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VolleyballDer Liga-Schreck ist zurück

Stav Jacobi wollte die Volleyball-Welt erobern, es klappte nicht. Jetzt will er erneut angreifen – mit Schweizerinnen.

René Hauri
Er zog mit Volero nach Südfrankreich, jetzt ist er zurück und will Profispielerinnen formen.
Stav Jacobi
Er zog mit Volero nach Südfrankreich, jetzt ist er zurück und will Profispielerinnen formen.
Foto: Urs Jaudas

Er sagt es zu Beginn des Gesprächs und bestimmt: «Ich komme zurück.» Dieser Mini-Satz dürfte sich in manchem Ohr wie eine Drohung anhören.

Er kommt von Stav Jacobi. Dem Mann, der Mitte der Nullerjahre aus Volero Zürich, einem durchschnittlichen Schweizer Volleyballclub, ein Frauenteam formte, das national zum Dominator wurde, den Gegnern keine Luft zum Atmen liess, in 14 Jahren 13-mal Meisterschaft und Cup gewann und schier unglaubliche 185 Spiele in Serie. Das sich in der weiten Welt des Volleyballs festsetzte, auf den Bühnen der Champions League und Club-WM brillierte, internationale Top-Spielerinnen anzog, aus Kuba, Serbien, Kroatien, Russland. Vier Millionen Franken kostete der Betrieb in Zürich-Oerlikon zu Spitzenzeiten, vieles davon kam von Jacobis Privatvermögen.

Und doch rannte der 53-Jährige mit seinem Starensemble den grössten Titeln vergeblich hinterher. Das Niveau in der Schweizer Liga sei zu tief, um mit dem Tempo der Besten mithalten zu können, lautete das ernüchternde Fazit nach 14 Jahren des Anrennenser zog sein Team kurzerhand ab an die Côte d’Azur, als Volero Le Cannet spielt es seit 2018 in der Ligue A.

Befriedigend ist die Situation auch dort nicht. Wie und ob es überhaupt weitergeht am Mittelmeer, weiss er noch nicht. Das Geschäft mit jungen internationalen Talenten, die er in Le Cannet aufbaut und gewinnbringend weiterverkauft oder ausleiht, kann lukrativ seines kostet aber auch viele Nerven und Zeit. Einen anderen Zweck scheint das Projekt in Frankreich nicht mehr zu haben für ihn. Den Traum vom Gewinn der Champions League jedenfalls hat Jacobi vorerst ausgeträumt.

Jacobi wird Assistenztrainer

Er träumt jetzt anders. Und das in der Schweiz. Auf die kommende Saison hin kommt es zur Kooperation mit dem VBC Züri Unterland. Dessen derzeitiges NLB-Team wird künftig als Volero Zürich auflaufen, für den Club aus Kloten wurde zusätzlich ein Platz in der 1. Liga freigemacht. Headcoach wird Svetlana Ilic, zwischen 2009 und 2012 Erfolgstrainerin in Zürich mit jungen internationalen Talenten. Ihr Assistent? Jacobi selber. Er sucht wieder die Nähe zu seinem Team.

Dieses bildet die Spitze des Konstrukts, das Jacobi zusammen mit Züri-Unterland-Präsident Vassilios Koutsogiannakis geplant hat. Das Fundament ist die Volleyball Academy Zürich, gegründet von den beiden Clubs. Deren Spielerinnen treten in der 1. Liga als offizielles Nachwuchsteam an, das weder ab- noch aufsteigen kann. Geleitet wird die Akademie von Nationaltrainer Frieder Strohm. Der Startschuss soll im Sommer erfolgen, nun, da die Basis gelegt ist: Kanton und Stadt Kloten unterstützen das Projekt, Vereine auch, der Volleyballverband hat es als Förderprojekt eingestuft, die Klotener Ruebisbachhalle wird die Heimat.

Ziel ist es, einheimische Talente früh zu erkennen und zu Profispielerinnen zu formen. 16- bis 18-Jährige sind dafür vorgesehen, Spielerinnen aus regionalen Leistungszentren, Sportschulen, Lehrbetrieben, Gymnasien, mit einigen Instituten wurde eine Zusammenarbeit vereinbart. In all den Jahren mit Volero Zürich versuchte Jacobi auch immer wieder, Schweizer Spielerinnen für das Profivolleyball zu begeistern. Er fand nur eine Handvoll davon. Er stiess vor allem auf Ablehnung: von Betrieben und Schulen, vor allem aber von Spielerinnen, die nicht gewillt waren, ihr Leben auf das Volleyball auszurichten. Und von Eltern, für die Sport nie mehr als Hobby zu sein hatte. Die hiesige Szene war noch nicht bereit für Jacobis Pläne.

«Ohne Volleyball würde ich sterben»

Als er 2010 entschied, für den Verband den Aufbau des Nationalteams für die Heim-EM 2013 in Zürich zu übernehmen, und zwei Millionen Franken für Spielerinnenlöhne, Training, Hallen, Transporte, Unterkünfte und Verpflegung ausgab, rümpfte manch Clubvertreter die Nase. Ein vermögender Mann, aus Russland stammend, der einen Grossteil seines Geldes ins Volleyball investiert und nun auch noch in das Nationalteam, da musste es einen Haken geben. Dass Jacobi, einst Passeur bei ZSKA Moskau, bevor die knallharten Trainingsmethoden sein Knie zum Zerbersten brachten, diesem Sport verfallen war und aus purer Liebe zum Spiel Dutzende Millionen für seinen Club aufwarf, glaubten viele nichttun es manche noch heute nicht. Er sagt: «Ohne Volleyball würde ich sterben.»

Und nun also hat er einen nächsten Lebenssinn gefunden, sollen ihm die Akademie und das neue Volero die Freude bringen, die er in den Jahren auf dem internationalen Parkett suchte und nie richtig fand. Offenbar stösst die Idee auf Interesse. So hätten sie das Team für die kommende Saison längst beieinander und würden trotzdem immer wieder Spielerinnen an seine Tür klopfen. Der Hunger auf Profitum sei so gross wie nie, schliesst Jacobi daraus.

Die Spielerinnen des Fanionteams werden mit einem Ganzjahresvertrag ausgestattet, der zwar nicht vergleichbar ist mit Kontrakten internationaler Spitzenteams, in der Schweiz aber einmalig ist. Viele Mädchen hätten sich zudem auch schon für die Akademie angemeldet, trotzt 7500 Franken Jahresbeitrag. «Früher wechselten Spielerinnen den Club, weil die Jahresgebühr anderswo 100 Franken günstiger war. Es hat ein Umdenken stattgefunden, Sport wird als echte Alternative zu anderen Jobs gesehen», sagt Jacobi. Und führt das auch auf die zweite Generation der Einwanderer zurück. «Sie haben eine andere Kultur und Einstellung zum Sport. Schauen Sie sich nur den Fussball an!»

Wenn Jacobi träumt, dann tut er das gross, deshalb der Vergleich mit dem Fussball. Er will, dass dem Volleyball in der Schweiz die Aufmerksamkeit geschenkt wird, die es seiner Meinung nach verdient hat. Nun versucht er, das mit einem Team aus Schweizerinnen hinzukriegen, das bald in der NLA ebenso an die Spitze stürmen soll. Wie das früher seine Stars taten.