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Kommentar zu Netz-DetektivenDie Bürgerpflicht, die auch auf Twitter gilt

Sind die Aktivisten, die im Netz nach den Randalierern aus dem Capitol suchen, Hobbydetektive, die den Rechtsstaat unterlaufen? Nein, sie unterstützen als rechtschaffene Bürger die Arbeit der Polizei.

Die Spur der Verwüstung ist noch zu sehen: Zerbrochenes Glas in einer Tür im US-Capitol, dahinter die amerikanische Flagge.
Die Spur der Verwüstung ist noch zu sehen: Zerbrochenes Glas in einer Tür im US-Capitol, dahinter die amerikanische Flagge.
Keystone / AP / J. Scott Applewhite

Gestern bezeichnete der Kollege Andreas Tobler die von ihm sogenannten Hobbydetektive, die bei der Erfassung der Täter vom 6. Januar helfen wollen, als «nicht viel harmloser als die bewaffneten Gruppierungen der Alt-Right-Bewegungen». Das ist eine Verharmlosung derer, die vergangene Woche das Capitol stürmten und die US-amerikanische Demokratie ins Wanken brachten ganz egal, ob sie dies aus vermeintlich bürgerlich-patriotischen Beweggründen taten oder aus faschistoidem Umsturzwahn heraus.

Natürlich kann man es stossend finden, wenn Identitäten im Netz blossgestellt werden. Doch man darf dabei nicht vergessen, dass die Personen, um die es hier geht, allerhöchstwahrscheinlich alle eine oder mehrere Straftaten begangen haben, mindestens eine sogar wohl Totschlag. Die von Tobler konstatierte Menschenjagd findet nicht jetzt im Netz statt. Sie geschah bereits letzte Woche auf dem «Hill», als der Mob «Hang Mike Pence!» rief und Personen wie der durch seine Handfesseln bekannt gewordene «Zip Tie Guy» offensichtlich vorhatten, Gefangene oder gar Geiseln zu nehmen oder sich zu verbarrikadieren.

Die Helfer kommen ihrer bürgerlichen Pflicht nach.

Das, was die Netzaktivistinnen auf Twitter leisten, kann man auch als legitime Schützenhilfe für die Ermittler lesen: Zum einen helfen sie beim Bewältigen einer grossen Datenmenge (von den Ereignissen in Washington gibt es unzählige Fotos und Videos, in vielen Fällen angefertigt von Teilnehmenden selbst), zum anderen stellen sie ihre Expertise gratis zur Verfügung.

Die Polizei fördert und fordert derartiges Verhalten, nicht nur in den USA: Das Department of Homeland Security hat in den Staaten den 25. September zum National Awareness Day ernannt. Das Motto: «If you see something, say something», wenn Sie etwas sehen, machen Sie den Mund auf. Auch in der Schweiz kennen wir grade auf dem Dorf die Schilder «Gemeinsam gegen Einbrecher» wenn man etwas Verdächtiges beobachtet, soll man es melden.

Und während man hinter dem präventiven Anzeigen jeglichen devianten Verhaltens bei der Polizei auch ein Denunzieren unbescholtener Mitbürger sehen kann, ist der Sachverhalt hier klarer: Die Personen im Capitol fotografierten oder filmten sich beim mutmasslichen Land- und Hausfriedensbruch, bei der Sachbeschädigung, Körperverletzung und Widerstand gegen die Staatsgewalt selbst. Dass sie diese Beweismittel auf ihren eigenen Social-Media-Kanälen verbreitet haben, macht den Vorwurf des Denunziantentums kaum noch haltbar. In diesem Sinne kommen die Social-Media-Helferlein eigentlich nur ihrer bürgerlichen Pflicht nach: Sie sehen etwas, sie sagen etwas.

Der Grossteil der Teilnehmenden wähnte sich im Rausch der Erstürmung im rechtsfreien Raum.

Bislang ist noch kein Fall bekannt geworden, bei dem eine Person fälschlich identifiziert wurde und so zu Schaden kam. Die Netzaktivisten gehen vergleichsweise besonnen vor: Regelmässig wird in Konversationen das FBI markiert, sodass die Bundespolizei jederzeit ein- und aufgreifen kann. Letzten Endes bleibt die Gewalt immer noch in den Händen des Staats, das beherzigen die selbst ernannten Twitter-Fahnder bisher. Und sollte tatsächlich in einzelnen Fällen eine Grenze überschritten und beispielsweise Persönlichkeitsrechte verletzt worden sein, steht den Opfern immer noch der Rechtsweg offen. Dass dies so ist, haben sie, ironischerweise, all denen zu verdanken, die sich ihnen vergangene Woche in den Weg gestellt haben.

Sich auf den Standpunkt «Sie haben es ja nicht anders gewollt!» zurückzuziehen, wäre selbstverständlich etwas zu einfach – niemand will eine Hexenjagd. Doch je mehr über Geschehnisse im und um das Capitol bekannt wird, desto mehr verfestigt sich der Eindruck: Der Grossteil der Teilnehmenden ist den Lügen von Donald Trump und seinen Verbündeten aufgesessen und wähnte sich im Rausch der Erstürmung in einem rechtsfreien Raum oder gar auf der Seite des Rechts. So darf die breite Allianz derer, die sich für den Erhalt der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit einsetzen, auch als «reality check» gelten für alle, die ernsthaft den Umsturz gesucht haben.

9 Kommentare
    michael giger

    matthias möller ist bestimmt deutscher journalist. diese haltung hat für mich etwas zutiefst deutsches und etwas ziemlich unschweizerisches. kommt er von der süddeutschen zeitung?