Die besten WM-Liveticker

Während der WM kommt kein Onlineportal ohne Ticker aus. Welche überzeugen? Ein Vergleich.

Deutschland verliert gegen Südkorea: Wie wurde die Niederlage in den Livetickern besprochen? (Bild: AFP)

Deutschland verliert gegen Südkorea: Wie wurde die Niederlage in den Livetickern besprochen? (Bild: AFP)

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Der Liveticker ist die wohl am meisten unterschätzte journalistische Textform. Wirkt simpel, ist aber ungeheuer schwierig. Alle paar Minuten ein paar Sätze schreiben, das schafft jeder, könnte man meinen. Eine Dramaturgie erübrigt sich, denn die richtet sich nach dem Geschehen auf dem Bildschirm.

Doch gerade das macht den Liveticker so anspruchsvoll. Was gibt es zu sagen, wenn der Leser den Fussballmatch ohnehin am Fernseher sieht? «X bekommt die Gelbe Karte» und «Y vergibt die Chance zum 1:0» reicht da nicht. Der ideale Fussballticker ist unterhaltsam, aber nicht bemüht; fachmännisch, aber nicht spröde; schnell, aber nicht fehlerhaft.

Grund genug, die Liveticker dieser Weltmeisterschaft genauer anzuschauen. Wir haben vier Ticker aus vier Ländern verglichen – (mit einer Ausnahme) jeweils anhand des Spiels Deutschland - Südkorea.

«11 Freunde» – der Preisgekrönte

Mit sechs Lesern fing es an, vor zehn Jahren, an der EM 2008. Das deutsche Fussballmagazin «11 Freunde» hatte einen Liveticker an das Online-Auktionshaus Ebay verkauft. Das Interesse: gleich null. Wenn uns eh niemand liest, sagten sich die Leute von «11 Freunde», können wir auch gleich lustig schreiben. Mittlerweile sind ihre Fussballticker Kult – schräg, subjektiv, ironisch, manchmal insiderisch. Auch zum Nachlesen toll. Für seine Ticker erhielt das Fussballmagazin den Henri-Nannen-Preis sowie den Grimme Online Award.

Typische Sätze
44. Kollege Ulrich stellt resignierend fest, er könne sich nicht daran erinnern, dass Deutschland je bei einem Turnier so wild durchgemischt hätte. Für ihn das deutsche Team also eine Art Anti-Avocado: Ihm fehlt der Kern.

16.57 Uhr. Eine stille Minute bitte für alle PR-Texter, die in zwei Wochen zur Arbeit kommen werden und nicht mehr mit der Fussball-WM werben können. Und so, liebe Leser, entstehen Schokoweihnachtsmänner im August.

60. Wenn Löw clever ist, hat er sich für die Schlussphase ein paar Popel vorgerollt, in Bonbonpapier eingewickelt und in die Hosentasche gesteckt. Also in die Seitentasche.

Zielgruppe
Wer beinharte Analysen zu Fehlpässen und Torchancen wünscht, soll in den Pausen lieber die TV-Expertenrunden schauen. Wer unterhalten werden will, findet keinen besseren Ticker als den von «11 Freunde». Der typische Leser des Magazins ist nach dessen eigenen Angaben übrigens männlich, gebildet, jung. Um alle Anspielungen im Ticker zu verstehen, ist einiges an Fussball- (und Allgemein-)wissen nötig. Dann aber machts umso mehr Freude.

Einen ebenfalls lesenswerten Ticker eines ehemaligen «11 Freunde»-Redaktors gibts bei der «Süddeutschen Zeitung»: Autor Dirk Gieselmann – er rief vor zehn Jahren den «11 Freunde»-Ticker ins Leben – kommentiert einzelne Spiele in Echtzeit.

Typische Sätze
26. Gott, ist das alles langsam, ungenau, behäbig. Und wenn ich «Gott» sage, meine ich natürlich Kroos.

43. Pfostenschuss Werner, nachdem schon abgepfiffen wurde.

Die Tautologie einer vergebenen Chance.

Und im Hintergrund reitet Cristiano Ronaldo auf einem weissen Schimmel in Richtung Final.

54. Klose macht sich warm. Mir ist kalt.

Zielgruppe
Grosse Geschichten in kurzen Sätzen – das bietet Gieselmanns Ticker. Für Fussballkenner ebenso wie für Gelegenheitsschauer. Praktisch zum Nachlesen: die Einträge, in denen die Tore fallen, sind blau hinterlegt und so leicht auffindbar.

Senf – der Geheimtipp

In der Schweiz gibt es auch abseits der grossen Onlineportale lesenswerte WM-Ticker. Etwa jener des St. Galler Fanmagazins «Senf». Das Kollektiv aus einem guten Dutzend Leuten hat bisher die drei Schweizer Spiele getickert. Dass sie dem Vorbild «11 Freunde» nacheifern, lässt sich nicht ganz verbergen – dennoch erfrischend und unkonventionell.

Typische Sätze
Minute 57 – Costa Rica ist übrigens die letzte Mannschaft an dieser WM, die ein Tor schiesst. Alle anderen haben bereits getroffen. Sogar Deutschland.

Minute 71 – «Dä Mischt isch garettlet, heisst das!» Bernhard Russi widerspricht man nicht.

Minute 90+ – Make love, not VAR.

Zielgruppe
Für alle, die Sympathien für Projekte fernab vom Mainstream haben. Und für Optimisten: Wir haben die Macher von «Senf» gefragt, ob sie auch den Achtelfinal Schweiz - Schweden tickern. Antwort: Schauen wir, dass wir das hinkriegen. Denn: «Weil es sich bei Senf um ein ehrenamtliches Projekt handelt, bereitet uns der frühe Anpfiff noch etwas Sorgen. Weiter als bis zum Achtelfinal haben wir noch nicht geschaut :).»

«Guardian» – der Lakonische

Welche Mannschaft hat mehr Ballbesitz? Welche mehr Gelbe Karten kassiert? Wie viele Fouls gabs? Der Liveticker der britischen Tageszeitung «Guardian» liefert zusätzlich viele Facts and Figures. Die Tickereinträge sind etwas technischer – doch immer wieder drückt trockener britischer Humor durch.

Typische Sätze
45 min+1: There will be three more minutes of this nonsense.

49 min: Kroos slams a shot wide from 25 yards. Not this time, Toni.

52 min: As ... it ... stands ... Germany ... are ... going ... out ... of ... the ... World ... Cup.

You need to say it slowly.

Zielgruppe
Für Fussballfans, die Freude an präzisen Beschreibungen sowie Statistiken haben. Praktisch für jene, die das Spiel verpasst haben: Sie können zwischen «Minute by Minute»-Ticker und Zusammenfassung wählen. Entscheidende Spielszenen lassen sich per Direktlink anklicken. Nachteil: Der Ticker liest sich nicht chronologisch, der erste Eintrag auf der Seite entspricht also dem Ende des Spiels.

«Marca» – der Lebhafte

Keine spanische Kaffeebar ohne «Marca» – die Sportzeitung gehört zu den auflagenstärksten Blättern Spaniens. Und auch der Ticker kann was: Fotos, Videos, Spielerstatistiken, Tweets – alles da.

Typische Sätze
73': Al ataque Alemania.

83': Remate de Reus arribaaaaaaaa!!!!

90+9: FINAAAAAAAALLLLLLLLL ALEMANIA ELIMINADA

Zielgruppe
Lange kommentiert der Tickerer das Spielgeschehen recht nüchtern und zurückhaltend. Ist da wirklich ein Spanier am Werk? Ja! Gegen Schluss steigt der Adrenalinspiegel – die Silben werden immer länger. Für Statistikfans und alle, die schauen wollen, wies um ihre Spanischkenntnisse steht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.07.2018, 12:38 Uhr

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