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Rassismus-Debatte ärgert Komiker KikoDer Mann, der die «Arena» aufwühlte

Komiker Kiko schert bei der aktuellen Rassismus-Debatte aus – und erntet einen Sturm der Entrüstung. Dabei: Wenn einer weiss, was Schwarze in der Schweiz durchmachen müssen, dann er.

Früher ein Sexkino, jetzt ein Veranstaltungsort mit Bühne: Kiko vor dem Kino Roland an der Zürcher Langstrasse.
Früher ein Sexkino, jetzt ein Veranstaltungsort mit Bühne: Kiko vor dem Kino Roland an der Zürcher Langstrasse.
Foto: Joseph Khakshouri

Vier Tage nach der Sendung ist Kiko noch immer aufgebracht. Hunderte von Nachrichten habe er erhalten, 90 Prozent davon positive, aber die anderen schmerzen halt doch. Weil er auf Instagram als «Onkel Tom» beschimpft wird, also als Kollaborateur mit den Sklavenhaltern, als Verräter, der von Rassismus keine Ahnung habe. Er antwortet auf die Anwürfe mit Herzchen, will der negativen Energie nicht allzu viel Platz lassen.

«Auch viele Schwarze stehen auf meiner Seite, getrauen sich aber nicht, sich öffentlich zu äussern», sagt er. Der Druck von organisierten Aktivisten sei enorm, die jeden Abweichler auf sozialen Medien bombardierten. Oft seien es Weisse, die sich besonders rabiat als Antirassisten geben und Leute wie ihn beschimpfen, wenn diese eine andere Meinung äussern. «Von diesen Typen will ich nicht gerettet werden.»

Als einziger Schwarzer durfte er nicht in die zweite Sendung

In der vieldiskutierten «Arena» einige Tage zuvor hatte Kiko für Aufruhr gesorgt, weil er die «Mohrenkopf»-Debatte als lächerlich bezeichnete und die «Black Lives Matter»-Bewegung hierzulande als heuchlerisch. Neben ihm am Rednerpult stand die weisse SP-Nationalrätin Samira Marti, die fast daran verzweifelte, dass er sich nicht so diskriminiert fühlt, wie er das ihrer Meinung nach sollte. «Schön für dich», tat sie seine Wortmeldung ab. Und Moderator Sandro Brotz – auch er weiss – bezeichnete eine ernsthafte Äusserung von ihm gar despektierlich als «Comedy».

Entsprechend erstaunte es auch nicht, dass Kiko als einziger dunkelhäutiger Gast der ersten Rassismus-«Arena» nicht mehr in die zweite Sendung eingeladen wurde.

Dabei hat Frank Cabrera Hernandez, wie Kiko mit bürgerlichem Namen heisst, am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, als Schwarzer in der Schweiz ganz unten zu stehen. Viel stärker jedenfalls als die meisten (schwarzen) Wortführer in der aktuellen Rassismus-Diskussion, die oft einen akademischen Hintergrund haben.

Wenn im Dorf etwas Unschönes passierte, zeigte man auf ihn

Mit sechs Jahren zog Frank mit seinen zwei Brüdern und der Schwester aus der Dominikanischen Republik in eine kleine Wohnung in Hefenhofen im Kanton Thurgau. Mit ihrer alleinerziehenden Mutter waren sie in den 90er-Jahren die einzigen Schwarzen im Dorf. Die drei Buben teilten sich ein Schlafzimmer; die Mutter rackerte sich in der Fabrik ab, später als Putzkraft in einem Altersheim, um die Familie durchzubringen. Sie ist bis heute die starke Frau in der Familie. «Als ich zum ersten Mal bei einem Schulfreund zu Hause war, staunte ich, wie frech und respektlos die Schweizer Kinder mit ihren Eltern sind. Ich konnte das nicht glauben!»

Die Hernandez-Brüder waren ständig Dorfgespräch. Wann immer im Ort etwas Unschönes geschah Vandalismus, Diebstahl, Gewalt –, zeigte man mit dem Finger auf die bulligen schwarzen Buben. Die Polizei holte Frank auch mal aus dem Schulzimmer, Bruder Gregory wurde nach der Flucht auf einem frisierten Töffli von einem Polizisten verprügelt. «Wir haben ständig Rassismus erlebt», sagt er. Und trotzdem mag er sich nicht einfach als Opfer sehen. «Hey, wir waren die ersten Schwarzen im Dorf! Die kannten so etwas nicht.» Und ergänzt: «Viele Leute haben sich auch für uns eingesetzt.»

Vor allem reagiert er allergisch auf den modischen Antirassismus in diesen Tagen. «Was hilft es uns Schwarzen, wenn nun Schweizer auf Instagram jeden Laden anprangern, der noch Dubler-Mohrenköpfe verkauft? Das machen die nicht für uns, sondern für sich selber, um sich gut zu fühlen.» Auch die «Black Lives Matter»-Welle habe mit der Lebensrealität in der Schweiz nichts zu tun. «Plötzlich soll ich ein ‹People of Color› sein, ein PoC [er betont: ‹Piousiii›]. Ich wusste vorher gar nicht, was das ist.»

Die Bewegung hierzulande hat eins zu eins die Slogans aus den USA übernommen, alles auf Englisch. «Das wird einfach kopiert, dabei herrschen hier ganz andere Zustände als in Amerika», sagt er. «Das ist doch alles verlogen.»

2009 sorgte er für einen politischen Skandal

Frank lernte früh, sich durchzubeissen – und sich zu wehren. Gegen die Sozialarbeiter, welche die Familie auseinanderreissen wollten, weil sie die Mutter als überfordert erachteten. Gegen die Lehrer, die ihn trotz überdurchschnittlicher Noten in die Realschule schicken wollten. «Die haben ausgenützt, dass meine Mutter kein Deutsch sprach und hilflos war.»

Doch Frank ist ein positiver Mensch geblieben. Von seiner Mutter hat er gelernt: Wenn man etwas erreichen möchte, soll man nicht jammern, sondern die Zügel selber in die Hand nehmen. Und das tat er auch: Mit seinem Bruder Boris handelte er in Hongkong mit Uhren, die beiden managten das jamaikanische Bobteam an der Olympiade 2014, parallel dazu zogen sie einen Handel für CBD-Produkte auf, also legale Hanfmittel.

Und sie machten Musik. Die Hernandez-Brüder galten mit dem Duo Kiko & Boro (361 Grad) als «härteste Rapper der Schweiz». 2009 sorgten sie gar für einen politischen Skandal. Ihre Debüt-CD war vom Kanton St. Gallen mit einem vierstelligen Betrag unterstützt worden. Auf dem Cover posierten die zwei Jungs in Mafiosi-Pose vor einer Schweizer Fahne, darüber stand «Päch für d’Schwiz». Einige Politiker fanden das nicht lustig.

Auch in der hiesigen Rap-Szene, wo oft weisse Mittelschichtjungs die Ungerechtigkeit der Welt beklagen, waren Kiko & Boro mit ihren grotesk-obszönen Texten Aussenseiter. Ihr bekanntestes Lied lautete «Sie wird gfilmet währedem Sex, mini Fründin isch i de Branche» – eine Parodie auf den US-Bling-Bling-Rap, inklusive Video mit Luxusautos, schönen Frauen und harten Posen. Während die einen den Humor feierten, sprachen andere von «Sexismus» – es waren zum Teil dieselben Leute, die sich auch jetzt wieder lautstark über Kiko empören.

Kiko bringt Menschen aller Art zusammen

In der persönlichen Begegnung erweist sich Hernandez als geselliger, lebensfroher Mensch. Egal, ob in der St. Galler Altstadt oder an der Zürcher Langstrasse, ständig wird er gegrüsst, überall beginnt er mit Leuten zu reden, alle scheinen ihn zu kennen. Wo Kiko auftaucht, da ist sofort gute Stimmung.

Zwar steht er erst seit drei Jahren als Komiker auf der Bühne, doch in der Szene ist er bereits zur wichtigen Figur geworden: Während des Lockdown hat er sofort eine Online-Plattform für Komiker initiiert, in Zürich veranstaltet er gemeinsam mit dem ebenfalls dunkelhäutigen Berufskollegen Gabirano wöchentlich eine offene Comedy-Bühne.

«In meinem Umfeld ist es gar nie ein Thema, welche Hautfarbe jemand hat»: Kiko vor seinem Graffito in Zürich.
«In meinem Umfeld ist es gar nie ein Thema, welche Hautfarbe jemand hat»: Kiko vor seinem Graffito in Zürich.
Foto: Joseph Khakshouri

An diesen «Open Mic»-Abenden treten jeweils Schweizer und Migranten auf, Schwarze und Weisse, Frauen und Männer, Reiche und Arme. Kiko bringt sie mit seiner offenen Art alle zusammen. In der vollgestopften Longstreet-Bar in Zürich, wo die Shows jeweils stattfinden, herrscht fast schon eine Stimmung wie in einem New Yorker Club. Am Ende gibt es eine Topfkollekte, Bezahlen ist freiwillig.

Gemeinsam zu lachen verbindet, da reden plötzlich Leute miteinander, die sonst nie ins Gespräch kämen. Wahrscheinlich macht Kiko damit mehr für das Zusammenleben in diesem Land als die meisten, die nun ihre Instagram-Posts mit dem Hashtag #BlackLivesMatter ausstatten und sich über den Begriff Mohrenkopf empören.

«In meinem Umfeld ist es gar nie ein Thema, welche Hautfarbe jemand hat», sagt er. Deshalb ärgere er sich auch so über die aktuelle Debatte: «Da wird wieder zwischen Schwarz und Weiss unterschieden. Die Antirassismus-Aktivisten meinen, etwas Gutes zu tun, dabei sind sie es, welche die Gesellschaft spalten.»

Kiko Solo, ab September auf Schweizer Tournee. www.kikomedy.ch