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Hongkonger Medienmogul verhaftetDer «Todesstoss für Hongkong» hat jetzt ihn getroffen

Jimmy Lai, prominentes Mitglied der prodemokratischen Bewegung, verbrachte über 40 Stunden in Polizeigewahrsam. Der Grund: regimekritische Äusserungen.

Er war einst Kinderarbeiter, dann wurde er Milliardär: Jimmy Lai ist in Hongkong ein prominenter Befürworter der Demokratie.
Er war einst Kinderarbeiter, dann wurde er Milliardär: Jimmy Lai ist in Hongkong ein prominenter Befürworter der Demokratie.
Foto: Vincent Yu (AP)

Am frühen Montagmorgen trat ein, was Jimmy Lai seit Wochen erwartet hatte. Der Hongkonger Medienunternehmer wurde von der Polizei verhaftet, mit ihm seine zwei Söhne und vier andere Personen aus seinem Bekanntenkreis. Der Vorwurf gegen den Gründer der regierungskritischen Zeitung «Apple Daily» lautet: Betrug sowie «geheime Absprachen mit dem Ausland».

Abgeführt: Der Hongkonger Medienmogul Jimmy Lai wird von der Polizei abgeführt.
Abgeführt: Der Hongkonger Medienmogul Jimmy Lai wird von der Polizei abgeführt.
Foto: Tyrone Siu (Reuters)

Am selben Morgen durchsuchten mehr als 100 Polizisten zudem die Büros von «Apple Daily». Die Angestellten sollen laut Medienberichten aufgefordert worden sein, gar nicht erst im Büro zu erscheinen oder auf dem Weg dorthin umzukehren. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International verurteilte das Vorgehen der Hongkonger Regierung als Schlag gegen die Pressefreiheit.

Grundlage für die Verhaftung ist das neue Sicherheitsgesetz in Hongkong. Seit dem 1. Juli stehen «geheime Absprachen mit dem Ausland» unter Strafe. Darunter fallen Spionage, aber etwa auch Äusserungen, in denen vom Ausland Sanktionen gegenüber China gefordert werden. Das Sicherheitsgesetz schränkt die Bürgerrechte in Hongkong massiv ein: Wer gegen das Gesetz verstösst, kann zu lebenslanger Haft verurteilt werden. Das neue Gesetz gilt als der bisher schwerste chinesische Eingriff in die Autonomierechte von Hongkong.

«Mörderisches Regime in Peking»

Jimmy Lai, 71 Jahre alt, ist prominentes Mitglied der prodemokratischen Bewegung und wurde in diesem Jahr schon zweimal festgenommenwegen Teilnahme an unerlaubten Demonstrationen. Gegen Kaution kam er jeweils wieder frei. Die zusätzliche Anklage wegen Betrugs soll offenbar sicherstellen, dass Lai nicht erneut auf Kaution freigelassen wird.

Im Juni sagte Lai der Nachrichtenagentur AFP, er sei auf das Gefängnis vorbereitet. Er und seine Zeitung hatten sowohl die Regierung Chinas als auch Hongkongs immer wieder kritisiert, Lai bezeichnete das neue Gesetz als «Todesstoss für Hongkong». Noch vor zwei Tagen warf er auf Twitter dem «mörderischen Regime in Peking» vor, die Integrität des eigenen Landes zu gefährden.

Lai wurde auf dem chinesischen Festland geboren und floh als 13-Jähriger nach Hongkong. Für umgerechnet 8 Franken pro Monat arbeitete er in einer Textilfabrik, später gründete er selber einen Textilkonzern, den er in den Neunzigerjahren verkaufte. Das Geld investierte Lai in das Verlagshaus Next Media.

Unerschrocken bis zuletzt

Im vergangenen Sommer des Protests sagte Lai dem «Spiegel», China sei «das Böse» und «ein Feind, wie ihn der Westen seit dem Untergang der Sowjetunion nicht mehr gesehen» habe. Entsprechend wurde Lai von den chinesischen Medien diffamiert. Die Pekinger «Global Times» nannte Lai am Montag einen «modernen Verräter».

Lai wird als unerschrocken beschrieben. Täglich standen Gruppen von Peking-treuen Demonstranten vor seiner Villa. Sie beschimpften Lai, verfolgten ihn im Auto, wenn er losfuhr. Im vergangenen Jahr haben Unbekannte einen Brandsatz über die Gartenmauer geworfen. Lai soll laut «Spiegel» am nächsten Morgen einen Feuerlöscher ins Wohnzimmer gestellt und achselzuckend gesagt haben, dass dies wohl nicht das letzte Mal gewesen sei.

Lai sagte einmal, dass ihn die Niederschlagung des Tiananmen-Aufstands von 1989 politisch geprägt habe. Beeindruckt habe ihn der «Geist des Märtyrertums» der damaligen Protestierenden. In dieser Tradition sieht er sich selbst: als einer, der aus moralischer Pflicht Verantwortung übernimmt. Lai sagte: «Wir gehen bis zum Letzten, ob es nun Himmel oder Hölle ist.»