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Steigende Corona-ZahlenDie dritte Welle erfasst Spanien mit enormer Wucht

93’000 Neuinfektionen am Wochenende: Das Land ist Hochrisikogebiet, der Gesundheitsminister tritt zurück, und dann drängelte sich auch noch ein General beim Impfen vor.

Spanien ist eines der am stärksten von der Corona-Pandemie betroffenen Länder.
Spanien ist eines der am stärksten von der Corona-Pandemie betroffenen Länder.
Foto: Alejandro Garcia (Keystone)

Weihnachten, Silvester, dann noch Heilige Drei Könige. Die Feiertage, an denen in Spanien keine strikten Regeln galten, haben die Fallzahlen im Land in die Höhe jagen lassen. Die 14-Tage-Inzidenz liegt bei über 800 Infektionen pro 100’000 Einwohner (310 derzeit in der Schweiz). Die Zahl der Corona-Toten liegt inzwischen bei mehr als 55’000. Die dritte Welle trifft Spanien hart, bevor die zweite abklingen konnte. Denn im September, als die Schulen wieder öffneten, gingen auch die Zahlen wieder hoch – trotz verschärfter Massnahmen.

Gesundheitsexperten gehen davon aus, dass der Höhepunkt des aktuellen Anstiegs wahrscheinlich vor einer Woche erreicht wurde. Doch auch die neue Virusvariante sei auf dem Vormarsch. Das Ministerium glaubt jedoch, B.1.1.7 mache derzeit nur zwischen 1 und maximal 5 Prozent der Fälle aus, heisst es.

Die Zentralregierung in Madrid sieht sich mit Forderungen aus den Regionen konfrontiert, im Kampf zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie schärfere Massnahmen zu verhängen. Bislang will sie ohne Ausgangssperre durch die dritte Welle kommen. Doch Fachleute sind sich einig: Schon im März könnte die britische Mutation zur dominanten Corona-Variante in Spanien werden. Die Regierung hofft, dass bis dahin viele ältere Spanierinnen und Spanier schon geimpft sind.

Landesweit gilt seit Ende Oktober ein Zapfenstreich ab 22 Uhr – die genaue Uhrzeit legen die einzelnen Regionen fest; Läden in Madrid müssen beispielsweise um 21 Uhr schliessen, und in Valencia wurden Versammlungen auf maximal zwei Personen aus zwei Haushalten beschränkt. Doch aus einigen Regionen melden Spitäler, dass sie jetzt schon voller sind als im letzten Frühjahr bei der ersten Welle. Erneut bitten Ärztinnen und Krankenpfleger mit dem Hashtag #solosnopodemos («Allein schaffen wir es nicht») um die Mithilfe der Bevölkerung.

Minister verlässt die Regierung – General tritt zurück

Dann verlässt mitten in der Corona-Krise der spanische Gesundheitsminister Salvador Illa die Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez. Illa stand wegen der Corona-Pandemie in den vergangenen Monaten stark im Rampenlicht. Nun hat er sein Amt niedergelegt, um bei der Katalonienwahl am 14. Februar als Spitzenkandidat der Sozialisten anzutreten.

Und auch der Impfegoismus hat sich breitgemacht. So hat Spaniens oberster Militär, Generalstabschef Miguel Ángel Villarroya, am letzten Samstag seinen Rücktritt angeboten, weil er und andere ranghohe Militärs früher als andere gegen Corona geimpft worden waren. Verteidigungsministerin Margarita Robles hat das Gesuch angenommen.

Der General habe seinen Schritt damit begründet, dass er «das Ansehen der Streitkräfte» wahren wolle. Die frühzeitige Impfung ranghoher Militärs war als Privilegierung kritisiert worden. Nach dem nationalen Impfplan werden zurzeit zunächst besonders gefährdete Menschen gegen das Virus Sars-CoV-2 geimpft, also vor allem Bewohner von Altenheimen und ihr Pflegepersonal. Das Militär betonte, es gebe intern einen eigenen Impfplan, gegen den nicht verstossen worden sei.

Offiziere, Beamte, Politiker und Priester – zu früh geimpft

Zuvor war schon ein Oberst der militärisch organisierten Polizeieinheit Guardia Civil vom Innenminister entlassen worden, der zusammen mit den Offizieren des Militärs geimpft worden war. Auch einige spanische Lokalpolitiker und Beamte sowie ein Priester hatten sich bereits impfen lassen, obwohl sie noch nicht an der Reihe waren, wie RTVE berichtete.

Die sozialistische Regierungspartei PSOE leitete ein Parteiausschlussverfahren gegen elf ihrer Mitglieder ein und forderte sie auf, von ihren Posten als Bürgermeister und Gemeinderatsmitglied zurückzutreten. Auch Politiker der grössten Oppositionspartei PP waren vorzeitig geimpft worden. Aus demselben Grund war der regionale Gesundheitsminister der Region Murcia, Manuel Villegas, zurückgetreten.

In Lissabon stehen Spitalautos Schlange

Das Coronavirus wütet auch in Portugal. Die Zahlen gehen überall zwischen Algarve und Douro-Tal enorm in die Höhe. Das Land im äussersten Südwesten Europas kam lange vergleichsweise glimpflich durch die Pandemie.

Nun berichten Medien, von erschreckenden Bildern aus den Spitälern, von Rettungswagen, die vor der Notaufnahme des Hospitals Santa Maria in Lissabon in einer Schlange stehen mussten, die sich kaum bewegte und immer länger wurde. Die Intensivbetten weisen bereits eine Auslastung von durchschnittlich rund 90 Prozent auf. Wichtige Operationen werden abgesagt, und auch hier sind Ärzte und Krankenpfleger am Rande ihrer Kräfte.

Wie das Portal «Our World in Data» anhand der jüngsten Daten der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität errechnete, lag Portugal am Wochenende mit 1196 Neuinfektionen pro Tag und pro Million Einwohner im Schnitt der vergangenen sieben Tage mit grossem Vorsprung vor Israel (832) sogar ganz oben in der Liste.

Eine Menschenseele in den Strassen von Lissabon.
Eine Menschenseele in den Strassen von Lissabon.
Foto: Keystone

Am Samstag hatten die Gesundheitsbehörden mit 15’333 Neuinfektionen binnen 24 Stunden und 274 weiteren Toten abermals Höchstwerte gemeldet. Ein Rekord jagt den anderen. Die Zahl der Neuinfektionen binnen 14 Tagen pro 100’000 Einwohner nähert sich der 800er-Marke, die noch nirgendwo erreicht wurde. Seit Ausbruch der Pandemie gab es bereits mehr als 10’000 Tote.

Nach Angaben der Gesundheitsbehörden machte die besonders ansteckende britische Virusvariante am Mittwoch vergangener Woche bereits etwa 13 Prozent aller Neuinfektionen in Portugal aus, in Regionen wie Lissabon sogar 20 Prozent. Die Regierung schliesst nun alle Kitas, Schulen und Unis für zwei Wochen.

sda/afp/nag

34 Kommentare
    Felix Kuster

    Die Sehnsucht nach sozialem Kontakt und das Wiedererlangen kleiner Freiheiten nach einem Lockdown, kann tödlich enden. Was bringt eine Ausgangssperre und ein kompletter Lockdown, wenn danach sich wieder alles sofort in den Armen liegt. Und das Temperament der Menschen von südeuropäischen Staaten, lässt sich kaum mit der Reserviertheit von Skandinavien zu vergleichen.

    Es ist aber ein weiterer Beweis, dass Schliessungen und Verbote weiterhin einen Jojo Effekt nach sich ziehen, der gravierender ist, als keine Schliessungen.

    Vergessen wir bitte nicht, dass ob all der Mortalitäten die grosse Mehrzahl keine Nachfolgeschäden hat oder sogar immun ist.

    Vielleicht müssen wir uns und vor allem unsere Regierungen endlich lernen, dass wir dem Virus nicht entrinnen können, sondern mit ihm leben müssen.