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Kolumne von Michael HermannNein, die Schweiz hat sich nicht an ihrer Geldgier verschluckt

Das totale Versagen diagnostizierte Lukas Bärfuss Ende März der Schweiz in der Corona-Krise. Von wegen! Das Virus lässt uns das Genie der Schweiz wieder einmal in aller Klarheit erleben.

Sie wirkten nicht allzu schneidig und nicht immer gleich professionell: Bundesrat Alain Berset (l.) und sein Corona-Beauftragter Daniel Koch.
Sie wirkten nicht allzu schneidig und nicht immer gleich professionell: Bundesrat Alain Berset (l.) und sein Corona-Beauftragter Daniel Koch.
Foto: Raphael Moser

Erst in einer Krise lernt man einen Menschen richtig kennen. Erst dann wird sichtbar, wie robust die Struktur hinter der Fassade ist. In Krisenzeiten werden prägende Persönlichkeitsmerkmale – schlechte und gute – freigelegt, die im Gewimmel des Alltags oft verdeckt bleiben. Dass dies nicht nur für einzelne Menschen, sondern auch für ganze Staatswesen gilt, zeigt gerade jetzt der Blick in die Vereinigten Staaten.

Von der demaskierenden Kraft der Krise war auch Lukas Bärfuss überzeugt, als er Ende März, vor über zwei Monaten, im «Spiegel» einen Essay über das totale Versagen der Schweiz in der Corona-Krise publizierte. Das Demaskieren ist Bärfuss auf grossartige Weise gelungen – bloss hat er nicht das demaskiert, was er eigentlich hätte demaskieren wollen.

Die Schweiz hat sich nicht, wie von Bärfuss vorausgesagt, bitter an ihrer gnomenhaften Geldgier verschluckt, sondern ist nach anfänglich starker Covid-Betroffenheit und vergleichsweise milden Massnahmen rasch zu sehr tiefen Fallzahlen gelangt. Statt Gier hat diese Pandemie ein überaus tragfähiges gesellschaftliches Grundgerüst freigelegt.

Die Schweiz hat sich nicht, wie von Bärfuss vorausgesagt, bitter an ihrer gnomenhaften Geldgier verschluckt.

Die Herausforderungen der letzten Monate haben Eigenschaften aktiviert, von denen ich selbst in den letzten Jahren nicht mehr sicher war, ob sie vielleicht doch eher zu einem verklärten Gestern als zum realen Heute der Schweiz gehören.

Es stimmt: Die politische Führung wirkte in ihrem Handeln nicht allzu schneidig und nicht immer professionell. Doch das Genie der Schweiz liegt eben gerade nicht in ihrer (fehlenden) Brillanz, und es misst sich nicht am obersten Perzentil. Es ist die pragmatische Intelligenz der vielen, und es ist die noch immer intakte Verantwortungskultur, welche dieses Land ausmachen.

Gesetz ist hier nicht einfach Gesetz, sondern auch ein Gebot zum Selberdenken. Statt alles von oben vorzuschreiben, wird Raum für angepasste Lösungen gelassen. Das funktioniert oft auch da, wo es auf den ersten Blick zu versagen scheint. Etwa beim Gebot zum Maskentragen, das zur Empörung einiger nur wenige befolgen. Genau diese schweizerische Renitenz hat jedoch gezeigt, dass es zumindest in den warmen Monaten auch ohne kollektive Gesichtsverhüllung geht.

Bei allem Lob: Nicht zu den hiesigen Schlüsseleigenschaften gehören Mut und Unerschrockenheit.

Bei allem Lob: Nicht zu den hiesigen Schlüsseleigenschaften gehören Mut und Unerschrockenheit. So wie die Schweden vor den Augen einer überaus kritischen Weltöffentlichkeit unnachgiebig einen ganz eigenen Weg zu gehen, hätte die empfindsame Schweizerseele niemals ausgehalten. Schliesslich wird das schweizerische Selbstbewusstsein lange schon von einem leisen Minderwertigkeitskomplex begleitet.

Dieser ist auch im Unwohlsein geboren, in der Welt als Land geldgieriger Gnome zu gelten. Deshalb möchten viele im Zweifel lieber nicht sichtbar aus der Reihe tanzen. In der aktuellen Krise hat diese Zurückhaltung der Schweiz nicht nur zum Nachteil gereicht.

Das elastische Sich-Vortasten, das Lernen von anderen scheinen den mehrschichtigen Herausforderungen dieser Pandemie besser gerecht zu werden als eine Politik der grossen, selbstbewussten Geste im restriktiven Stil der Franzosen oder auch im erzwungen permissiven der Schweden.

Was hier als klar erscheint, kann an Aussenstehende kaum vermittelt werden.

Nach eher drögen, starren Jahren ist es richtig erfrischend, das Genie der Schweiz wieder einmal in aller Klarheit zu erleben. Wobei zumindest eines geblieben ist wie eh und je: Was hier als klar erscheint, kann an Aussenstehende kaum vermittelt werden. Es lässt sich nicht an einzelnen Köpfen, Mächten oder Parteien festmachen.

Womit wir zum Schluss wieder bei Bärfuss wären. Sein Narrativ vom Land der geldgierigen Gnomen wirkt zwar wie ein zunehmend lieblos aufgekochter Abklatsch der Grossen, Frisch und Dürrenmatt, und hat gerade in dieser Krise demaskierend wenig mit dem zu tun, was ist. Doch es passt eben sehr gut zum lieb gewonnenen Klischee der feigen, reichen Schweiz.

Deshalb lässt es sich ganz wunderbar an Aussenstehende vermitteln, die sich über dieses eigenartige Land sonst verständlicherweise keinen Reim zu machen vermögen.