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Das Pop-Jahr im RückspiegelDie besten Songs 2020 (Teil 4)

Wir haben auf der ganzen Welt nach Liedern gesucht, die das Jahr überdauern könnten. Abseits von Algorithmen und Hitparaden sind wir auf jede Menge grossartige Musik gestossen. Das Spektrum reicht von ghanaischem Reggae über Mundart-Chanson bis zur elektronischen Indianer-Musik.

Von Ella Fitzgerald wurden 2020 bisher verschollene Aufnahmen – die ominösen Berlin Tapes – entdeckt und veröffentlicht. Ein Segen.
Von Ella Fitzgerald wurden 2020 bisher verschollene Aufnahmen – die ominösen Berlin Tapes – entdeckt und veröffentlicht. Ein Segen.
Foto: Archiv

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Idris Ackamoor Pyramids: «Tango of Love»

In den frühen Siebzigerjahren hat Idris Ackamoor seine Pyramids gegründet und die Idee des Afrobeat in den USA ruchbar gemacht. Er ist dann aber von der Bild- und Tonfläche verschwunden, wurde Buchhalter und hat seine Pyramids erst vor fünf Jahren wiederbelebt. Nach diesem langen kreativen Schlummer ist nun mit «Shaman!» bereits das dritte Album erschienen. Der Saxofonist Ackamoor klingt darauf zuweilen wie Gato Barbieri, der sich nach Afrika verlaufen hat.

Pierre Omer & The Nightcruisers: «Time Flies»

Und die Schweiz? Das erfolgreichste Album war – laut der eidgenössischen Jahreshitparade – ein Zusammenschnitt von «Sing meinen Song – das Schweizer Tauschkonzert». Dicht gefolgt von Gotthards Gedenkalbum an Steven Lee und dem 9. Werk der Schwiizergoofe. Noch ein bisschen mehr imponiert hat uns das Album, das Pierre Omer, der Mitbegründer der unheilschwangeren Totengräberkapelle The Dead Brothers, mit seiner neuen 12-Kopf-Band eingespielt hat.

Chouk Bwa & The Ångstromers: «Move Tan»

Eine der Hauptfragen unter den Musikschaffenden war, ob man während der Seuche überhaupt Alben veröffentlichen soll, die man dann doch nicht mit Live-Auftritten promoten kann. Während viele Plattenfirmen ihre Veröffentlichungen verschoben, strotzte das Genfer Label Bongo Joe nur so vor Tatendrang. Das spannendste Tonwerk stammte vom belgisch-haitianischen Projekt Chouk Bwa & The Ångstromers und bot kunstvoll verhallte Polyrhythmik, afrokaribische Gesänge und Synthesizer aus einem leicht verstaubten Instrumentenpark.

Ella Fitzgerald: «Angel Eyes»

Wie fast jedes Jahr sind auch 2020 verschollene Bänder längst verstorbener Jazz-Legenden aufgetaucht. Heuer waren es Aufnahmen von einem umjubelten Konzert im Berliner Sportpalast der Sängerin Ella Fitzgerald. Wie gut es doch tut, in widrigen Zeiten in alten Erinnerungen zu stöbern. Doch wie sagte Sartre so treffend: «Vielleicht gibt es schönere Zeiten; aber diese ist die unsere!»

Puts Marie: «Love Boat 2»

Zwischen Schönheit und Pestilenz schunkelten die Lieder der Bieler Gruppe Puts Marie schon immer. Ihr neuester Song treibt diese Attitüde zur Perfektion. Ein Meisterstück!

Sarkodie: «Bumper»

Stoff für die Tanzbeine hat der ghanaische Rapper Sarkodie angeboten.

Bibio: «Oakmoss»

Stephen James Wilkinson – der Mann hinter dem Projekt Bibio – frönte 2020 dem sehr luftigen Folk.

Soom T: «What Do I Do»

Soom T, die schottische Sängerin mit indischem Stammbaum, hat uns 2020 eines der schönsten Reggae-Alben geschenkt.

Tivon Pennicott: «If I May Say So Myself»

Tivon Pennicott heisst der Mann, der als Sideman von Esperanza Spalding und Gergory Porter schon dreifach Grammy-geadelt ist. Mit «If I May Say So Myself» bescherte er uns 2020 einen gemächlichst getakteten Atemraub-Blues mit einer sehr sonderbaren Wendung gegen Schluss.

Jimmy Edgar: «Bent»

Auch die Forschungsabteilung der elektronischen Musik war in diesem Jahr nicht untätig, wie dieser Track des Detroiters Jimmy Edgar beweist.

Kali Uchis: «Que Te Pedi»

Dass das Jahr 2020 von eher trostloser Prägung war, wird kaum jemand bestreiten wollen. Da kam uns Trost spendendes Liedgut gerade recht. Davon hatte die kolumbianisch-US-amerikanische Sängerin Kali Uchis auf ihrem neuen Album ein bisschen was in ihrem Song-Köcher. Neben überzüchtetem Latin-Pop fanden sich hier drei anbetungswürdige Lieder, die klingen, als stammten sie aus dem Soundtrack eines besonders dramatischen Almodóvar-Streifens. Höret selbst!

Elvis Costello: «I Do»

Zeit für einen Altmeister: Elvis Costello hat 2020 ein neues Album veröffentlicht. Umwerfend war der 66-Jährige allerdings nur dann, wenn er nicht versuchte, einem Lifestyle nachzuhecheln, sondern sich mit der Grandezza des Zeitlosen schmückte.

IN«Seit»: «Nachtschwärmer»

Das ehrenwerte deutsche Label Bureau B hat wieder einmal in den Archiven gekramt. Herausgekommen ist die Zusammenstellung mit dem selbst erklärenden Namen «Sowas von egal Vol. 2 (German Synth Wave Underground 1981-84)». In dieser Zeit formierte sich im Untergrund das, was später von den Major Labels als Neue Deutsche Welle vermarktet wurde. Bevor diese Musik ihre Unschuld verlor, entstanden naiv-poppige Perlen wie der «Nachtschwärmer» von der Gruppe «IN»seit, die allerdings im österreichischen Linz beheimatet war.

Bonaparte, Acid Pauli: «Good Morning»

Ja, wir haben den Selbsttest gemacht: An drei Morgen haben wir uns vom neuen Bonaparte-Song in den Tag geleiten lassen. Die Laune war hernach prächtig. Er heisst sinnigerweise «Good Morning», klingt ein bisschen Corona-verkatert und wurmt sich sehr hartnäckig ins Ohr.

Esmeralda Galda: «Hallo wie geht’s»

Es gab 2020 die Niederkunft einer neuen Sprechgesangsdame aus Zürich zu feiern, die sich anschickt, uns viel Freude zu bereiten. Esmeralda Galda heisst das Projekt der ZHDK-Studentin Laura Bärlocher: apart verdrahteter Elektro-Hop, gaaanz weit weg von Autotune-Firlefanz und Markenartikelverherrlichung.

Angela Muñoz: «I Don’t Care»

Goldkanten-Soul aus Los Angeles.

Mulatu Astatke & Black Jesus Experience: «Kulun Mankwaleshi»

Auch Mulato Astatke war 2020 aktiv. Der Erfinder des Ethio-Jazz hat ein hocherfreuliches neues Album auf den Markt geworfen.

Pip Millett: «Start of the End»

Es gilt selbstredend auch in diesem vermaledeiten Jahr die erquicklichste neue Soul-Sirene zu erküren. Kam im letzten Jahr die Engländerin Celeste zu Ehren, wandert der Titel 2020 zu Pip Millett aus Manchester.

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Unsere 200 Lieblings-Lieder des Jahres 2020 sind auf dieser Spotify-Playlist zusammengefasst.

Wer auch 2021 regelmässig über neue Musik informiert sein will, dem seien die beiden Playlists zur Kolumne «Pop-Briefing» empfohlen.