Der Taekwondo-Kämpfer

Unserem Autor wird eine Sportart zugeteilt, die er nicht kennt und für die er schlecht konstituiert ist. Das hindert ihn nicht daran, überhöhte Erwartungen zu haben.

Auf Biegen und Brechen: Unser Autor wird in Form gebracht. (Video: Reto Oeschger und Lea Blum)

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Beweglich wie ein MelkschemelTeil 1

Der Ball ist mein Freund. War er eigentlich schon immer. Gerne hüpft er auf meinem Fuss, gerne zischt er von dort übers Tor, schnellt von den stramm gezogenen Synthetiksaiten in meiner Hand ins Netz, beschreibt aus meinen Händen einen wunderschönen Bogen und prallt vom Ring des Basketballkorbes ab. Aber alles mit Gefühl, viel Gefühl. Nein, im Ernst: Der Ball und ich, egal, wie gross, egal, wie beschaffen, wir sind Freunde. So enge Freunde, dass davon auch die Lokalredaktion des «Tages-Anzeigers», auf der ich als Freelancer selten, aber immer gerne zu Gast bin, Wind bekommen hat.

Muss so sein. Anders lässt es sich nämlich nicht erklären, dass von den drei Sportarten, die ich dem Team für diese Sommerserie vorgeschlagen hatte, ausgerechnet jene ausgewählt wurde, mit der ich null Berührungspunkte habe: Taekwondo. Warum nicht Landhockey? Das wollte ich schon immer mal ausprobieren. Warum nicht Golf? Ich plane, dereinst auf den Greens dieser Welt zu altern.

Auf dem Weg zum Ninja-Imker

Wie sich in der Folge schnell herausstellt, habe ich nicht nur null Berührungspunkte mit dieser Sportart, sondern auch null Ahnung davon. In meiner Vorstellung hauen beim Taekwondo zwei schwarz gewandete, maskierte Gestalten mit Holzprügeln aufeinander ein. Ich sehe mich schon als Ninja-Imker mit einem dicken Bambusstock herumfuchteln und Gegner wie Pfähle in den Boden rammen. Ich beruhige mich mit Gedanken wie: «So schlimm wird es schon nicht werden. Du bist gross gewachsen und kräftig gebaut. Hau einfach feste drauf.»

Aber weit gefehlt: Es gibt gar nicht viel zu hauen auf meinem heute beginnenden, langen Weg zum Olympioniken. Die eben beschriebene Sportart nennt sich Kendo, nicht Taekwondo. Ein Bürokollege klärt mich – kopfschüttelnd ob meiner Unwissenheit – in groben Zügen auf: «Taekwondo ist so etwas wie Karate. Ein Kampfsport. Da wird vor allem gekickt.» Sein Gastspiel bei einem Meister in Bülach sei allerdings nur von kurzer Dauer gewesen. Zu intensiv sei ihm das Training gewesen, Beweglichkeit, Konzentration und Ausdauer seien in hohem Masse gefragt. Man übe immer wieder komplexe Bewegungsabläufe ein, absolviere eine Art Figurenlauf.

Tolle Voraussetzungen für jemanden, der sein ausgestrecktes Bein knapp auf die Höhe eines Melkschemels heben kann und schon beim Stehblues aus dem Rhythmus gerät. Ich kann also eigentlich nur scheitern (nur das Turmspringen, das Kollege Sarasin absolviert hat, wäre mir von den Sportarten dieser Sommerserie noch schlechter gelegen). Genau das spornt an. Ich will mich nicht zum Idioten machen. Im Sport hatte ich immer sehr gute Noten (ausser am Boden, am Reck, am Barren). Da muss doch was hinzubiegen sein, und sei es nur ein Bein. Oder zwei. Auf Youtube habe ich gesehen, wie Taekwondo-Kämpfer mit blossen Händen und Füssen Holzplatten und Backsteine zerschlagen. Das ist mein Ziel. Das will ich auch können.

Also suche ich mir einen Meister: Pascal Polatti, Träger des Schwarzen Gürtels im fünften Dan, Leiter von Taekwondo Schweiz, einer Schule für die traditionelle Ausprägung der Kampfkunst – man sagt Kampfkunst, nicht Kampfsport, lerne ich am Telefon – an der Binzmühlestrasse in Zürich. Beim ersten telefonischen Kontakt ist er leicht skeptisch, zweifelt an der Ernsthaftigkeit seines Schülers. Mit einigen Journalisten habe er ungute Erfahrungen gemacht, sagt er. «Die wollen meist viel und geben wenig», sagt er. Ich versuche, ihn von meiner Andersartigkeit zu überzeugen. «Ich will viel und gebe viel – viel Einsatz.»

Wasch dir die Füsse!

Nach kurzem Zögern erklärt er sich bereit, mit mir den Weg zum Olympioniken zu gehen. Er sagt aber nicht: «Komm her, ich trainier dich und führe dich behutsam dem Erfolg entgegen.» Er sagt: «Komm am Montag um sechs ins Training. Sei pünktlich und wasch dir die Füsse, bevor du den Trainingsraum betrittst. Dann siehst du, worum es beim Taekwondo geht, und kannst gleich mit der Gruppe mittrainieren.» Worum es wirklich geht und ob es geht – dazu morgen mehr.

Der letzte Taekwondo-Wettkampf in Rio wird übrigens diesen Samstag ausgetragen. Unter anderem derjenige in der Gewichtsklasse über 80 Kilogramm. Meine Liga (oder gibt es noch eine für über 98 kg?). Vielleicht werde ich ja aufgrund herausragender Leistungen kurzfristig nachnominiert.

Weiss wie das UnvermögenTeil 2

Ich bin jetzt ein Weissgurt. Zumindest optisch sehe ich aus wie ein Taekwondo-Kämpfer. Und ich werde auch wie einer behandelt: Mit Handschlag und Verneigung begrüsst mich jeder der knapp zwanzig Mitschülerinnen und Mitschüler, die an diesem Montagabend nach und nach auf dem leicht gefederten Holzboden des Trainingsraums in Oerlikon einlaufen. Sie zollen mir Respekt, obwohl ich den tiefsten aller Dienstgrade habe. Ich bin ein unbeschriebenes Blatt. Weiss wie das Unvermögen.

Respekt und Rituale, das lerne ich schnell, werden in dieser Sportart grossgeschrieben. Es ist eben mehr als eine Sportart. Es ist eine Umgangsform, eine Lebenseinstellung.

Bevor man das Training beginnt, wäscht man sich die Füsse. Bevor man den Trainingsraum betritt, verneigt man sich in Richtung des Yin-und-Yang-Zeichens an der hinteren Wand. Die wichtigste Bewegung im Taekwondo ist eigentlich genau diese: die Verneigung. Auch nach jedem Kampf verneigt man sich vor seinem Gegner. Aber so weit sind wir noch nicht.

Erst einmal wird gedehnt und aufgewärmt. Vor allem die Beine müssen auf die intensive Arbeit vorbereitet werden. Schliesslich ruft Pascal Polatti seine Schüler, 5 bis 65 Jahre alt, zum Trainingsbeginn. In Formation, der Meister stellt die Schüler nach Stärkeklassen auf, wird weiter aufgewärmt: Hampelmänner, Liegestützen, erste Kicks, erste Fäuste, die durch die Luft zucken.

Der Hampelmann sitzt

Später trainiere ich mit Calvin. Er ist 25 Jahre jünger und in Sachen Kampfkunst um Lichtjahre weiser. Dass ich (38) die Kicks, die Blocks, die Fauststösse nicht hinkriege, irritiert ihn. Sein Blick sagt: «Ernsthaft jetzt?» Er schaltet ein paar Lockerungsübungen dazwischen. Noch mehr Hampelmänner, noch mehr Liegestütze. Hilft alles nichts: Der Schweiss rinnt, der Kopf versagt.

Das grosse Vorbild? Der Meister und seine Familie. Die Frauen der Familie Polatti trainieren an diesem Abend mit. Mutter Lucia kickt, als wären Beine auf Kopfhöhe zu Hause. Tochter Giulia, im Teenageralter, mit dem Schwarzen Gürtel, vielen Wettkampftiteln und Erfahrung als Trainerin ausgestattet, versucht mir nach fünfzig Minuten einen einfachen Formenlauf beizubringen.

Wenn sie ihn mir vorzeigt – kraftvoll und impulsiv, eine Bewegung wird aus der anderen hergeleitet –, ist alles im Fluss. Bei mir wills nicht klappen. Ich blamiere mich. «Sie denken zu viel. Tun Sie das nicht», sagt Giulia. Obwohl oder gerade weil sich alle so viel Mühe geben, denke ich nur noch: wie peinlich. Mein Meister beruhigt mich: «Das ist am Anfang völlig normal. Irgendwann geht das alles ganz von allein.»

Ein paar Minuten und etliche Verneigungen später endet das Training. Ich bin durchgeschwitzt, erschöpft und ziemlich frustriert. Wie soll ich je Olympionike werden, wenn nicht einmal die einfachsten Bewegungsabläufe sitzen? Immerhin fragen einige Mitschüler auf dem Weg in die Garderobe: «Kommst du morgen wieder?»

Huaargh! Jetzt gibts Kleinholz!Teil 3

Ich habe immer gewusst, dass Sport ohne Ball keinen Sinn macht. Einfach so durch die Stadt rennen? Im Hallenbad Chlor trinken? Stundenlang im Lotussitz verharren? Wieso sollte das also anders sein, wenn man einem Gegner, den man nicht berühren darf, kunstvoll seine Flossen entgegenstreckt? Oder wenn man immer und immer wieder Blocks stellt, obwohl mir momentan gar niemand irgendetwas Böses will?

Kurz: Taekwondoin Schräder – ja, das heisst so – zweifelt noch. Er hadert mit sich und der Welt. Vielleicht auch deshalb gibt er auch in seiner zweiten Taek­wondo-Stunde ein ähnlich jämmerliches Bild ab wie in der ersten, gestern geschilderten. 2016 würde man das Geschehen wohl wie folgt zusammenfassen: #bewegungsidiotie.

Dennoch schleicht sich irgendwann ein Anflug von Zufriedenheit ein. Ein ganzheitlicher Erschöpfungszustand. Und ein Gedanke klopft mir auf die Schulter: «Du hast dich hier vielleicht zum Affen gemacht in deinem weissen Bademantel. Aber Hut ab davor, dass du mit deinen verkürzten Sehnen und deinem ungelenken Gesamtapparat überhaupt in den Käfig gestiegen bist!» Und vielleicht ist so ein bisschen Körperkontrolle gar nicht schlecht. Mal was anderes, als immer wie ein Mehlsack durchs Leben zu trampeln. So denke ich zu Beginn meiner vorläufig letzten Taekwondo-Einheit.

Noch eine Sonderbehandlung

Ich habe mir vorgenommen, die Worte von Giulia – des Meisters Tochter – zu Herzen zu nehmen: nicht denken, einfach versuchen. Und so kicke und boxe ich jetzt ohne Rücksicht auf alles Ungelenke. Einfach mal losstrampeln. Meister Polatti gelingt es, auch jemandem wie mir Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Wir machen Fortbewegungsübungen. Ein Taekwondoin läuft nicht, er gleitet über den Boden, den Kopf immer auf gleicher Höhe, immer den sicheren Stand suchend, immer abwehrbereit. Auch die Kombination von Gleiten und Faustschlag funktioniert erstaunlicherweise ganz gut.

Nach dem Gruppentraining bietet mir der Sabeomnim – die koreanische Bezeichnung für Grossmeister – ein Zusatzstündchen an. Gemeinsam repetieren wir ein paar einfache Abläufe: Kampfstellung, Block tief, Block hoch, Block mittel – und wieder zurück.

Ein Kampfschrei muss her

Dann ein paar Kicks: aus dem Stand, aus der Drehung, aus dem Lauf. «Wo bleibt dein Kampfschrei?», fragt Polatti. «Am Ende jeder Bewegung will ich dich laut schreien hören. Das setzt Energie frei und schüchtert den Gegner ein.» Nur, was soll ich denn schreien? «Das ist dir überlassen», sagt er. «Ssssüaah» und «Hüüüahaa» sind schon vergeben, wie ich gemerkt habe.

Das hohe «Ssssüaah» stammt von einem jungen Mädchen, roter Gürtel, rote Wangen, hoher Trainingseinsatz. Sie steht jeweils als Erste im Dojang (Trainingsraum) und fährt schon mal die Beine aus. Oft steht sie auf dem linken Bein, das rechte hochgestreckt, und zuckt nur mit dem Kniegelenk. Bei ihr läuft das alles wie am Schnürchen. Diese schnellen Bewegungen, diese starken Impulse, diese ästhetischen Abläufe. Der Dobok (Anzug) flattert, der Kampfschrei ertönt: «Ssssüaah!»

Ich entscheide mich für ein «Haaargh!» oder «Huaargh!». Ganz unterliegt es nicht meiner Kontrolle, was da nach meinen Kick- und Boxsalven aus meinem Mund ertönt. Aber irgendwie hilfts. Der Meister nickt zufrieden. Nach einer Weile steht er mit einigen Holzplatten in der Hand neben mir. «Du bist bereit für deine erste Prüfung. Bleib locker und zieh einfach schön durch.» Ich tue, wie mir befohlen: erst der linke Fuss, dann die rechte Faust, dann der Kampfschrei. Glatter Durchbruch! Der Meister hält in jeder Hand eine Bretthälfte. Das nennt man Kleinholz. Huaargh!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2016, 12:25 Uhr

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