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Athletenförderer tritt abDer stille Abgang eines grossen Förderers

Franz Fischer begleitete in den letzten zwei Jahrzehnten viele Spitzensportler. Jetzt geht er in Pension – und die Reaktionen sind überwältigend.

Franz Fischer (vorne), im Boot mit dem früheren VBS-Chef Ueli Maurer und IOC-Mitglied Denis Oswald.
Franz Fischer (vorne), im Boot mit dem früheren VBS-Chef Ueli Maurer und IOC-Mitglied Denis Oswald.
BASPO

Leonardo Genoni wählt seine Worte generell mit Bedacht. Dafür hat das, was er sagt, auch Gewicht. Ein Twitter-Eintrag des besten Schweizer Eishockey-Goalies lässt deshalb unlängst aufhorchen: «Besten Dank für die grenzenlose Unterstützung. Danke Franz.» Der Dank gilt Franz Fischer, dem Verantwortlichen für Sport-RS und Sport-WK, der nach 22 Jahren in Diensten der Spitzensportförderung der Armee in Pension geht. Dass der Surseer wertvolle Arbeit verrichtete, beweisen weitere Reaktionen. Marc Gisin schrieb: «Legende. Eine der wichtigsten Personen überhaupt in der Förderung und Kultivierung der Spitzensport-Landschaft Schweiz.» Ruderin Jeannine Gmelin schloss sich dem Kompliment ihres skifahrenden Kollegen an, und sie sagt auf Nachfrage: «Franz hat mich beim Start in den Profisport unterstützt und danach meine Karriere nachhaltig geprägt.»

Der handgeschriebene Dankesbrief des Bundesrats

Das Echo war gross, und Fischer selber hatte nicht damit gerechnet: «Die vielen Rückmeldungen haben mich überrascht.» Was er nicht sagt: Auch aus der Politik gab es Komplimente, ein ehemaliger Bundesrat hat sogar einen handgeschriebenen Dankesbrief verfasst.

Franz Fischer war im (Armee)-Sport über zwei Jahrzehnte lang eine Institution. Nachdem er vorher schon zu Ausbildungszwecken oft in Magglingen weilte, und auch Jean-Pierre Egger unterstützte, wurde es 1997 ernst. Es war die Phase, als sich die Schweiz für die Olympischen Winterspiele 2006 in Sion bewarb. Adolf Ogi wollte damals Nägel mit Köpfen machen und einen neuen Posten zur Athletenförderung schaffen. Fischer erinnert sich an die Worte des damaligen Sportministers: «Wenn wir das schon machen, will ich ähnlich professionelle Bedingungen, wie sie die Ausländer haben.» Fischers Vorgesetzter Erich Hanselmann fragte den Luzerner.

Durch den Cousin zum Rudern gekommen

Der Sport hatte in Fischers Leben schon vorher eine grosse Rolle gespielt. Sein Cousin Heini, 1972 in München Olympia-Silbergewinner im Zweier-ohne, hatte ihn zum Rudern animiert. Franz Fischer merkte aber während seines Sportlehrerstudiums an der ETH Zürich, dass dieses nicht mit der Karriere als Sportler kombinierbar war. Früh wechselte er ins Trainerbusiness und führte unter anderem den Junioren-Achter zu WM-Gold.

Fischer sagte Ja, und 1999 ging es los, mit dem RS-SLG, wie das Konstrukt im militärischen Sprachgebrauch hiess. In den ersten Jahren nahmen an diesem «Rekrutenschule-Spitzensportlehrgang» unter anderen Marco Bührer, Alex Frei, Silvano Beltrametti und Fabian Cancellara teil. Frei erklärte damals, dieser Lehrgang würde jedem Fussballer gut tun, und Fischer sagt: «Wir haben später noch oft über diese Aussage gelacht.»

Ab 2004 gab es eine richtige Spitzensport-RS, komplett in Magglingen, noch besser angepasst auf die Bedürfnisse und mit strengeren Selektionskriterien. Unter anderem musste jeder Sportler in einem Brief seine Motivation begründen. Auch Genoni kam bei den Selektionen vor seiner RS 2009/10 erstmals mit Fischer in Kontakt. Über die Jahre lernten sich die beiden besser kennen. Es folgten viele Wiederholungskurse, und Fischer war auch sein Ansprechpartner bei seiner Bachelor-Arbeit im Wirtschaftsstudium. «Er war immer voller Elan und hat seine Aufgabe gelebt», sagt Genoni, «jedes Anliegen hat er innerhalb von wenigen Stunden behandelt. Er hat für jeden immer die beste Lösung gesucht, egal, wie viel öffentliche Beachtung eine Sportart hatte.»

Der Athlet sei bei ihm immer im Zentrum gestanden, bestätigt Fischer, und differenziert: «Wichtig ist für mich nicht nur der Sportler, sondern auch die Privatperson. Wenn es dem Menschen gut geht, dann geht es auch dem Athleten gut.» Viele Gespräche über Gott und die Welt ergaben sich auch auf der Terrasse des Hotel Bellavista oder nach dem Abendessen bei einem Kaffee an der Bar. Einen Feierabend habe es bei Fischer nicht gegeben, erinnert sich Genoni: «Er ist als einer der ersten aufgestanden und war am Abend immer noch im Einsatz.» Jeannine Gmelin beschreibt es so: «Seine selbstlose Art und sein ehrliches Interesse nicht nur an der Eigenheit jeder Sportart, sondern auch am Mensch hinter dem Sportler, waren für mich inspirierend.»

Der Spitzensport bleibt nicht stehen. Wir müssen weiter investieren, wenn wir den Anschluss nicht verlieren wollen.

Franz Fischer

Wenn der Wochenaufenthalter am Freitag wieder ins Luzernische fuhr, drehte sich seine Agenda weiterhin fast ausschliesslich um den Sport, und so erweiterte sich sein Sportarten-Horizont immer mehr. Er besuchte auch am Wochenende Trainings und Wettkämpfe der Athleten: «Das war für mich auch ein Zeichen der Wertschätzung. Ich habe gerne Freude und Frust mit ihnen geteilt, konnte so abschalten, und mit jungen Leuten zusammen sein.»

Die Bewegung erhielt einen Boom, als Ueli Maurer 2013 erreichte, dass die Athleten nach der Sportler-RS die nächsten vier Jahre 30 Tage WK plus freiwillig 100 Tage pro Jahr leisten konnten. «Das war ein Riesenfortschritt», so Fischer. Heute sind insgesamt 18 Zeitmilitärsoldaten angestellt, zu 100 Prozent, mit 50 Prozent Salär. Gegenüber früher ist das viel, im Vergleich mit Nachbarländern wenig: Deutschland hat über 700 Athleten zu 100 Prozent von der Bundeswehr angestellt, Österreich hat kürzlich die Anzahl Sportsoldaten von 190 auf 300 erhöht. Für Fischer ist klar: «Der Spitzensport bleibt nicht stehen. Wir müssen weiter investieren, wenn wir den Anschluss nicht verlieren wollen.»

Zuerst der Kochherd, dann der Backofen

Er selber wird die nächsten Entwicklungsschritte mehr aus der Distanz verfolgen. Am 30. April geht er in Pension, und wegen des Coronavirus war sein letzter Arbeitstag im Seeland der 13. März, danach wurde er ins Homeoffice geschickt. So geplant war es nicht, «aber was soll ich jetzt jammern?» Fischer erledigt fürs Baspo letzte Arbeiten und widmet sich neuen Herausforderungen: «Den Kochherd habe ich jetzt langsam im Griff, jetzt folgt der Backofen.» Ein Arbeitskollege schickt ihm regelmässig Rezepte.


In Magglingen wird er eine grosse Lücke hinterlassen. Jeannine Gmelin fasst es so zusammen: «Sein Einsatz und sein Herzblut für den Schweizer Sport, aber vor allem für die individuellen und ganz persönlichen Anliegen von Sportlerinnen und Sportlern, war einzigartig.»

Fischer wird sein Sportwissen auch künftig weitergeben, bei Swiss Rowing kümmert er sich um die langfristige Karriereplanung der Spitzenruderer. Sportler, davon ist er überzeugt, haben auf dem Arbeitsmarkt mehr zu bieten, als oft angenommen wird: «Sie haben ganz viele Qualitäten, die man an keiner Universität erlernen kann.» Auch dank Dozenten wie Franz Fischer.