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Lockdown in Italien Süditalien sehnt sich nach Abschottung

Premier Conte lockert die Einschränkungen nur ein bisschen und steht plötzlich unter Druck: Im Süden fordern sie eine Sonderbehandlung – und Schutz vor dem Norden. Im Parlament wirft ihm die Rechte eigenmächtiges Regieren vor.

Bisher standen fast alle hinter seinem harten Kurs im Kampf gegen Corona, nun gibt es Kritik an der zögerlichen Lockerung des Lockdown.
Bisher standen fast alle hinter seinem harten Kurs im Kampf gegen Corona, nun gibt es Kritik an der zögerlichen Lockerung des Lockdown.
Foto: Marco Mantovani/Getty Images

Harmonie war noch nie ein dauerhafter Wert, schon gar nicht in der Politik. In Italien erfährt nun die Regierung um Premier Giuseppe Conte, dass die grosse Gunst im Volk sie nicht vor Anwürfen schützt, im Gegenteil. Lange war Contes harter Kurs für die Eindämmung von Corona so unumstritten und breit getragen, dass seine politischen Gegner kaum Spielraum für das Opponieren hatten. Nun aber, beim Übergang in die «Fase due», die am kommenden Montag mit einer minimalen Lockerung des Lockdown beginnen soll, wächst die Kritik. Manche Medien verhöhnten die vorsichtige Öffnung als «Phase 1,5». Und ja: Viel ist es nicht.

Etwas spazieren, mehr nicht

Die Italiener werden neu etwas länger und grossräumiger spazieren gehen und die Liebsten treffen dürfen, unter Auflagen. Einige Wirtschaftszweige gehen wieder in Produktion, fünf Millionen kehren an ihren Arbeitsplatz zurück. Bars, Restaurants und Gelaterie dürfen ihre Ware über die Gasse verkaufen. Im Juni sollen sie dann auch ihre Lokale öffnen dürfen, sofern der Trend zur Besserung anhält und die Zahl der Neuinfektionen kein Überdenken erfordert.

Der Gouverneurin von Kalabrien geht das nicht schnell genug. Jole Santelli von der bürgerlichen Forza Italia, erst seit ein paar Monaten im Amt, erliess dieser Tage eine regionale Verfügung, die mit dem Dekret der Zentralregierung bricht. In Kalabrien dürfen Bars und Restaurants auch sitzende Gäste bedienen – draussen auf den Terrassen, mit Abstand. Sie sei schliesslich Kalabrierin, sie wisse besser, was ihre Bürger wollten. Tatsächlich? Wie man hört, ist die Initiative ein Flop: Viele Lokalbetreiber öffnen nicht, und die, die öffnen, haben kaum Kundschaft. Aus Rom gab es eine Mahnung, doch Santelli mochte nicht nachgeben. Es geht um Politik.

Jole Santelli, Gouverneurin von Kalabrien, schert aus – und landet einen Flop.
Jole Santelli, Gouverneurin von Kalabrien, schert aus – und landet einen Flop.
Foto: Andrea Pirri/Getty Images

Santellis Appelle, den Tränen nahe

Die Italiener haben noch im Kopf, wie Santelli zu Beginn des Notstands im März auftrat: In eindringlichen Appellen im Fernsehen, immer nahe an den Tränen, flehte sie alle Kalabrier an, die in der Lombardei und im Veneto leben und arbeiten, doch bitte nicht in die Heimat zurückzukehren. Das regionale Gesundheitssystem, sagte sie, sei viel zu schwach, es würde unter dem Druck einer Ansteckungswelle kollabieren.

Der Kollaps des gesamten Mezzogiorno blieb aus, und das war nicht einem Wunder geschuldet: Dank der einheitlichen nationalen Verhängung des Lockdown konnte eine mittlere Völkerwanderung mit womöglich dramatischen Folgen verhindert werden. Nun aber fordern gleich mehrere Gouverneure im Süden, etwa auch die auf Sizilien und in Kampanien, dass Rom ihre Regionen anders behandelt als die stark getroffenen im Norden. Sie wollen auch bis auf weiteres abgeschottet bleiben vom Rest des Landes. Eine geografische Unterscheidung bei den Massnahmen leuchtet vielen ein. Conte macht sie von der Entwicklung der Seuche in den kommenden Tagen abhängig.

Viel Theater wie gehabt

Druck erfuhr der Premier auch im Parlament, es tagte am Donnerstag mal wieder wie in normalen Zeiten: laut und voller Theatralik. Herrschaften von den Cinque Stelle hätten sich beinahe mit Vertretern der rechten Lega geprügelt, buchstäblich, von wegen Abstandswahrung. Schutzmasken trugen fast alle im Parlament, ausser dem Premier, so war das vorab ausgemacht gewesen. Doch auch darüber ärgerten sich manche Oppositionelle so herzhaft, dass die Sitzung unterbrochen werden musste. Es war eben wie sonst, und diese Normalität allein erwärmte das Herz vieler politischer Chronisten.

Conte war zitiert worden. Die Opposition um Matteo Salvini von der Lega und Giorgia Meloni von den postfaschistischen Fratelli d’Italia findet, der Premier regiere eigenmächtig, fast ohne Parlament. Die sogenannten «Dekrete des Präsidenten des Ministerrats», im italienischen Akronym als DPCM bekannt, seien auch nicht verfassungskonform. Salvini hatte mit den Seinen die Nacht vor der Sitzung im Parlament verbracht – besetzt haben sie es, aus Protest.

Renzis halbes Ultimatum

Nun, Conte hat in den vergangenen zwei Monaten elf DPCM erlassen, sie waren jeweils sofort wirksam. Er nennt sie ein «elastisches und schnelles Instrument», geeignet für eine «Situation in ständiger Bewegung» wie dieser. Über die Legitimität der Dekrete wird nun heftig diskutiert, auch unter Verfassungsrechtlern. Aber es ist wie immer in Italien bei solchen Debatten: Sie bleibt im Politischen stecken.

Eine besondere Aufregung löste die Rede von Matteo Renzi aus. Der frühere Premier griff Conte frontal an, obschon seine kleine Partei Italia Viva dessen Regierung mitträgt. Renzi sagte also, Conte könne nur noch mit seiner Unterstützung rechnen, wenn er sich bald um die Sorgen der Italiener kümmere und den «Pfad des Populismus» verlasse. Die beiden können sich nicht leiden.

Doch wie ernst ist es Renzi mit dem Ultimatum? Stürzt bald die Regierung? «Welches Ultimatum?», fragte Renzi beim Verlassen des Senats ganz unschuldig. Alle waren froh, wieder mal im Scheinwerferlicht gestanden zu haben.