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Maradona bewunderte ihnDer vielleicht beste Fussballer der Geschichte ist tot

Ein brutaler Überfall kostete Tomás «Trinche» Carlovich das Leben, in Argentinien ist die Trauer gross. Früher führte er Argentiniens Nationalteam alleine vor und bei ihm wurde sogar Diego Armando Maradona ehrfürchtig.

«Trinche» Carlovich: In Europa kaum bekannt, in Südamerika verehrt.
«Trinche» Carlovich: In Europa kaum bekannt, in Südamerika verehrt.
Getty Images

35’000 Zuschauer trauten ihren Augen nicht. 45 Minuten waren gespielt, in einem Testspiel, das für Argentiniens Fussball-Nationalmannschaft zu einem Schaulaufen hätte werden sollen. Ein letzter Kick vor der Weltmeisterschaft 1974. Gegner war eine Auswahl aus Rosario, dem Ort, an dem 13 Jahre später Lionel Messi zur Welt kommen sollte. Vornehmlich bestand die zusammengewürfelte Truppe aus Spielern, die bei den Erstligisten Newell’s Old Boys und Rosario Central engagiert waren. Nur einer kam aus der 2. Liga. Ein bald 28-Jähriger namens Tomás Carlovich. Und dieser Unbekannte spielte das Nationalteam im zentralen Mittelfeld schwindelig. 3:0 stand es in der zweiten Halbzeit für die regionale Auswahl – eine Demütigung für die «Albiceleste». Der Linksfuss zauberte, bis er nach 60 Minuten ausgewechselt wurde. Der Legende zufolge auf dringende Bitte von Nationaltrainer Vladislao Cap.

Sie sind zahlreich, die Legenden um einen geheimnisvollen Mann, der in Argentinien zu einer Art Fussball-Mythos wurde. Beispielsweise ist da sein Nationalmannschafts-Aufgebot vor der WM 1978. «Er war phänomenal, sehr dribbelstark und hatte einem fabelhaften Schuss», so beschrieb ihn kein Geringerer als César Luis Menotti – im spanisch sprechenden Raum eine Institution. Klar also, dass ihn Menotti als damaliger Nationaltrainer in sein WM-Kader berief. Nur: Carlovich kam nie. Wieso? Es heisst, er wollte lieber in Mendoza bleiben und fischen. Er selber sagte 2008 dazu nur: «Mein Schwiegersohn hat mir das Fischen erst vor vier Jahren beigebracht.» Was er genau vorhatte, verriet er nie, Menotti sagte er damals: Carlovich schaffe es nicht, der Wasserpegel des Flusses sei zu hoch.

Eine Geschichte voller Legenden

So ist das mit «El Trinche»: Die meisten Geschichten um sein Leben wurden irgendwann von irgendwem weitererzählt, genau nachzeichnen kann sie aber kaum jemand . Doch im Land des zweifachen Weltmeisters wurde er eine Ikone. Von Trainerguru Marcelo Bielsa, den Pep Guardiola auch schon als besten Coach der Welt adelte, heisst es, er habe jahrelang Zweit- und Drittligaspiele geschaut, nur um Carlovich spielen zu sehen. Auch so eine Legende.

Dabei zeichnen die harten Fakten gar nicht so ein heldenhaftes Bild. Gerade mal vier Erstligaspiele bestritt Carlovich in seiner Karriere, bei drei davon habe er sich verletzt auswechseln lassen. Gemäss eigener Aussage hätte er aber zur AC Milan, nach Frankreich oder New York wechseln können. «Das hätte vielleicht mein Leben verändert», sagte er Jahre später zu «El Grafico». Er entschied sich zu bleiben, weil: «Für Cordoba Central zu spielen war für mich, als wäre ich bei Real Madrid.»

Drei seiner vier Erstligaspiele absolvierte Tomás Carlovich für Colón de Santa Fe.
Drei seiner vier Erstligaspiele absolvierte Tomás Carlovich für Colón de Santa Fe.
Clarín

Es sind solche Worte der Treue, die ihn in Argentinien in den Heldenstatus hoben. Er wurde für die Medien zum «Star, der keiner sein wollte». Am Freitag verstarb er in einem Spital seiner Heimatstadt Rosario im Alter von 74 Jahren an einem Schlaganfall. Dort lag er seit Mittwoch, nachdem er bei einem Raubüberfall einen Schlag auf den Kopf erhalten hatte – der Täter flüchtete mit Carlovichs Fahrrad. Die Trauer im Land ist riesig, Fussballlegenden wie Menotti, Maradona oder Jorge Valdano bekundeten ihr Beileid bereits in den Sozialen Medien.

Doch wie gross der in Rosario geborene Nationalheld wirklich ist, zeigte Diego Armando Maradona höchstpersönlich. Als er 1993 zu Newell’s Old Boys wechselte, wurde er gefragt, was es ihm bedeute, der beste Spieler der Geschichte zu sein. «El pibe de oro» (der Goldjunge) antwortete: «Der beste Spieler der Welt spielte bereits in Rosario. Sein Name ist Carlovich.»