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Kommentar zu Trumps AuftrittDie Bibel diente ihm nur als Staffage

Donald Trump zeigt, dass er vor nichts haltmachen wird. Für eine reine Selbstinszenierung setzt der US-Präsident Gummigeschosse und Tränengas gegen friedliche Demonstranten ein.

Für dieses Bild hat die Polizei friedliche Demonstranten mit Tränengas verjagt.
Für dieses Bild hat die Polizei friedliche Demonstranten mit Tränengas verjagt.
Foto: Patrick Semansky/Keystone

Die Annalen der Präsidentschaft Donald Trumps sind reich an bizarren Momenten und merkwürdigen Verlautbarungen. Gestern Abend gesellte sich ein vorläufiger Höhepunkt dazu: Erst drohte der Präsident in einer Freiluft-Ansprache im Garten des Weissen Hauses mit dem Einsatz des Militärs, um der Unruhen in US-Städten Herr zu werden.

Und danach verschaffte sich Trump einen traumhaften visuellen Moment in der Abendsonne Washingtons: Der Park vor dem Weissen Haus wurde mittels Gummigeschossen und Tränengas von friedlichen Demonstranten geräumt, damit sich der Präsident als Feldherr inszenieren konnte.

Seht her, ich fürchte mich vor niemandem!

Seine Entourage, darunter Militärs und Minister, folgte ihm quer über den Park zur historischen St.-John-Kirche, wo Trump eine Bibel in die TV-Kameras hielt, ein bedeutungsvolles Gesicht aufsetzte – und kurze Zeit später wieder abmarschierte in seine Residenz.

Videoaufnahmen zeigen, wie die Polizei für Donald Turmp gegen die friedlichen Demonstranten vorging.
Video: Tamedia

Der Moment schockte viele Zuschauer, die sich nach oder vor dem Dinner vor dem Fernseher eingefunden hatten. Offenbar hatte es den Präsidenten tief gekränkt, dass er aus Angst vor Demonstranten am Freitag in den Bunker unter dem Weissen Haus gebracht wurde. Nun wollte er zeigen: Seht her, ich fürchte mich vor niemandem!

Vielleicht wollte er auch demonstrieren, dass Gott auf seiner Seite und nicht auf derjenigen der Demonstranten war. Was sich in jener Abendstunde gestern in Washington zutrug, war jedenfalls grosses Theater, oder besser gesagt: grosses Reality-TV.

Drohungen verpuffen, wenn sie von Lächerlichkeit begleitet werden.

Zugleich aber signalisierte der Vorgang, dass dieser Präsident vor nichts, aber auch wirklich nichts haltmachen wird, was ihm seiner Meinung nach einen politischen Vorteil einbringen könnte. Die Bibel diente ihm als Staffage, das noch immer über dem Park wabernde Tränengas als martialische Duftnote. Als junger Mann hatte er sich am Einsatz im Vietnamkrieg vorbeigemogelt, als gereifter Senior drohte er gestern unter Verweis auf ein Gesetz aus dem Jahre 1807 mit dem Einsatz des Militärs gegen Unruhestifter und Plünderer.

Dagegen liesse sich prinzipiell nichts einwenden, aber Drohungen verpuffen, wenn sie von Lächerlichkeit begleitet werden. Wer mit der Bibel in der Hand live im TV vor eine Kirche tritt, das Kinn herausstreckt und trotzig in die Kameras blickt, ohne etwas Denkwürdiges zu sagen, ist nicht wirklich interessiert an der Lösung eines ernsten Problems.

Leider wird dies nur der Anfang sein: In den fünf Monaten bis zur amerikanischen Präsidentschaftswahl wird Donald Trump mit Dramen aufwarten, die Amerika in ein Theater des Absurden verwandeln werden. Der Präsident wird darin als Hauptdarsteller tollen, sein gestriger Spaziergang durch den Park dürfte lediglich eine Vorschau gewesen sein.