Zum Hauptinhalt springen

Krankheiten in der KunstDer schöne Schrecken

Von Cholera über Aids bis Covid-19: Seit Hunderten von Jahren halten Kunstschaffende Pandemien in aus heutiger Sicht ästhetischen Werken fest.

Erkrankte an der Spanischen Grippe und malte sich danach selbst: Edvard Munch, «Selbstbildnis nach Spanischer Grippe»
Erkrankte an der Spanischen Grippe und malte sich danach selbst: Edvard Munch, «Selbstbildnis nach Spanischer Grippe»
Bild: Edvard Munch/Munch Museum

Bedrohlich wirken die vielen dicht aneinandergedrängten Figuren im hochformatigen Holzschnitt von Albrecht Dürer. «Die vier apokalyptischen Reiter» heisst das Werk, das zusammen mit weiteren 1498 veröffentlicht wurde. Seine düstere (an die Bibel angelehnte) Zukunftsvision stellte Dürer unter anderem mit einem Reiter dar, der für Krankheiten steht und in neueren Interpretationen als «Pestilenz» bezeichnet wird.

Auch Nicolas Poussins Gemälde «Die Pest von Ashdod» von 1630/31 zeigt den Schrecken der Seuche und sie als eine Art Fluch Gottes. Die wohl erste Pandemie der Menschheit brach in den letzten Jahrhunderten immer wieder aus – und beschäftigte die Kunstwelt intensiv.

Anders als die Pest ist die Spanische Grippe, die die erste europäische Pandemie des 20. Jahrhunderts war und rund 50 Millionen Todesopfer forderte, heute besiegt. Auch sie wurde zum Motiv für Künstler. Sehr bekannt ist etwa eine Serie von Edvard Munch, der an der Krankheit litt und sich nach seiner Genesung schwach in einem Sessel sitzend oder gebeugt selbst malte.

Schöne, kranke Frauen

Geradezu als weibliches Schönheitsideal galten eine Zeit lang die Symptome einer Tuberkulose-Erkrankung: der ausgemergelte Körper, die durch Blässe sichtbaren Venen, die durch das Fieber leicht geröteten Lippen. Charlotte Brontë beschrieb die Krankheit als «flattering», und es gibt eine Vielzahl Porträts aus dem späten 18. Jahrhundert, die schöne, aber kranke Frauen zeigen.

Aus heutiger Sicht mag das bizarr wirken, doch ein ähnliches Phänomen trat in den 1990ern mit dem «Heroin Chic» auf. Die Tuberkulose wird oft als Künstlerkrankheit bezeichnet. Viele Kreative litten an ihr (etwa Modigliani, Chopin und Kafka) und beschäftigten sich intensiv mit der Krankheit – das berühmteste Beispiel ist Thomas Manns Roman «Der Zauberberg».

Auch Covid-19 in der Kunst angelangt

Auch mit dem Coronavirus haben sich Kunstschaffende bereits auseinandergesetzt, etwa David Hockney. Anders als Dürer oder Munch malte er aber nicht das Schreckensgespenst einer Pandemie, sondern will Hoffnung geben. Hockneys Werk aus dem Jahr 2020 heisst: «Do remember they can’t cancel spring»; vergiss nicht, dass sie den Frühling nicht absagen können.

Die erste Pandemie des 20. Jahrhunderts in Europa forderte viele Opfer, darunter auch Künstler wie Egon Schiele. Edvard Munch hat die ­Spanische Grippe überlebt, er hat sich nach seiner Genesung mehrmals selbst gemalt.

David Hockney

Zeigt kein Schrecken, sondern Schönheit: David Hockney, Do remember they can't cancel the spring, 2020
Zeigt kein Schrecken, sondern Schönheit: David Hockney, Do remember they can't cancel the spring, 2020
Bild: David Hockney

Der 82-Jährige ist in seinem Haus in der Normandie in Isolation. Die Hoffnung verliert er aber nicht, und das will er mit seinem Narzissenbild auch der Welt vermitteln. Entstanden ist es ­übrigens wie die anderen der Serie auf dem iPad.

Nan Goldin

Aus den Zeiten der Aids-Krise: Nan Goldin, Gilles and Gotscho embracing, 1992
Aus den Zeiten der Aids-Krise: Nan Goldin, Gilles and Gotscho embracing, 1992
Foto: Nan Goldin

Die amerikanische Fotografin gilt als eine Art Chronistin der Aidskrise; in ihrem ganzen Werk hat sie sich intensiv mit Gewalt, Sexualität und dem Tod auseinandergesetzt. Entstanden sind dadurch oft intime Fotos, auf denen auch regelmässig ihre Freunde zu sehen sind.