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Aufhebung der Corona-MassnahmenDie Briten träumen von Festivals und Fussball-EM im Sommer

Premier Boris Johnson verspricht die Rückkehr zur Normalität bis zum 21. Juni – und prompt werden Veranstalter überrannt. Doch Wissenschaftler mahnen zur Zurückhaltung.

Wegen voraussichtlichen Lockerungen: Viele Festivals in Grossbritannien sind bereits ausgebucht.
Wegen voraussichtlichen Lockerungen: Viele Festivals in Grossbritannien sind bereits ausgebucht.
Foto: Jim Ross (AP) 

Die Briten selbst können es kaum glauben. Dank jüngster Impf-Erfolge zieht sich das Land den Neid des ganzen Kontinents zu. Zwanzig Millionen Erstgeimpfte hat die britische Regierung zu Beginn dieser Woche gemeldet. Das ist fast ein Drittel der gesamten Bevölkerung. An guten Tagen wird eine halbe Million Dosen auf der Insel verimpft.

Zuversichtlich hat, auf der Grundlage dieses Erfolgs und angesichts gesunkener Infektionszahlen, Premierminister Boris Johnson einen «Fahrplan» zur sukzessiven Aufhebung aller Restriktionen im Lande auf den 21. Juni hin vorgestellt. Dass es auf diesem Weg auch Verzögerungen geben könne, räumte Johnson dabei vorsichtshalber ein – auch wenn er davon ausgeht, dass der Prozess diesmal «unumkehrbar» sein wird.

«Einbahnstrasse zur Freiheit»

Für all jene, die schon lange auf ein Ende des Lockdown drängen, ist das von der Regierung ins Spiel gebrachte Datum nun aber zum zeitlichen Fixpunkt geworden. Das Echo in den britischen Medien war abzusehen. «Zum 21. Juni», jubelte etwa Londons Lokalblatt «Metro», «werden wir unser normales Leben wieder haben.» An diesem Tag erfülle sich Grossbritanniens «Mittsommer-Traum». Der «Daily Express» erklärte, Johnson habe seinem Land «eine Einbahnstrasse zur Freiheit» eröffnet.

Kein Wunder, dass seit der Bekanntgabe des Fahrplans Reiseveranstalter, Fluggesellschaften und Ferienorte einen Buchungsansturm sondergleichen erlebt haben – mochte auch Verkehrsminister Grant Shapps warnen, zum Buchen von Ferien-Trips sei es «noch zu früh». Binnen Tagen waren auch Englands grosse Sommer-Festivals praktisch ausverkauft, zur Freude ihrer Veranstalter.

Übermütig stürzten sich im Anschluss Fussballfans auf die Bemerkung eines Uefa-Vorstandsmitglieds, falls die Krisenlage auf dem Kontinent sich nicht bessere, könne ja eventuell England die gesamte Austragung der Europa-Meisterschaft übernehmen.

«Gefährliche Strategie»

Gar nicht lustig finden diese ganze Feierlaune allerdings die meisten britischen Forscher und Experten – zumal im Zuge wärmeren Wetters und in Erwartung der «neuen Freiheit» immer mehr Briten jetzt wieder aus ihren Häusern drängen und geltende Vorschriften ignorieren. «Eine gefährliche Strategie» habe Boris Johnson gewählt mit seinen zeitlichen Vorgaben, meint etwa der prominente Verhaltensforscher Stephen Reicher.

Mit der Nennung von Kalenderdaten schaffe man Erwartungen, «an denen sich nur sehr schwer wieder etwas ändern lässt». Auch einer der ärztlichen Topberater der Regierung, Jonathan Van-Tam, hat sich kritisch geäussert. «Diese Schlacht ist noch nicht gewonnen», erklärte Van-Tam seinen Landsleuten. Der Lockdown sei noch immer in Kraft. Es sei zu früh, den Fuss von der Bremse zu nehmen: «Riskieren wir hier bloss nichts!»

In der Tat finden sich die Briten mit widersprüchlichen Botschaften bombardiert. Just ist die Covid-Alarmstufe von 5 auf 4 gesenkt worden. Regierungsamtlichen Berechnungen zufolge ist der R-Wert auf zwischen 0,6 und 0,9 gesunken fürs Land. Andererseits liegt die Zahl infizierter Personen pro Kopf der Bevölkerung noch immer wesentlich höher als in vielen anderen Ländern. Und in jedem fünften Bezirk in England zieht, wie das Gesundheitsministerium bestätigte, die Zahl der Fälle schon wieder an.

Dabei steht die erste massive Lockerungsmassnahme, die Wiedereröffnung der englischen Schulen, für nächsten Montag erst noch bevor. «Die Schulen alle auf einen Schlag zu öffnen, scheint mir eh kein sehr vorsichtiger Schritt zu sein», hat Verhaltensprofessor Reicher dazu gesagt.

Überhaupt, meint Reicher, fehle es der Regierung noch immer an einer überzeugenden «Langzeitstrategie zur Unterdrückung von Covid-19», mit besseren Test-and-Trace-Systemen, effizienterer Quarantäne und höheren Sicherheitsstandards in allen Arbeits- und Lebensbereichen. Impfungen allein, so hilfreich sie seien, reichten unter den gegebenen Umständen nicht.

Panik wegen brasilianischer Mutation

Neue Sorge und geradezu Panik in Regierungskreisen löste denn auch zu Wochenbeginn prompt die Entdeckung mehrerer Fälle der brasilianischen Variante des Virus in England und Schottland aus, von der man – wie von der südafrikanischen – befürchtet, dass die existierenden Impfstoffe gegen sie nicht genug ausrichten können.

Auch Briten, die verzweifelt an ihren Mittsommerträumen hängen, können sich mittlerweile nagender Zweifel, was den Fahrplan für diesen Sommer betrifft, nicht mehr erwehren. Vom Glauben an eine «unumkehrbare» Reiserichtung mochte gestern lieber auch Professor Graham Medley von der Londoner Hochschule für Hygiene und Tropenmedizin abraten: «Es besteht immer das Risiko, dass wir wieder den Rückwärtsgang einlegen müssen.»

27 Kommentare
    Max Bader

    Die Infektionen im UK gehen in atemberaubendem Tempo zurück.

    Die gute Nachricht: Die Impfungen schlagen an und die Briten werden bald ihren Alltag zurück haben. Panikmache braucht es nicht mehr.

    Die schlechte Nachricht: Wer von Alain Berset oder Ursula von der Leyen regiert wird, der kann noch sehr lange auf die Normalisierung warten, weil beide die Impfbeschaffung völlig verschlafen haben, obwohl klar war, dass dies der Ausweg aus der Krise ist.