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Vatikanischer FinanzskandalDer Papst entmachtet seine Spitzenbehörde

Franziskus nimmt dem vatikanischen Staatssekretariat die Kasse weg, über die so manch dubioses Geschäft gelaufen war.

Die lange versprochene Reform: Papst Franziskus, hier Ende Oktober, ordnet die Wirtschafts- und Finanzverantwortlichkeiten neu.
Die lange versprochene Reform: Papst Franziskus, hier Ende Oktober, ordnet die Wirtschafts- und Finanzverantwortlichkeiten neu.
Foto: Yara Nardi (Reuters)

«Brüderlich, Francesco» – so endet ein Schreiben des Papstes vom vergangenen 25. August, das die Machtverhältnisse im vatikanischen Stadtstaat auf den Kopf stellt. Dass es erst mehr als zwei Monate nach Sendung publik geworden ist, hängt wohl an der besonders brisanten Materie, die es behandelt. Franziskus entzieht dem Staatssekretariat, dem höchsten Amt der römischen Kurie, alle Macht in finanziellen und wirtschaftlichen Angelegenheiten und unterstellt deren Sonderkasse der zentralen Güterverwaltung Apsa, die wiederum an das Sekretariat für Wirtschaft berichtet. Alle Geldströme sollen also zentralisiert werden, damit in Zukunft nicht mehr so viel Unseliges und zuweilen hochgradig Dubioses angestellt werden kann mit dem Geld der Kirche – auch mit dem Peterspfennig zum Beispiel, jener Spende also, die für karitative Zwecke reserviert sein sollte.

Franziskus befürchtet eine «Rufschädigung»

Am meisten undurchsichtige Investments hatte stets das Staatssekretariat getätigt, und das ging ganz einfach: Es brauchte nämlich bisher nie Buch zu führen über seine Ausgaben, wie das andere Ämter mussten, sein Budget war ein Enigma und nur Eingeweihten bekannt. Auch das soll sich nun ändern, und zwar «binnen dreier Monate»: Jeder Euro muss künftig belegt sein, ausser wenn es sich um geheime Missionen handelt, die aber vorgängig als solche von einer dafür eingesetzten Kommission bewilligt werden müssen. Alle Autonomie ist weg.

In seinem Brief wird der Papst auch ganz konkret: Die Kirche riskiere eine «Rufschädigung», wenn sie sich nicht «so schnell wie möglich» von einer Immobilie in London und dem Investmentfonds Centurion trenne, schreibt er. Gemeint sind die beiden Objekte des jüngsten Finanzskandals. Ab 2013 hatte das Staatssekretariat in mehreren Etappen über Broker und Konsulenten für wohl insgesamt ungefähr 300 oder 400 Millionen Euro ein Gebäude an der Sloane Avenue im teuren Londoner Stadtteil Chelsea gekauft, um darin – das war der Plan der Investoren – Luxuswohnungen einzurichten. Der Immobilienmarkt brach zusammen, die Operation wurde für die Kirche zu einem gigantischen Verlustgeschäft.

Zeugen «Alfa», «Beta» und «Gamma»

Doch im Hintergrund verdienten die Mittelsmänner viel Geld mit Kommissionen, das sie offenbar im Fonds Centurion angelegt haben. Im Vatikan laufen Ermittlungen zu allen diesen Transaktionen, der Verdacht lautet auf Geldwäsche, Korruption und Betrug. Diese Woche führte die italienische Steuerpolizei Guardia di Finanza auf Gesuch des Vatikans Hausdurchsuchungen bei einem Banker, einem Financier und einem hohen Funktionär des Staatssekretariats durch. Drei Insider helfen den Justizbehörden bei ihren Ermittlungen. Der Vatikan nennt sie Zeugen «Alfa», «Beta» und «Gamma». Einer von ihnen, so viel wurde schon bekannt, ist Monsignor Alberto Perlasca, der frühere Assistent von Kardinal Angelo Becciu, ehemals Substitut im Staatssekretariat und zuletzt Präfekt der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen.

Aus der Gnade gefallen: Kardinal Angelo Becciu.
Aus der Gnade gefallen: Kardinal Angelo Becciu.
Foto: Guglielmo Mangiapane (Reuters)

Der Papst hat den sardischen Prälaten Becciu vor einigen Wochen, als immer mehr belastendes Material über dessen Umgang mit kirchlichem Geld bekannt wurde, von allen Rechten und Privilegien seines Kardinalsstandes entbunden – oder um es in weltliche Begriffe zu fassen: Er hat ihn rausgeworfen, weil er ihm nicht mehr traute. Für das Staatssekretariat, das unter anderem den diplomatischen Apparat und die Agenda des Papstes verwaltet, führt die organisatorische Neuordnung zu einem empfindlichen Machtverlust. Der Papst schreibt in seinem Brief, die Behörde habe genug zu tun mit ihren angestammten Aufgaben, Finanzgeschäfte gehörten nicht dazu, es gelte das Subsidiaritätsprinzip.

In ihrer sagenumwobenen «cassa», auch als «dritte Bank des Vatikans» bekannt, lag etwa ein Zehntel aller Mittel der Kirche – ganz frei zur Verfügung. Dem Chef der Behörde, dem italienischen Kardinal Pietro Parolin, hat Franziskus sein Vertrauen erneuert, obschon alle waghalsigen Operationen von seinen engsten Mitarbeitern beschlossen worden waren. Seinen Sitz im Aufsichtsrat der eigentlichen Bank des Vatikans, des IOR, musste Parolin vor einigen Wochen aber räumen.

15 Kommentare
    Hrh

    Ob man durch solche Personalwechsel viel erreicht in einer Organisation, deren corporate governance Struktur mehr als fragwürdig ist. Als in einer anderem gemeinnützigen Institution mit sehr, sehr vollen Kassen und vielen Parallelen zur katholischen Kirche Papst Sepp durch Papst Giovanni ersetzt wurde, hat sich eigentlich nichts zum Besseren gewendet.