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Neue Eishockey-Ära in Pruntrut Der Leuchtturm trotzt der Krise

Im Jura ist der HC Ajoie der sportliche Stolz der Bevölkerung. Der Rückhalt zeigt sich auch beim Um- und Ausbau der Halle, in der heute das erste Spiel stattfindet – ohne Zuschauer.

Ein Schmuckkästchen für den HC Ajoie: Die umgebaute Halle, die nun Raiffeisen-Arena heisst.
Ein Schmuckkästchen für den HC Ajoie: Die umgebaute Halle, die nun Raiffeisen-Arena heisst.
Foto: Christian Flierl

Was wäre das für ein Abend, was für ein Fest geworden! Über 4000 Menschen hätten für Stimmung gesorgt, ganz bestimmt, vielleicht wäre gar keiner der 4761 Plätze mehr frei gewesen. Wer hätte sich dieses Ereignis im Jura schon entgehen lassen?

Der HC Ajoie, der sportliche Stolz, der sportliche Leuchtturm des Kantons, hat seinen ersten Auftritt in der neuen Halle in Pruntrut. In seiner Heimat, die nicht mehr Voyeboeuf, sondern Raiffeisen-Arena heisst. Und die auch für viele Zuschauer ein Stück Heimat ist. Thurgau ist zu Gast, der Leader der Swiss League. Aber die Sitze bleiben hochgeklappt, der «Kop», der Sektor mit den Stehplätzen hinter dem Tor, wird leer bleiben. Geisterspiel halt. Tristesse.

«Diese Vorstellung», sagt Stéphane Babey, «sie ist nicht lustig, sie ist … schrecklich.» Babey blickt aus einer der zehn VIP-Logen in das, was er liebevoll «unser Schmuckkästchen» nennt. Der 49-Jährige ist Bürgermeister von Alle und Präsident eines Verbandes, zu dem sich die 21 Gemeinden des Bezirks Pruntrut zusammengeschlossen haben. Diese Dörfer der Region Ajoie und Clos du Doubs demonstrierten 2018 eindrückliche Geschlossenheit. Sie stimmten der Renovation und dem Ausbau der Halle zu mit 21:0. Und sie sagten Ja zu einer zweiten Eisfläche mit NHL-Massen mit 21:0. Der Ja-Anteil aller Stimmen betrug 75 Prozent.

Jurassische Dimensionen

Babey erzählt von Freunden, die sich nicht für Eishockey begeistern können, denen es aber trotzdem nicht in den Sinn gekommen wäre, das Projekt abzulehnen. «Wir haben bei weitem nicht die wirtschaftliche Kraft von grossen Städten wie Lausanne, Genf oder Zürich. Wir leben in einem Kanton an der Peripherie des Landes mit insgesamt 73’000 Einwohnern», sagt er, «aber wir wollen beweisen, dass wir mit bescheidenen Mitteln etwas Schönes hinbekommen.»

Auf knapp 28 Millionen Franken belaufen sich die Gesamtkosten, die von Gemeinden, Bund und Kanton getragen werden. «Jurassische Dimensionen» seien das, findet Claude Hêche und meint damit: «Der Bau ist zweckmässig, es wurde auf unnötigen Luxus verzichtet. So passt das zu uns.» Der frühere SP-Ständerat hat als Vorsitzender eines Unterstützungskomitees für die neue Halle geweibelt und prominente Botschafter angeworben, etwa Alt-Bundesrat Adolf Ogi oder Steve Guerdat, 2012 Olympiasieger im Springreiten und aktuelle Weltnummer 1.

Noch wird sie vom Baugerüst verdeckt: Die neue Halle.
Noch wird sie vom Baugerüst verdeckt: Die neue Halle.
Foto: Christian Flierl

Für Hêche, der mit 67 in Pension ist, besteht Eishockey in der Ajoie aus weit mehr als nur dem nackten Spiel. «Die Halle ist ein Begegnungsort», sagt er, «ob Jugendliche oder Rentner, ob Handwerker oder Direktoren: Das spielt nie eine Rolle. Sie alle verbindet das Erlebnis und die Liebe zum Verein.» Dann fügt er an: «Und wissen Sie, was das Schöne ist? Unsere Spieler werden nie ausgepfiffen, auch nach einer Niederlage nicht. Es herrscht eine grossartige Atmosphäre.» Auch Hêche ist Stammgast, seit Jahrzehnten schon, er sagt: «Das Eishockey gehört zu unserer DNA.»

Die Treue der Kleinsponsoren

Die Verbundenheit, der Zusammenhalt das dringt immer wieder durch. «Zuerst bin ich Ajoulot. Dann Jurassier. Und an dritter Stelle Schweizer», sagt Jean-Louis Gigon, der zum Inventar des Clubs gehört und sich mittlerweile als Medienchef um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert. Der Satz wird begleitet von einem Schmunzeln, aber am Ende bekräftigt er: «Doch, so ist es.» Der Stolz, Teil des HCA zu sein, kommt gerade auch in Corona-Zeiten zum Vorschein. Es gilt der Notstand, die Regierung hat unlängst die verschärften Massnahmen bis mindestens Ende dieses Monats verlängert. Restaurants, Bars, Museen, Kinos, alles bleibt zu.

Trotzdem haben viele Kleingewerbler signalisiert, dass sie selbst in diesen Zeiten daran festhalten wollen, ihre Sponsoringbeträge zu bezahlen. «Die Solidarität ist riesig», sagt Gigon und glaubt, dass es viel mit der Nahbarkeit der Spieler zu tun hat: Keiner führt sich auf wie ein Star, und die Mannschaft ist nach jedem Match dazu verpflichtet, sich im Festzelt neben der Eishalle blicken zu lassen: «Die Fans kennen die Spieler und umgekehrt.»

Hauert, der Baumeister

Der aktuelle Zustand des HC Ajoie hat viel mit Patrick Hauert zu tun, dem Vater von HCA-Captain Jordane. 1999 stieg er als Präsident beim damaligen Erstligisten ein, den schwere finanzielle Sorgen plagten. Der 61-Jährige, in dessen Unternehmen sich rund 160 Angestellte mit der Herstellung von Uhrengehäusen beschäftigen, legt Wert auf Bodenständigkeit im Verein und eben auch auf diese Nähe zur Bevölkerung. Beim Umbau der Halle wurden 85 Prozent der Aufträge an einheimische Firmen vergeben, die 4500 Kubikmeter Holz für Dachverstrebungen und die Stehplätze stammen aus der Region. Hauert sagt: «Wir könnten auch HC Jura heissen.»

«Man sagt so schön: Manche Fremde, die zu uns kommen, weinen zweimal. Das erste Mal nach ihrer Ankunft, weil sie hier nicht das Angebot der grossen Welt antreffen. Das zweite Mal, wenn sie den Jura wieder verlassen.»

Patrick Hauert, Präsident des HC Ajoie

Für ihn, der jüngst gleich zweimal unter Quarantäne gestellt wurde, beginnt heute endgültig eine neue Ära. «Früher fielen den Spielern morsche Holzstücke von der Decke auf den Kopf. Jetzt haben sie ein Lächeln auf den Lippen, wenn sie in dieser wunderbaren Umgebung Eishockey spielen dürfen», sagt er. Der HC Ajoie hat sich längst in der Swiss League etabliert, mehr muss es nicht zwingend werden. 3,5 Millionen Franken beträgt das Budget, genügend Mittel, um sich in eine National-League-taugliche Verfassung zu bringen, liessen sich kaum auftreiben.

Was aber soll einen auswärtigen Spieler in die Ajoie locken? «Wissen Sie», sagt Hauert, «man sagt so schön: Manche Fremde, die zu uns kommen, weinen zweimal. Das erste Mal nach ihrer Ankunft, weil sie hier nicht das Angebot der grossen Welt antreffen. Das zweite Mal, wenn sie den Jura wieder verlassen, weil sie die Warmherzigkeit und die Gastfreundschaft der Menschen nicht mehr missen möchten.»