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Endlich StilleDeshalb profitieren Erdbebenforscher vom Lockdown

Weil die Bevölkerung mehrheitlich zu Hause blieb, konnten Forschende Erdbebenwellen besser erkennen. Sie erhoffen sich nun wertvolle Erkenntnisse für die Vorhersage zukünftiger Beben.

Die Erde ist konstant in Bewegung: Ein Seismograph zeigt ein Erdbeben der Stärke 6,2 in Yogyakarta  in Japan im Jahr 2006.
Die Erde ist konstant in Bewegung: Ein Seismograph zeigt ein Erdbeben der Stärke 6,2 in Yogyakarta in Japan im Jahr 2006.
Foto: Irwin Fedriansyah, AP Photo/Keystone

Durch den wochenlangen Stillstand vieler gesellschaftlicher Bereiche ist es auch auf der Erdoberfläche ruhiger geworden. Die Folge: Erdbeben-Signale waren besser zu erkennen als vor dem Corona-Lockdown, auch in der Schweiz.

«Die Abnahme der Bodenbewegung war an vielen Stationen deutlich messbar», sagte Seismologe Joachim Ritter vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Mit der schrittweisen Rückkehr zum normalen Leben rumort es inzwischen auf der Erdoberfläche wieder mehr. Von der Auswertung der Daten aus der Zeit der «Corona-Stille» erhofft sich der Geophysiker aber viele neue Erkenntnisse für die Erdbeben-Forschung. «Ich hoffe, dass wir an ein paar Messstellen Signale sehen werden, die wir sonst nicht entdeckt hätten», sagte der KIT-Professor.

Die Forscher gehen davon aus, dass sie mehr Mikro-Beben aufspüren, die für die Vorhersage grösserer Erdbeben von Bedeutung sind. «Normalerweise werden die Signale der kleinen Beben übertönt», so Ritter.

Meereswellen und Wind lassen die Erde schwingen

«Die Erdoberfläche ist nie absolut ruhig, sondern ständig in leichter Bewegung», erläutert der Geophysiker. Verursacht werde dieses für Menschen nicht spürbare «seismische Rauschen» durch natürliche Ursachen wie Meereswellen und Wind, aber auch durch menschliche Quellen wie Verkehr, Bauarbeiten und Industrie. Vor allem schwere Lastwagen, Eisenbahnen und Windräder hinterlassen charakteristische Signale und lassen die Erde schwingen.

Tagsüber ist diese Bodenunruhe stärker als in der Nacht, an Werktagen heftiger als am Wochenende. Vor allem das vom Menschen verursachte Rauschen übertönt die meisten Erdbebenwellen – und stört die Forscher. Normalerweise. Seit Mitte März die Corona-Einschränkungen griffen, registrierten Seismologen in Deutschland und Europa nach Angaben des KIT-Wissenschaftlers im Schnitt «20 bis 30 Prozent weniger Geräuschemissionen».

Besonders auffallend war die Reduktion in grossen Städten wie Mailand oder Stuttgart und an stark frequentierten Verkehrsachsen. «So wenig Rauschen ist sonst nur an Weihnachten oder Ostern», sagt Ritter.

Lockdown-Effekt auch in der Schweiz messbar

Gemäss dem Schweizerischen Erdbebendienst (SED) lässt sich dieser Effekt auch hierzulande feststellen. So zeichneten die Erdbebenmessstationen während des teilweisen Lockdowns auch kleinere Erdbeben auf, deren Signale ansonsten im Hintergrundrauschen verschwinden würden.

Besonders in städtischen Gebieten nahm das seismische Hintergrundrauschen teilweise deutlich ab, beispielsweise in Martigny, Zürich, Basel oder Genf. Für ländliche oder alpin gelegene Erdbebenmessstationen war das Hintergrundrauschen dagegen ähnlich wie vor des teilweisen Lockdowns. Der Grund ist laut dem SED, dass diese Gebiete sehr viel weniger von Vibrationen durch Strassenverkehr, Zügen und anderen menschlichen Aktivitäten beeinflusst werden.

«Die neu detektierten Mikrobeben helfen, unseres Verständnis der tektonischen Verhältnisse zu verbessern», sagte der Seismologe Philippe Roth gegenüber Keystone-SDA. Allerdings sei das «Corona-Fenster» in geologischen Massstäben betrachtet doch sehr kurz, sodass der Erkenntnisgewinn eher gering sei.

SDA

1 Kommentar
    Karl Grosse

    Interessant wäre diesbezüglich zu erfahren, ob die Gravitationswellen Messstationen in USA und Europa auch eventuell neue bessere Signale aus dem gedämpften Hintergrundrauschen empfangen und lesen konnten?