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Abschied vom ZSC-NachwuchschefDer nette Pole, der den Jungen Beine machte

Henryk Gruth formte die Juniorenabteilung der ZSC Lions zur Besten im Lande. Mit 62 ist er in die Heimat zurückgekehrt. Die Smartphone-Generation entspricht ihm nicht mehr.

«Ich war immer ein Praktiker, das Eis ist mein Element.» Henryk Gruth in der Kabine des ZSC-Nachwuchs.
Foto: Martina Baltisberger

Als Henryk Gruth 1985 am Flughafen Zürich eintraf, wurde er von der Frau des damaligen Sportchefs Guido Tognoni empfangen. Sie übergab ihm den Wohnungsschlüssel und ein Couvert mit 1000 Franken für erste Besorgungen. Gruth drehte sich um zu seiner Frau und sagte, halb im Scherz: «Nehmen wir den Umschlag und fliegen gleich wieder zurück?» So viel Geld hatte er noch nie in den Händen gehalten. Doch natürlich blieb er.

Was er damals noch nicht ahnen konnte: wie sehr die Schweiz sein Leben prägen, dass er mit Unterbrüchen 25 Jahre hier verbringen würde. Er war ZSC-Verteidiger mit Übersicht, Coach in den höchsten drei Ligen und ein exzellenter Ausbildner. Seine osteuropäische Prägung, gepaart mit seinem sympathischen Wesen, war die ideale Kombination. So sagt Patrick Geering, einst Junior unter Gruth: «Er forderte immer das Maximum. Aber dies mit der nötigen Wärme. Und natürlich merkte man seine riesige Erfahrung von 17 Weltmeisterschaften.»

Markenzeichen der ZSC-Schule

Heute ZSC-Captain, war Geering 2007 Teil jenes Elite-A-Teams, das unter Gruth den ZSC Lions den ersten Meistertitel bei den Junioren bescherte. Es war der Anfang der Zürcher Dominanz auf Juniorenstufe. «Jener Titel zeigte mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind», sagt Gruth rückblickend. «Unsere vielen Techniktrainings waren die Basis für unseren Erfolg. Mit den Jahren haben uns dann alle kopiert.» Läuferisch und technisch stark, das wurde zum Markenzeichen der ZSC-Schule. Und das ist es auch heute noch.

Gruth ist bereits zurückgekehrt nach Polen, als er via WhatsApp-Call sein Wirken in Zürich reflektiert. Als die Saison wegen des Coronavirus definitiv abgesagt wurde, musste er sich beeilen. «Ich wollte unbedingt zurück, bevor sie die Grenzen nach Polen schliessen.» Und weil es für ihn eine definitive Heimkehr ist, gab es mehr zu tun als sonst. Er belud einen Lastwagen mit seinem Mobiliar und schickte ihn auf die Reise. Dann füllte er sein Auto und fuhr los mit seiner Frau. Normalerweise dauert die Fahrt nach Krakau rund 11 Stunden. Diesmal wurden es 35. Vor der deutsch-polnischen Grenze mussten die Gruths 16 Stunden ausharren.

Endlich weg von der Stasi!

Zurück in Polen ging das Geduldsspiel weiter: zwei Wochen Quarantäne. Und Gruth war gut beraten, sich daran zu halten: «Wenn sie dich draussen erwischen, bezahlst du 7000 Franken. Das ist in der Schweiz schon viel. In Polen kann das Existenzen gefährden.» Der 62-Jährige hat also Zeit zu reden. Er erzählt von der ersten ZSC-Saison als Spieler, die für ihn eine Befreiung war, weil ihn endlich der polnische Staatsschutz nicht mehr verfolgte. Oder wie verblüfft er war, als man ihn hier anwies, mehr Tore zu schiessen. Dabei hatte er gelernt, dass er als Verteidiger primär die Angriffe ankurbeln sollte. Aber gut, dann passte er halt sein Spiel an.

Als Trainer kehrte er 1997 in die Schweiz zurück, übernahm in der 1. Liga die stark verjüngte Mannschaft des EHC St. Moritz mit Spielern wie Duri und Corsin Camichel. Er schaffte den Ligaerhalt und begründete so seinen Ruf als Trainer, der gut mit Jungen umzugehen weiss. Nach der Fusion stiess er via SC Küsnacht zur ZSC-Organisation. Als Assistent von Christian Weber wirkte er zuerst in der Nationalliga B, dann in der Nationalliga A. In der Lockout-Saison 2004/05 scheiterten sie erst im Final am HCD mit Thornton, Nash und Hagman. Im folgenden Winter «flüchtete» Weber nach Florida und übernahm Gruth interimistisch, ehe Juhani Tamminen ihn ablöste, aber den Erfolg auch nicht zurückbrachte.

Gruth fand seine Berufung als Ausbildner, wirkte als Nachwuchschef und coachte die Elitejunioren von 2007 bis 2015 zu sieben Meistertiteln. Geschäftsführer Peter Zahner sagt über ihn: «Wenn er in seiner Karriere bei uns geschätzte 500 Spieler gehabt hat, so bin ich sicher, dass 500 sagen, Gruth habe ihre Karriere positiv geprägt. Er schaute, dass sich jeder auf seinem Niveau weiterentwickelte. Und er hatte einen guten Umgang mit den Spielern, das nötige Fingerspitzengefühl.»

Die neue Generation von Spielern, mit dem Smartphone stets in der Hand, passt nicht zu mir.

Henryk Gruth

Doch wieso verlässt er die Zürcher nun mit 62, drei Jahre vor dem Schweizer Pensionsalter? «Ich habe mir in letzter Zeit viele Gedanken gemacht», sagt er. «Die neue Generation von Spielern, mit den sozialen Medien und dem Smartphone stets in der Hand, passt nicht mehr zu mir. Ich komme aus einer anderen Welt.» Zudem habe er immer mehr Zeit im Büro verbringen, Formulare ausfüllen müssen. Das behage ihm nicht. «Ich war immer ein Praktiker, das Eis ist mein Element.» Angetan zeigt er sich aber von der schwedischen Trainercrew um Rikard Grönborg, die als erste einen regen Austausch mit den Juniorencoaches gepflegt habe.

Nicht nur Ausbildungschef Gruth, auch Nachwuchs-Sportchef Richi Jost, mit dem er so lange zusammenarbeitete, verlässt nun die ZSC Lions. Bei den Elitejunioren rückt für Gruth Assistent Fabio Schwarz als Chefcoach nach, Edgar Salis wird Sportchef des Bereichs Spitzensport im Nachwuchs. Und wie geht es für Gruth weiter? «Einer meiner Freunde ist Journalist und schrieb in einer Sportzeitung, ich sei zurück», erzählt er. «Seitdem bekomme ich täglich Anrufe, von Clubs, vom Verband.»

Zuerst möchte er aber nun einmal ein Jahr Pause. Zudem sind seine Ausbildungsqualitäten im privaten Bereich gefragt: Der dreifache Vater hat inzwischen vier Enkel.

1 Kommentar
    Peter Glarner

    Nicht zu vergessen: Diese akribische Arbeit von Herrn Gruth ist auch die Basis für den Erfolg der Nationalmannschaft! Danke dafür, sie haben Freude gebracht.