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Corona-Länder-Berichte des IWFUnheimlich düstere Prognose für die Weltwirtschaft

Seit der Grossen Depression in den 30er-Jahren gab es so einen Absturz nicht mehr. Im IWF-Länderbericht taucht auch die Schweiz auf.

Foto: Gonzalo Fuentes/File Photo
Warnt vor einer Krise, wie es bisher noch keine gab: Georgieva Kristalina, Chefin des Internationalen Währungsfonds.
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Reuters

Auch beim Internationalen Währungsfonds ist in diesem Frühling alles anders. Sein halbjährliches Treffen, zu dem gewöhnlich die Notenbanker und Finanzminister der Welt und andere wirtschaftspolitische Strippenzieher nach Washington geladen sind, findet zum ersten Mal virtuell statt. Einmalig sind auch die Wirtschaftsaussichten, die der Währungsfonds in seiner wichtigsten Publikation, dem «World Economic Outlook» (WEO), für die Weltwirtschaft heute präsentiert hat: Seit Bestehen des Fonds waren sie noch nie so düster.

Schon im Vorwort zum Bericht hält die Chefökonomin des Fonds, Gita Gopinath, fest, dass die Weltwirtschaft sehr wahrscheinlich die schlimmste Krise seit der Grossen Depression der 1930er-Jahre sehen wird und damit eine schlimmere Entwicklung als jene nach der Finanzkrise. Das Welt-Bruttoinlandprodukt (BIP) wird gemäss dem Basisszenario des IWF um 3 Prozent sinken. Wie dramatisch diese Prognose ist, wird verständlich, wenn man berücksichtigt, dass schon ein Wachstum des Welt-BIP von unter 3 Prozent als Krisenszenario gelesen werden kann. Das liegt vor allem daran, dass ärmere Länder und Schwellenländer in der Regel ein höheres Wachstum brauchen und ausweisen, weil sie von einem sehr viel geringeren Niveau her kommen.

Das wichtigste Beispiel dafür ist China, dessen BIP seit dem Jahr 2000 im Durchschnitt um 9 Prozent gewachsen ist und selbst seit dem Jahr 2015 gemäss Daten des IWF jährlich um mehr als 6,5 Prozent. Gemäss der jüngsten Prognose soll es in diesem Jahr nur noch um 1,2 Prozent zulegen. Die Bedeutung für die Welt zeigt sich daran, dass dieses Land noch vor kurzem als Lokomotive der Weltwirtschaft galt. Das BIP der Schwellen- und Entwicklungsländer insgesamt – ausgenommen China – wird gemäss der IWF-Prognose im laufenden Jahr sogar um 2,2 Prozent einbrechen.

Das schlimmste Jahr seit 1975

Dramatisch sehen die Prognosen aber auch für die reichen Länder aus. Die Wirtschaft der Schweiz wird gemäss der Prognose um 6 Prozent einbrechen und damit fast so stark wie seit 1975 nicht mehr, dem für die Schweizer Wirtschaft schlimmsten Jahr seit dem Zweiten Weltkrieg. Extrem hohe Ölpreise und Währungsturbulenzen haben das Land damals in die Krise gestürzt. Das BIP schrumpfte um mehr als 7 Prozent, und 300’000 Beschäftigte verloren ihren Job. Die Arbeitslosenquote stieg damals nur deshalb nicht stark an, weil viele ausländische Beschäftigte wegen der Krise das Land wieder verliessen, aber auch weil Frauen aus dem Arbeitsprozess ausschieden.

Die Prognose des IWF zu den aktuellen Folgen der Krise auf den Schweizer Arbeitsmarkt ist schwer nachvollziehbar und bleibt auch unbegründet: Die Arbeitslosenquote soll trotz dem erwarteten scharfen Wirtschaftseinbruch «nur» auf 2,7 Prozent ansteigen. Bereits für den März meldete das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) mit 2,8 Prozent (saisonbereinigt) eine höhere Quote. Rund 2000 Personen meldeten sich in jenem Monat pro Tag neu bei den Arbeitslosenämtern an. In seinen in der letzten Woche publizierten Negativszenarien für die Schweizer Wirtschaft rechnet das Seco mit einem Einbruch des BIP in der Schweiz im laufenden Jahr zwischen 7,1 und 10,4 Prozent und einem Anstieg der Arbeitslosigkeit auf zwischen 4 und 6 Prozent. Eine eigentliche Prognose will das Amt aber erst später veröffentlichen.

Im Fokus der Debatten zu den wirtschaftlichen Schäden stand bisher meist der in den Ländern selbst verhängte Lockdown – der erzwungene Halt vieler wirtschaftlicher Tätigkeiten. Dass aber gleich die ganze Weltwirtschaft durch solche Massnahmen ausgebremst wird, macht die Lage für alle Länder sehr viel schlimmer, das gilt ganz besonders für jene, die stark vom Aussenhandel leben. Und das gilt in besonderem Mass für die Schweiz. Laut der Prognose des IWF werden auch die wichtigsten Absatzländer von Schweizer Erzeugnissen hart von der Krise getroffen. Die Wirtschaft der Eurozone soll um 7,5 Prozent einbrechen – mit Tiefstwerten in Italien (-9,1 Prozent) und Spanien (-8 Prozent). Das BIP von Deutschland, dem dominierenden Schweizer Aussenhandelspartner, wird gemäss der Prognose um 7 Prozent einbrechen und jener der USA um 5,9 Prozent.

Es droht noch Schlimmeres

Trotz seiner überaus düsteren Prognosen hält der IWF in seinem Bericht allerdings fest, dass die Gefahr einer noch schlimmeren Entwicklung enorm gross sei. Die abgegebenen Einschätzungen basieren auf der Annahme, dass die Einschränkungen und ihre negativen wirtschaftlichen Folgen im Wesentlichen auf das erste Halbjahr 2020 beschränkt bleiben und es danach zu einer graduellen Erholung kommt. Aus diesem Grund wäre dann im nächsten Jahr auch in allen betrachteten Ländern wieder mit hohen Wachstumsraten angesichts des Aufholeffekts zu rechnen. Für die Schweiz wird 2021 für diesen Fall mit einem BIP-Wachstum von 3,8 Prozent gerechnet. Angesichts des tiefen Einbruchs im laufenden Jahr würde aber auch dann der Einbruch durch die Krise nicht kompensiert.

Das momentane Epizentrum der Corona-Krise ist in der Regel ein Motor für die Weltwirtschaft. Jetzt bleibt nur der zwiespältige Blick auf New York.
Das momentane Epizentrum der Corona-Krise ist in der Regel ein Motor für die Weltwirtschaft. Jetzt bleibt nur der zwiespältige Blick auf New York.
REUTERS/Mike Segar

Zu einer schlimmeren als der prognostizierten Entwicklung würde es gemäss IWF dann kommen, wenn Lockdown-Massnahmen länger anhalten würden oder wegen einer schlecht bewerkstelligten Öffnung erneut eingeführt werden müssten. Die Kosten zur Bewältigung der Krise würden einerseits für viele Länder immer schwerer tragbar, Spannungen an den Finanzmärkten würden die Rettungsmöglichkeiten der Notenbanken ans Limit bringen, und infolge von Konkurswellen würde die Wirtschaftskraft vieler Länder nachhaltig beschädigt. Zudem sei ein verändertes Verhalten von Konsumenten und Unternehmen möglich: etwa wenn anhaltende gesundheitliche oder ökonomische Sorgen länger auf den Konsum drücken oder auf Investitionen. Sollte aber rascher als erwartet ein Gegenmittel gegen das Virus gefunden werden, wäre auch wirtschaftlich mit einer sehr viel besseren Entwicklung zu rechnen.