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Starke Schweizer JuniorenDer verwegene Traum vom French-Open-Final

Der Zürcher Leandro Riedi und der Berner Dominic Stricker stehen im Viertelfinal des French Open. Und hoffen auf ein Rendez-vous im Endspiel.

In einen Rausch gespielt: Der Bassersdorfer Leandro Riedi gewann seinen Achtelfinal nach Rückstand doch noch klar.
In einen Rausch gespielt: Der Bassersdorfer Leandro Riedi gewann seinen Achtelfinal nach Rückstand doch noch klar.
Archivbild: Antohny Anex (Keystone)

Als Nummern 10 und 11 sind Dominic Stricker und Leandro Riedi in der Weltrangliste der bis 18-Jährigen Nachbarn. Am French Open stürmen sie bisher sogar wie Zwillinge durchs Tableau. In den Achtelfinals schlugen am Mittwoch beide fast gleichzeitig britische Gegner, Stricker in 67 Minuten, Riedi in 71. Damit stehen beide ohne Satzverlust unter den letzten acht eines turbulenten Turniers, an dem schon vor den Achtelfinals zehn Gesetzte ausschieden.

«Vor dem French Open sagten wir, es wäre wirklich cool, wenn es hier zu einem Schweizer Final käme», sagte Riedi, der nun an seinem letzten Grand-Slam-Turnier als Junior erstmals im Einzel die Viertelfinals erreicht hat. Beim 7:5, 6:0 gegen Felix Gill (ITF 38) war er 0:2 zurückgefallen. «Doch dann sagte ich mir: Entspann dich. Und ich fühlte mich je länger, desto besser. Am Schluss klappte alles, da hatte ich einen Lauf.»

Noch je zwei Siege fehlen, damit es zu einem Schweizer Final kommt, und nun treffen die zwei Gesetzten auf Ungesetzte. Stricker, der gegen Arthur Fery (ITF 12) 6:4, 6:3 gewann, spielt gegen den Österreicher Lukas Neumayer (48), den er in der Vergangenheit schon geschlagen hat, Riedi gegen den Argentinier Alex Barrena (33). «Von dem weiss ich gar nichts. Ich sah ihn auch noch nie spielen.»

Die vier Schweizer, die im Juniorenturnier starteten, sind ein verheissungsvolles Quartett und motivieren sich gegenseitig. Zusammen mit Jérôme Kym, der in der Startrunde gegen die Nummer 2 ausgeschieden ist, sowie Jeffrey von der Schulenburg, der seine zweite Partie verlor, verabreden sie sich jeden Abend in Paris, um online zu jassen. «Mit richtigen Karten zu spielen, wäre nicht erlaubt», sagt Stricker. «Später telefonieren wir meistens noch zusammen und haben es lustig.»

Zimmerarrest und kaltes Essen

Die Corona-Schutzmassnahmen beschäftigen die Junioren seit ihrer Ankunft stark. «Die ersten zwei, drei Tage waren schwierig. Zuerst mussten wir 24 Stunden im Zimmer bleiben und auf das Ergebnis des Tests warten», erzählt Riedi, der von seinem Coach Yves Allegro begleitet wird. «Und das Essen war ungewohnt. Alles eiskalt. Und selber einkaufen durften wir ja nicht.»

Inzwischen sei aber alles besser geworden. Während die Spieler im Hauptfeld in einem Luxushotel beim Eiffelturm wohnen, müssen sich die Junioren mit einem Ibis begnügen. «Wir dürfen fast gar nichts machen», sagt Stricker. «Nur Hotel, Anlage, Hotel. Und vor dem ersten Spiel konnte ich nur eine Stunde trainieren, auf Hartplatz.»

Stricker und Riedi, beide mit Jahrgang 2002 und 18-jährig, bezeichnen sich als sehr gute Freunde. Dass sie in Roland Garros nicht zusammen Doppel spielen, hat einen einfachen Grund: Riedi hatte im Januar zusammen mit dem Rumänen Nicholas Ionel den Titel gewonnen, worauf die beiden abmachten, es wieder gemeinsam zu versuchen. «Never change a winning team». Pech war dann halt, dass Wimbledon und das US Open der Junioren ausfielen.

Einen Grand-Slam-Titel hat er schon: Riedi (links) am Australian Open mit Partner Nicholas Lionel und den geschlagenen Lorens/Ozolins.
Einen Grand-Slam-Titel hat er schon: Riedi (links) am Australian Open mit Partner Nicholas Lionel und den geschlagenen Lorens/Ozolins.
Foto: Mike Owen (Getty Images)

Stricker stand schon am US Open 2019 und am Australian Open im Januar im Viertelfinal. «Es läuft hier ziemlich gut, ich spiele gut und habe eine günstige Auslosung», sagt der Linkshänder im Videointerview. «Es wäre cool, wenn ich erstmals die Halbfinals erreichen würde, aber ich setze mich deswegen nicht unter Druck.» Auch er hält einen Schweizer Final für möglich: «Es wäre unglaublich, ein Traum, der wahr würde. Wir sind beide gut in Form, und es ist gut, dass wir erst im Final aufeinandertreffen könnten.»

«Es ist sehr cool, dass die Jungen an der Spitze mithalten.»

Leandro Riedi

Riedi schlug kürzlich in der Qualifikation von Kitzbühel mit Andrej Martin (ATP 98) erstmals einen Top-100-Spieler. «Das war eine tolle Erfahrung. Dieser Sieg hat mir viel Vertrauen gegeben und gezeigt, dass ich auch körperlich mithalten kann», sagt der Bassersdorfer. «Ich weiss, was ich kann, und hoffe, dass es für mich hier noch etwas weitergeht.» Bisher standen erst zwei Schweizer in einem Endspiel von Roland Garros, und beide gewannen es: Heinz Günthardt 1976 und Stan Wawrinka 2003.

Riedi und Stricker, der von Swen Swinnen betreut wird, verfolgen in Paris auch aufmerksam das Hauptturnier, in dem sich überdurchschnittlich viele junge Spieler bemerkbar machten, allen voran Jannik Sinner (19) und die 20-jährigen Hugo Gaston und Sebastian Korda. «Es ist cool, dass nun schon Spieler mit Jahrgang 2000 und 2001 an der Spitze mithalten», sagt Riedi, der wie Stricker und Kym Anfang Jahr bei Roger Federer in Dubai ein Trainingslager absolvieren konnte. «Persönlich bin ich zwar immer noch ein Fan der Generation um Federer, Nadal und Djokovic. Aber es ist gut, dass einige der Jungen sie langsam herausfordern.»

Den Schritt vom Junioren- ins Profitennis haben die vier jungen Schweizer alle noch vor sich. Auch Riedi (993) und Stricker (1148) liegen in der ATP-Weltrangliste noch im Niemandsland. Und vereinfacht wird das Vorrücken nicht durch die Pandemie, der auch immer weitere Turniere der untersten Kategorien zum Opfer fallen. Als Junior ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, wäre für den Start ins Profileben aber ziemlich hilfreich.