Schon in 45 Jahren könnte uns die künstliche Intelligenz überflügeln

Schlechte Nachrichten für Lastwagenfahrer, gute Neuigkeiten für Haushaltsmuffel. Diese Tätigkeiten wird laut einer neuen Studie bald schon der Computer übernehmen.


Von Robin Schwarz & Thierry Seiler (Grafik)

Sie verlassen die Umkleidekabine Ihres Lieblingskleiderladens – wir nehmen jetzt einfach einmal an, es gibt in der Zukunft überhaupt noch Umkleidekabinen –, werfen ein nicht besonders vorteilhaft sitzendes T-Shirt in einen hochtechnisierten Schacht, der innert kürzester Zeit dafür sorgt, dass das Textilstück wieder in optima forma an seinen angestammten Platz zurückgelangt. An der Theke leuchtet Ihnen ein Bildschirm entgegen, wickelt das Geschäft mit Ihnen effizient ab, während eine andere Gerätschaft Ihr erstandenes Kleidungsstück einpackt, samt Quittung, und Ihnen «Adieu, einen schönen Tag noch» wünscht.

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Dieses Zukunftsszenario könnte theoretisch in etwas mehr als fünf Jahren bereits eintreffen, schenkt man einer neuen Studie von Wissenschaftlern der renommierten Oxford und Yale University Glauben. Sie forschen an vorderster Front der Computerwissenschaft – zum Thema künstliche Intelligenz (KI).

Maschinen: Besser als Menschen

Obschon das sehr alltägliche Beispiel des Kleiderkaufs auf den ersten Blick zwar futuristisch wirkt, scheint es wenig weltbewegend. Dennoch steckt dahinter mehr als eine simple technologische Spielerei. Die Wissenschaftler um KI-Expertin Katja Grace forschen an nichts Geringerem als der Frage, wann Maschinen fähiger sein werden als Menschen. Diese Frage hat tatsächlich so viel Gravitas, wie sie klingt.

«Fortschritte in künstlicher Intelligenz werden massive soziale Konsequenzen haben.»Die Studienautoren

«Fortschritte in künstlicher Intelligenz werden massive soziale Konsequenzen haben», schreiben die Forscher in ihrem Paper. Schon während des kommenden Jahrzehnts könnten beispielsweise Millionen von Fahrerjobs verloren gehen, warnen sie. Und das, obwohl selbstfahrende Autos erst seit wenigen Jahren ein wirkliches Thema für eine breite Öffentlichkeit geworden sind. Das «moderne Leben» und somit die komplette Gesellschaft würden durch die Transformation von «Verkehr, Gesundheit, Wissenschaft, Finanzen, Ordnungskräften und Militär» fundamental verändert – alles wegen rasanter Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz.

Keine Panikmache

Das soll keine Angstmacherei sein, sondern schlicht eine Feststellung von Herausforderungen, die unausweichlich auf uns zukommen. Deshalb ist eine Vorbereitung – und damit eine Voraussage gewisser Entwicklungen – unabdinglich, geht es nach den Forschern. Besonders politische Entscheidungsträger würden in Zukunft mehr gefordert sein denn je. Schon heute werden zum Beispiel Algorithmen eingesetzt, um statistisch vorauszusagen, wann und wo Straftaten passieren.

Politische Entscheidungsträger werden in Zukunft mehr denn je gefordert sein.

Um ein genaueres Bild der KI-Entwicklung zu erhalten, hat das Team von Katja Grace 352 führende Forscher auf dem Gebiet maschinellen Lernens nach Zukunftsprognosen befragt: Wann werden Maschinen «ohne Hilfe jede Aufgabe besser und günstiger durchführen können» als Menschen? Geht es nach den Forschern, lautet die Antwort: Mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit wird das bereits in 45 Jahren der Fall sein. Das ist der Medianwert des von den Experten aus über 43 Ländern abgeschätzten Zeitraums.

Kommen die Robo-Musiker?

Die Studienautoren liessen ihre Experten 32 «Meilensteile künstlicher Intelligenz» bewerten – 20 davon werden danach innert bereits einem Jahrzehnt erreicht sein. Schon 2027 könnten nur noch Roboter-Lastwagen über die Strassen rollen oder gesprochene Sprache trotz Akzenten fehlerfrei und in Text umgewandelt werden – und Übersetzungssoftware, wie wir sie jetzt zum Beispiel in Form von Google Translate kennen, soll bald mindestens genauso gut sein wie ein nicht professioneller Übersetzer. In 15 Jahren könnte das, was mit Self-Check-outs in Supermärkten begonnen wurde, bereits vollendet sein: vollautomatischer Detailhandel. Ums Jahr 2030 hören wir womöglich Musik in den Charts, die gar nicht von Menschen, sondern von einem Algorithmus geschrieben wurde.

Ein besonders anschauliches Beispiel für maschinelles Lernen zeigt Googles «Deep Mind», das versucht, «Montezumas Revenge» zu schlagen – ein für seinen extremen Schwierigkeitsgrad legendäres Spiel für die Atari-Spielkonsole:

Es besteht allerdings ein bedeutender Unterschied zwischen Fähigkeit und Einsatz: So sind sich zwar die Forscher ziemlich sicher, dass Maschinen innert 45 Jahren alles besser können als Menschen; bis Maschinen aber tatsächlich sämtliche Jobs auch übernommen haben, wird es länger dauern – nämlich 125 Jahre.

Nordamerikaner sind pessimistischer

Die Einschätzung der Zukunft scheint aber auch eine Kulturfrage zu sein. Die auffälligsten Unterschiede in den Einschätzungen konnten die Studienautoren nicht etwa am Alter, an der Länge oder dem Erfolg der Karriere der befragten Experten festmachen – sondern an deren Herkunft. Asiaten sind im Median um einiges optimistischer, was das Überflügeln menschlicher Fähigkeiten durch Maschinen angeht: Liegt der Gesamtmedian bei den oben erwähnten 45 Jahren, glauben Asiaten, dass das bereits in 30 Jahren der Fall sein wird. Die Nordamerikaner sind hingegen pessimistisch und sehen das Eintreten dieses Zustandes erst in 74 Jahren.

Prognosen, die 40 Jahre in der Zukunft liegen, übersteigen den «Prediction Horizon».

Die Fachzeitschrift «MIT Technology Review» gibt aber zu bedenken: Prognosen, die über 40 Jahre in der Zukunft liegen, seien generell ungenauer, weil sie von technologischen Entwicklungen ausgehen, die noch stattfinden müssen, um einen bestimmten Zustand zu erreichen, während tiefere Prognosen stärker in bereits bestehender Technologie verwurzelt sind. So nennt die «Technology Review» die Kalte Kernfusion als Beispiel, die seit ihrem ersten Vorschlag konstant «etwa in 40 Jahren» kommen soll. Diese 40-Jahr-Grenze nennt man «Prediction Horizon».

Peinliche Prognosen

Auch Industrieveteranen haben sich in der Vergangenheit nicht immer mit Ruhm bekleckert, was Aussagen zur Zukunft ihrer eigenen Branchen angeht. So machte IT-Pionier Ken Olson 1977 die heute berüchtigt miserable Aussage, es gebe «keinen Grund, warum irgendjemand einen Computer zu Hause haben wollen würde». 1946 sagte Darryl Zanuck, damals ein Manager bei der Filmfirma 20th Century Fox, er könne sich nicht vorstellen, dass es wirklich einen Markt für Fernseher geben würde – Menschen würden wohl nach sechs Monaten genug davon haben, «jeden Abend auf eine Sperrholzkiste zu starren». Und noch prekärer die Prognose von Bob Metcalfe, Erfinder des Ethernet-Anschlusses, der 1995 sagte, das Internet würde 1996 «katastrophal kollabieren».

Die zweite Kritik der «Technology Review» an der Studie: KI-Experten habe noch 2015 vorausgesagt, es würde noch mindestens 12 Jahre dauern, bis ein Computer den besten Go-Spieler der Welt besiegen könne. Diese Prognose hat Googles «Deep Mind» zertrümmert – schon im März 2016 besiegte es den südkoreanischen Go-Profi Lee Sedol. Das heisst, auch Kurzzeitprognosen sind nicht unbedingt zuverlässig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.06.2017, 19:01 Uhr

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