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Amerikanische Literatur Der letzte Sklave der USA erzählt

90 Jahre verschüttet: Zora Neale Hurstons Interview-Reportage über Cudjo Lewis, der Ende der 1850er-Jahre von afrikanischen Sklavenjägern gefangen und in die USA verschifft wurde, ist jetzt auch auf Deutsch zu lesen.

Wurde Ende der 1850er-Jahre von Kriegern eingefangen und nach Amerika verschifft: Cudjo Lewis.
Wurde Ende der 1850er-Jahre von Kriegern eingefangen und nach Amerika verschifft: Cudjo Lewis.
Foto: Wikipedia

Die Publikation des Buches war 2018 in den USA eine Sensation: Zeugnisse aus erster Hand vom amerikanischen Sklavenhandel, aufgearbeitet von einer herausragenden afroamerikanischen Schriftstellerin. Zora Neale Hurston gehörte zur Bewegung der Harlem Renaissance, die in den 1920er-Jahren grossen Einfluss ausübte. Hurston begann als Ethnologin. Sie fragte die Nachfahren afrikanischer Sklaven in ihrer wohlgesetzten Uni-Sprache nach Volksmärchen. Die Leute waren voll davon, verstanden aber nicht die Frage. Die Feldforschung erwies sich als mitunter lebensgefährlich, in dieser Welt herrschte die nackte Gewalt.

Als sie Cudjo Lewis begegnete, hatte Hurston jedenfalls ein gerüttelt Mass Erfahrungen gesammelt. «Ich lernte ihn als einen heiteren, poetischen alten Herren kennen, weit in den Neunzigern, der grossartig erzählen konnte.» Vor allem, was er zu erzählen hatte: Das ist der Inhalt von «Barracoon». Der Titel ist ein aus dem Spanischen abgeleitetes Wort für die Baracken oder Zwinger, in denen die Menschen eingepfercht wurden, die von afrikanischen Siegern an weisse Händler verkauft wurden.

Die Sklavenfänger waren Afrikaner

Weil Zora Neale Hurston verarmte und in Vergessenheit geriet, setzte sich Alice Walker, die Autorin des Weltbestsellers «Die Farbe Lila», für sie ein. Von ihr stammt das Vorwort zu dieser erst 90 Jahre nach der Abfassung in den USA erschienenen Ausgabe der Reportage Hurstons. Walker weist in ihrem Vorwort auf den schmerzlichen Punkt hin, dass die Sklaven zunächst einmal von Afrikanern eingefangen und als Ware an Weisse verkauft wurden.

Der König von Dahomey liess mit der Regelmässigkeit von Jahreszeiten Menschenjagden durchführen zu dem Zweck, Personen für Menschenopfer zu bekommen und das königliche Gefängnis zu füllen, sein Warenlager, das besagte Barracoon. Cudjo Lewis wurde Ende der 1850er-Jahre von Kriegern der Dahomey eingefangen, während die meisten Bewohner seines Dorfes massakriert wurden. Dann wurde er nach Amerika verschifft, und da Sklavenhandel bereits verboten war, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion veräussert. Fünfeinhalb Jahre lang war er Sklave, bis zum 12. April 1865, als Soldaten der Nordstaaten ihm mitteilten, er sei frei. Die Afrikaner blieben aber im täglichen Umgang dem Mutwillen der Weissen ausgesetzt.

Cudjo Lewis hat es am eigenen Leib und an seinen Kindern schmerzlich erlebt und erzählt Hurston davon. Statt aus dieser schrecklichen Lebensgeschichte ein erschütterndes Rührstück zu machen, bringt sie immer wieder, aber dezent, die jeweilige Situation des Gesprächs zur Geltung: Mal hat Cudjo keine Lust, überhaupt zu reden, mal hat er sich schon gefreut, dass die eifrige Feldforscherin kommt und alles aufschreibt, was er zu sagen hat.

Nach der Befreiung gründeten die Sklaven Africatown

Hurston betont in ihrem Vorwort, dass sie keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebe und dass sie auf die essenzielle Wahrheit ziele statt auf faktische Genauigkeit. Mit Fakten wartet dagegen die heutige Herausgeberin auf. Das Buch ist so angelegt, dass es auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügen kann, ist dabei aber auch 90 Jahre nach der Abfassung überaus fesselnd zu lesen. «Obendrein fand ich alles, was dieser Kojo mir erzählt hatte, durch historische Quellen belegt», vermerkte Hurston.

Weil die mit diesem letzten Sklaventransport verschleppten Menschen nach ihrer Befreiung einen eigenen Ort begründeten, Africatown, ist vieles von ihnen dokumentiert. Dass das Buch dann doch nicht herauskam, lag am amerikanischen Verlag, der die Sprache geglättet haben wollte, wogegen Hurston auf der Originalsprache mit ihren Verballhornungen, Verfremdungen und Verzerrungen bestand. Zu Recht. Das Pidgin ist ein wesentlicher und authentifizierender Faktor. Hurston hat hier und in ihren literarischen Arbeiten gezeigt, wie gut sie die Unmittelbarkeit des gesprochenen Wortes im Text bewahren konnte.

Zora Neale Hurston: Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven. Hg. von Deborah G. Plant. Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring. Penguin, München 2020. 224 S., ca. 28 Fr.