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Analyse zu Trumps Corona-InfektionDie amerikanische Nation kränkelt

Das US-Imperium befindet sich derzeit in einem miserablen Zustand. Das liegt nicht zuletzt an seinem Oberkommandanten: Donald Trumps Verhalten gibt Rätsel auf.

Daumen hoch und durch? Eine andere Strategie lässt das Weisse Haus im Moment jedenfalls nicht erkennen: Donald Trump vor seiner Rückkehr aus dem Walter-Reed-Militärspital in Maryland am 5. Oktober 2020.
Daumen hoch und durch? Eine andere Strategie lässt das Weisse Haus im Moment jedenfalls nicht erkennen: Donald Trump vor seiner Rückkehr aus dem Walter-Reed-Militärspital in Maryland am 5. Oktober 2020.
Foto: Jonathan Ernst (Reuters)

Gemeinhin wird die Maschinerie der amerikanischen Supermacht durch exakt festgelegte Abläufe und ausgeklügelte Kommandostrukturen bestimmt. Rund 7000 Atomsprengköpfe, ein globales Netz militärischer Einrichtungen sowie 16 Geheimdienste sind kein Pappenstiel. Gewisse Vorsichtsmassnahmen sind ratsam.

Im Moment aber ist davon nicht viel zu spüren. Der atomare Alltag mag gut eingespielt weiterlaufen, insgesamt aber hapert es bei der Verwaltung der amerikanischen Macht. Ganz oben ist Sand ins Getriebe gekommen. Die Akteure erweisen sich als unfähig, nach einem Corona-Superspreader-Event im Weissen Haus eine wirksame Kontaktverfolgung der Anwesenden zu organisieren.

Trotz zahlreicher Ansteckungen wurde niemand nach der Washingtoner Jubelfeier anlässlich der Vorstellung von Donald Trumps Richterkandidatin Amy Coney Barrett am vorletzten Samstag kontaktiert. Ein Virus-Ausbruch bei einer Geburtstagsfeier in einer Beiz irgendwo in der Schweiz wäre von der zuständigen Gesundheitsbehörde wahrscheinlich besser bekämpft worden.

Trump steckt enge Mitarbeitende an und geht auf Spritztour

Überhaupt zeigen sich seit der Einweisung des infizierten Oberkommandierenden in ein Washingtoner Krankenhaus bedenkliche Auflösungserscheinungen in der Zentrale: Erst Tage nach den Ansteckungen des Chefs und etlicher Mitarbeiter wurde der Stab angewiesen, Masken bei der Arbeit zu tragen oder von zu Hause aus zu arbeiten.

Zuvor ging es im Kommandozentrum zu wie in einer Biker-Bar auf dem platten Land in South Dakota. Mindestens drei im Weissen Haus arbeitende Journalisten sowie Trumps Pressesprecherin Kayleigh McEnany sind inzwischen infiziert, präsidiale Leibwächter und Helfer beim betrieblichen Ablauf ebenfalls.

Der Präsident der Vereinigten Staaten will sich nicht im Spital einsperren lassen: Donald Trump auf PR-Spritztour in einem hermetisch abgeriegelten Fahrzeug am Sonntag, 4. Oktober 2020.
Der Präsident der Vereinigten Staaten will sich nicht im Spital einsperren lassen: Donald Trump auf PR-Spritztour in einem hermetisch abgeriegelten Fahrzeug am Sonntag, 4. Oktober 2020.
Foto: Anthony Peltier (Keystone)

McEnanys Boss hatte – Virus hin, Virus her – am Sonntag sogar eine Spritztour in einem zum Schutz vor Chemieangriffen hermetisch versiegelten SUV unternommen. Sichtlich erbaut winkte er bei seiner Fahrt rund um das Lazarett seinen Fans entlang des Weges zu. Und nahm in Kauf, dass sich sein Chauffeur und dessen Beifahrer vielleicht infizierten.

Über seinen Anwalt Rudy Giuliani hatte der Corona-Tourist tags zuvor der Nation ausrichten lassen, er sei »Präsident der Vereinigten Staaten» und könne sich deshalb «nicht in einem Zimmer einschliessen». Er habe das Virus «konfrontieren müssen, damit das amerikanische Volk aufhört, sich davor zu fürchten», sagte er im Geiste der Pflichterfüllung.

Manische Episoden, Grössenwahn, Reizbarkeit, Depressionen: Alles Nebenwirkungen, die man Donald Trump keinesfalls wünscht.

Eigentlich verlangten die Kommandostrukturen mitsamt der Nachfolgeregelung, dass sich Trumps Vize Mike Pence mit äusserster Vorsicht bewegt, solange der Gesundheitszustand des Chefs wacklig ist. Desto mehr, als dieser das Medikament Dexamethason aus der Familie der Steroide verabreicht bekommt. Das Problem mit derartigen Medikamenten sei, «dass sie psychiatrische Nebenwirkungen bei fast jeder Dosierung entfalten», sagte Dr. Michael Bostwick, Psychiater an der berühmten Mayo Clinic, der «New York Times».

Manische Episoden, Grössenwahn, Reizbarkeit, Depressionen: Alles Nebenwirkungen, die man Donald Trump keinesfalls wünscht. Aber Pence hält sich nicht wirklich bereit, das Zepter im Ernstfall zu übernehmen. Er betreibt Wahlkampf, als sei nichts gewesen. Und das, obwohl der Vizepräsident beim Superspreader-Event vorletzte Woche direkt vor dem inzwischen infizierten republikanischen Senator Mike Lee Platz genommen hatte.

Falls Pence ebenfalls ausfällt, käme die Bête Noire des Präsidenten zum Zug: Als Vorsitzende des Repräsentantenhauses übernähme Nancy Pelosi die Kontrolle über die amerikanischen Atomwaffen – «Crazy Nancy», wie Trump die Demokratin gern beschimpft.

Das Erscheinungsbild der Supermacht wäre dann vielleicht weniger besorgniserregend als derzeit. Immerhin ist «Crazy Nancy» nicht auf Dexamethason. Und sicherlich gebärdete sie sich nicht als Märtyrerin, die sich um eine Ansteckung geradezu reissen würde, um dem Volk die Angst davor zu nehmen.

Podium: Donald Trump ist der umstrittenste Politiker der Gegenwart. Im November stellt er sich der Wiederwahl. Wie sind seine Chancen? Wie ist seine Bilanz? Wird ihn Joe Biden schlagen? Und vor allem: Was bedeutet es für die USA und die Welt, wenn Trump vier weitere Jahre regiert? Darüber debattieren: Elisabeth Bronfen, Anglistikprofessorin an der Universität Zürich, Christof Münger, Ressortleiter International beim «Tages-Anzeiger», Markus Somm, Publizist. Sonntag, 18. Oktober 2020, Kaufleuten, Pelikanplatz, Zürich. Türöffnung 19 Uhr, Beginn 20 Uhr. Ermässigter Eintritt mit Carte blanche.

35 Kommentare
    René Glücki

    Wieso "Nebenwirkungen"? Das alles hatte DT dich schon vorher!