«Die Diskussion ist sehr wenig durchdacht»

Für den Experten Daniel Veit wird die Sharing Economy zu positiv beurteilt. Die negativen Effekte würden ausgeblendet.

Streik der Taxifahrer von Rio de Janeiro gegen Uber. Foto: Reuters/Ricardo Moraes

Streik der Taxifahrer von Rio de Janeiro gegen Uber. Foto: Reuters/Ricardo Moraes

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Die Sharing-Plattformen stossen vielerorts auf erbitterten Widerstand: Es gibt Proteste, Klagen, Gerichtsverfahren. Sind die Gesetzgeber zu lasch?
Die Konsequenzen, die die Sharing Economy mit sich bringen, sind sehr weitreichend. Und wir haben Mühe, damit umzugehen. Etwa, weil sich das Internet nicht national regulieren lässt. Wenn ausländische Anbieter attraktiv sind, werden sie auch hier genutzt. Eine Regulierung müsste also international abgestimmt sein – was nur schon aus zeitlichen Gründen fast unmöglich ist.

Weil sich das Internet zu schnell weiter entwickelt?
Einerseits. Andererseits finden die Anbieter bei jeder Regulierung Schlupflöcher, um die Regulierung zu umgehen.

Ein Beispiel?
In Berlin gibt es den Trend, dass Start-ups ihre Datenabwicklung über das Kleingedruckte in den Nutzerbestimmungen ins Ausland verlegen – um ihre Server in Rechtsräumen zu betreiben, die nicht dem europäischen Datenschutzgesetz unterliegen. Dadurch können sie Sachen mit den Daten machen, die in Europa nicht möglich wären.

Ist das denn zulässig?
Ich bin kein Jurist – und ich möchte das auch gar nicht verurteilen. Regulierung besteht, um den Endnutzer und den ­fairen Wettbewerb zu schützen – und das steht natürlicherweise immer im Spannungsfeld mit dem Unternehmenserfolg. Insofern ist dieses Verhalten verständlich. Ziel muss es jedoch sein, eine Wirtschaftsordnung zu schaffen, bei der nicht einzelne einseitig profitieren, sondern die Gesellschaft als Ganzes – nur so kann ein langfristig tragfähiges Marktmodell entstehen.

Was heisst das für die Regulierung?
Es ist extrem schwierig, dieses sehr, sehr komplexe und sich wahnsinnig schnell bewegende Phänomen der Digitalisierung regulatorisch zu fassen. Was wir im Moment in Deutschland gemacht haben mit dem flächendeckenden Verbot von Uber ist natürlich eine radikale Variante, die auch zu einer Innovationsbremse werden kann. Interessant ist allerdings, dass US-Arbeitsgerichte neuerdings zu ähnlichen Schlüssen kommen: In San Francisco wurde entschieden, dass ein Uber-Fahrer nicht selbstständig ist, sondern als Angestellter gewertet werden muss.

Was bedeutet das konkret?
Bislang operieren die Uber-Fahrer auf eigenes Risiko. Wenn sie Geld einnehmen, verdient Uber mit. Wenn sie aber krank oder arbeitsunfähig werden oder keine Fahrgäste haben, haben sie nichts. Für Uber hingegen entsteht kein Schaden. Ein anderer springt ein. Mit dem Entscheid des US-Gerichts muss Uber nun die Sozialkosten übernehmen. Wenn das flächendeckend umgesetzt wird, bedeutet das das Ende des Uber-Geschäftsmodells: Dann hat Uber plötzlich die gleichen Kosten wie ein Taxibetreiber.

Gerichte springen also ein, weil die Regulierung versagt?
Die Regulierung kann ihre Aufgabe nicht mehr wahrnehmen. Darum knirscht es im System – und das endet dann auf den Tischen der Richter, die dann faktisch neue Regeln für die Unternehmen aufstellen. Die Digitalisierung führt zu einer Rollenverschiebung, die dem Gesamtsystem nicht gerecht wird. Ich betrachte das mit Sorge, weil es keine langfristig strategische Orientierung ermöglicht. Die Richter sprechen sich untereinander ja nicht ab. Sie haben nicht die Strukturen um eine regulatorische Langfristigkeit zu erzielen.

Wieso ist die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, wie man sie etwa bei Uber-Fahrern beobachtet, überhaupt ein Problem?
In den westlichen Ländern gibt es eine über 100-jährige Tradition des Wohlfahrtsstaats, die aus der Industrialisierung heraus entstanden ist. Mit Arbeitsverhältnissen à là Uber machen wir dort weiter, wo wir vor 100 Jahren angefangen haben.

Sprich: Der Arbeitnehmer hat keine Rechte mehr.
Faktisch ja. Uber-Fahrer erhalten 80 Prozent des Fahrpreises bar auf die Hand, den Rest liefern sie Uber ab. Sozialleistungen, wie sie der Arbeitgeber üblicherweise entrichtet, gibt es nicht. Wenn die Fahrer krank sind, haben sie kein Einkommen, genauso bei Arbeitsunfähigkeit. Und das sind alles Dinge, die ich in der heutigen Diskussion vermisse. Ich höre nur, wie sauber die Uber-Taxis sind und wie rüpelhaft sich der Fahrer des normalen Taxis benahm. Diese Diskussion ist vom Neuen, vom Hippen, vom Digitalen geprägt. Aber sie blendet all das aus, was unsere Gesellschaft ausmacht, unseren Lebensstandard, die Sicherheit auf den Strassen, die Tatsache, dass wir nahezu Vollbeschäftigung haben. Die Diskussion über die Sharing Economy ist sehr kurzfristig, sehr von Mode getrieben und sehr wenig durchdacht.

Das meinen Sie, wenn Sie von starken Nebenwirkungen für die Gesamtgesellschaft sprechen?
Das ist ein Aspekt. Wie wichtig er ist, sieht man daran, dass er nun sogar in den USA mit ihrem äusserst liberalen Arbeitsmarkt zum Thema wird. Jedoch gibt es auch noch einen anderen Effekt: Kurzfristig hat die Sharing Economy zwar einen Wohlstandseffekt – man kann sich zu den alten Produktions- und Absatzbedingungen mehr Auto leisten für sein Einkommen. Wenn man es aber über einen längeren Zeitraum macht und das gesellschaftsweit eine breite Akzeptanz findet, schrumpft der Teil Auto, den man sich leisten kann wieder.

Wieso?
Wenn viele Menschen Car- oder Ride-Sharing-Dienste nutzen und sich kein ­eigenes Auto mehr leisten, werden weniger Neuwagen verkauft. Wenn weniger Neuwagen verkauft werden, braucht es weniger Beschäftigte in der Automobilindustrie, die Stückkosten steigen. Mittelfristig kostet das geteilte Auto dann wieder etwa gleichviel wie das eigene.

Was müsste man machen, um die negativen Effekte zu kompensieren, ohne die Innovation abzuwürgen?
Wichtig ist, diese Diskussion überhaupt erst zu führen. Es lohnt sich, den Gedanken zu kultivieren, dass man etwas auch tauschen statt kaufen kann. Aber wir müssen ein neues Wertegefüge in der digitalisierten Gesellschaft finden. Das geht aber nur, wenn man die gesellschaftlichen Effekte der Digitalisierung auch transparent darstellt. In der Wissenschaft diskutieren wir Phänomene wie Netzwerkeffekte oder Wechselkosten schon seit 20 Jahren. Bis jetzt hat sich dafür in der breiten Öffentlichkeit niemand interessiert. Dass ich nun plötzlich in Zeitungen darüber referiere, hat damit zu tun, dass diese Effekte mit der Digitalisierung eine solche Wirkung entfalten, dass sie plötzlich gesellschaftlich relevant werden.

Sie haben gesagt, dass die Konsumenten langfristig gar nicht von der Sharing Economy profitieren. Wäre es denkbar, dass sich das Phänomen dadurch quasi selbst wieder abschafft?
Im Augenblick wirken Sharing-Konzepte sehr attraktiv auf die Kunden. Die mittelfristigen Effekte, die die Vorteile wahrscheinlich wieder wettmachen, treten erst mit erheblicher Verzögerung auf. Dann ist man wirtschaftlich und gesellschaftlich bereits gebunden und kann gar nicht mehr zurück. Die Sharing-Plattformen werden sich in unser Konsumverhalten einfügen und Teil unserer gesellschaftlichen Realität werden. Gleichzeitig werden sich Konsumenten und Regulierer der negativen Effekte bewusster werden. Mittelfristig wird deshalb eine sehr viel bewusstere Konsumentscheidung stattfinden. Der Endkunde wird informierter mit seiner Umgebung und seinem Markt umgehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.07.2015, 19:53 Uhr

Daniel Veit

Der Deutsche ist Professor und Inhaber des Lehrstuhls für Information Systems und Management am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Augsburg.

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