Der ungeliebte Pionier

Die Biografie über Karl Schweri liest sich leicht – und verhilft dem einsamen Kämpfer zu später Anerkennung.

Karl Schweri spielte eine massgebliche Rolle bei der Aufhebung der Preisbindung bei Markenartikeln. Foto: PD

Karl Schweri spielte eine massgebliche Rolle bei der Aufhebung der Preisbindung bei Markenartikeln. Foto: PD

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Als Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler 1962 starb, kamen an seine öffentliche Trauerfeier in Zürich so viele Leute, dass die drei grössten Kirchen der Stadt geöffnet werden mussten. 39 Jahre später starb Karl Schweri, Gründer des Discounters Denner. Die Trauerfeier fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit im engsten Familienkreis statt. Welch ein Gegensatz: Hier der beliebte «Dutti», dort der einsame Kämpfer Schweri, der für seine Pioniertaten zwar respektiert, aber wegen seiner schroffen, harten Art bis zuletzt nicht wirklich geliebt wurde.

Dabei hatte Schweri wie sein grosses Vorbild Duttweiler Bahnbrechendes erreicht: Er hatte die Idee für das erste Shoppingcenter der Schweiz in Spreitenbach AG. Er verwandelte eine kleine Kette von Tante-Emma-Läden in den ersten Lebensmittel-Discounter der Schweiz. Er schleifte zum Vorteil der Konsumenten praktisch im Alleingang das Bier-, das Spirituosen- und das Tabakkartell. Und er spielte eine massgebliche Rolle bei der Aufhebung der Preisbindung bei Markenartikeln. Diese und noch viele andere Facetten schildert der Journalist Karl Lüönd in der ersten Biografie, die aus Anlass von Schweris 100. Geburtstag im Auftrag der Denner AG erschienen ist.

Das Buch gibt einen ausgezeichneten Einblick in den Mief der Sechziger- und Siebzigerjahre.

Lüönd hat schon mehr als 30 Unternehmensgeschichten und Biografien verfasst. Auch sein neustes Werk kommt im typischen Lüönd-Stil daher: süffig, schnell zu lesen, packend geschrieben, mit anschaulichen Anekdoten gewürzt. Sein Buch gibt aber auch einen ausgezeichneten Einblick in den Mief der Sechziger- und Siebzigerjahre, als Tabak- und Bierbarone die Konsumenten und Wirte abzockten und sie ihrer Wahlfreiheit beraubten.

Unbeliebt machte sich Schweri, weil er sich mit schrillem Ton und «sackgrober Argumentation» (so Lüönd) mit immer neuen Volksinitiativen und Referenden in den Politikbetrieb einmischte, die nichts mit konsumentenpolitischen Anliegen zu tun hatten. Er kannte dabei keine Berührungsängste, auch nicht vor der Auto-Partei und den Schweizer Demokraten, was breite Bevölkerungskreise abschreckte.

Einer der wenigen Schwachpunkte

Sechs Jahre nach seinem Tod verkaufte sein Enkel Philippe Gaydoul, den er als Nachfolger inthronisiert hatte, sein Lebenswerk an die Migros, das Lebenswerk von «Dutti». Gerne hätte man in Lüönds Buch erfahren, wie hoch der bisher geheim gehaltene Preis war. Gemunkelt wird, es sei um eine Milliarde Franken gegangen. Doch obwohl Lüönd schreibt, Denner habe für sein Auftragswerk erstmals sein vollständiges Archiv geöffnet, erfährt man in seinem Buch dazu nichts Neues.

Dies ist einer der wenigen Schwachpunkte in dem ansonsten lesenswerten Buch über den Pionier Karl Schweri, dem bis heute die breite Anerkennung verwehrt geblieben ist.

Erstellt: 25.09.2017, 12:06 Uhr

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Buch

Karl Lüönd: «Der Unerbittliche. Karl Schweri – Kmäpfer für faire Preise». Verlag NZZ Libro, 240 Seiten, 42 Fr.

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