boden nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werde. «Bei der Veränderung der Waldflächen in Deutschland gibt es die grösste Fehleinschätzung durch die Bevölkerung. Aufgrund der intensiven Diskussionen über das Waldsterben in den 1980er-Jahren meinen sehr viele Menschen, dass die Waldfläche abnehme.»

Für Frankreich war «Le Waldsterben» eine typisch deutsche Gemütskrankheit.

Während des sogenannten Waldsterbens, auf das Bätzing anspielt, zeigte sich, welche reale, aber auch imaginäre Bedeutung dieser für die germanischen Völker hat. Südliche Nationen wie Italien oder Spanien konnten die Aufregung nicht verstehen, die damals vor allem Deutschland in Angst und Schrecken versetzte. Für Frankreich war «Le Waldsterben» eine typisch deutsche Gemütskrankheit. Die damals drohende Apokalypse beflügelte auch eine Fantasie, die befremdlich wirkte: das wohlige Schaudern beim Gedanken an den kollektiven Untergang.

Eine ähnlich gelagerte Ambivalenz verkörpert auch der Wald selbst: So gerne wir uns bei Tageslicht dort aufhalten, so ungerne tun wir dies bei Nacht. Aus dem Gefühl des Schutzes und der Geborgenheit kann in der Dämmerung blitzschnell eine Bedrohung erwachsen: Man braucht sich bloss einmal den Waldkindergarten nachts vorzustellen und schon stellen sich Horrorszenarien ein.

Die Verwandtschaft des Menschen mit dem Wald, die sich in Metaphern wie Lebensbaum und Stammbaum, Abstammung und Verwurzelung im kollektiven Unbewussten niedergeschlagen hat, wird in Krisenzeiten wie diesen wiederbelebt. Nur so ist es zu erklären, dass er als letzter Rückzugsort gerade jetzt eine Renaissance feiert. Zu hoffen bleibt, dass ein wenig von der Beschaulichkeit, die mit dieser Rückbesinnung verbunden ist, erhalten bleibt, wenn das Virus seine tödliche Wirkung verloren haben wird.