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Neues Album von Anna FreyDie Einzelkämpferin holt Gold

Seit 20 Jahren rappt die Zürcherin, ihren ersten Song schrieb sie als 12-Jährige. Zur hiesigen Szene gehörte sie aber nie – auch weil sie eine Frau ist.

Macht nur kurz Pause: Rapperin und Regisseurin Anna Frey.
Macht nur kurz Pause: Rapperin und Regisseurin Anna Frey.
Bild: Maxi Schmitz/zvg

Anfang der Nullerjahre: Tic Tac Toe hatten ihre letzten grossen Hits. Der Musiksender MTV zeigte Videoclips von Bligg'N'Lexx und Big Zis. Und auf einem Pausenhof in Zürich sprayte eine junge Aushilfslehrerin mit ihrer Klasse Graffiti. Eines der Schulkinder war Anna Frey. «Hip-Hop war sehr im Kommen», erinnert sie sich im Gespräch mit dem «Züritipp». Das Genre faszinierte auch die damals Zwölfjährige. In einer Ufzgi-Stunde schrieb das Mädchen ­seinen ersten Rap-Text. Dieser war noch auf Hochdeutsch.

Bald textete Frey auf Mundart. «Und das tue ich noch immer», so die Musikerin, die kürzlich ihr sechstes Album «Gold» veröffentlicht hat. «Es klingt weniger nach Hip-Hop als seine Vorgänger», sagt Frey. Sie erreiche deshalb auch Leute, die sonst wenig mit dem Genre anfangen können: «Das ist schön.»

«Sie rappten über ihre Schwänze, während es in meinen Raps um Emotionen und um die Welt ging.»

Anna Frey, Rapperin

Für Anna Frey ist Hip-Hop die wichtigste Musikrichtung seit Jazz. «Er hat eine enorme politische Kraft», findet die Zürcherin. In vielen Ländern weisen Rapperinnen und Rapper auf grosse politische und gesellschaftliche Missstände hin. «Gleichzeitig kann aber auch jeder Teenager über seine Schulprobleme rappen», erklärt Frey. Dieses Persönliche macht für sie Rap aus: «Als junge Musikerin überarbeitete ich meine Texte nie.» Zu stark war die Angst, damit die Aussagen zu entschärfen. «Heute sehe ich das anders.» Sie arbeitet jetzt länger an ihren Raps, wägt die einzelnen Worte mehr ab.

Die Zürcherin schreibt ihre Texte alleine. Das sei schon immer so gewesen, erzählt sie: «Als junge Frau war ich in der Szene per se draussen.» Die Männer hätten nervös auf Freys Anwesenheit reagiert, sie störte sich ab deren Texten. «Sie rappten über ihre Schwänze, während es in meinen Raps um Emotionen und um die Welt ging», sagt Anna Frey. Das Gefühl, einer Community anzugehören, fehlte ihr aber nie: «Ich war schon immer eine Einzelgängerin.

Mit dem Vater auf der Bühne

Trotzdem ist es für Frey «absolut natürlich», mit ihren liebsten Menschen zusammenzuarbeiten. Denn ihr künstlerisches Schaffen sei auch immer Teil ihrer Persönlichkeit, erklärt die Musikerin. «Wenn ich das mit einer Person nicht teilen kann, funktioniert für mich auch die Beziehung langfristig nicht.»

Anna Frey macht auch Theater. Als Regisseurin arbeitet sie oft mit ihrem Vater Ueli ­Bichsel zusammen. «Ich bin schon immer mit ihm aufgetreten», sagt Frey, die ihre ersten Lebensjahre in einem Wanderzirkus verbracht hatte. Vater und Tochter verstehen sich blind, das gemeinsame Arbeiten verläuft deshalb reibungslos. «Dieses Vertrauen kann ich auch mit Nicht-Verwandten aufbauen», erklärt Frey. Zum Beispiel mit Flo Stoffner, mit dem die Zürcherin seit über zehn Jahren musiziert. Gemeinsam sind sie das Duo Anna & Stoffner.

«Früher habe ich Jungs gesucht, die mir ­fertige Beats liefern. Ich habe dann einfach ­darübergerappt.» Doch als Duo Anna & Stoffner entsteht die Musik gemeinsam. «Es ist ein ständiges Hin und Her», so die Rapperin. Dass der Jazzmusiker Flo Stoffner und sie verschiedene ­musikalische Hintergründe haben, sei dabei bereichernd. «Wir mussten uns aber erst finden», sagt Frey. Das sei ihnen auf dem letzten Album ­gelungen. «Gold» haben Frey und Stoffner zusammen mit weiteren Musikern aufgenommen. Grösstenteils live. «Wir haben kaum geschnitten», erklärt die Rapperin. So entstand ein ­authentisches und energiegeladenes Album mit Texten, die treffen.

Das Album «Gold» ist am 13.3.2020 auf Irascible erschienen. Die Plattentaufe hätte eine Woche später im Helsinki stattfinden sollen. Aufgrund der Corona-Krise musste die Feier auf den Sonntag, 28.6.2020, verschoben werden.