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Schauplatz Locarno Die filmreifsten Dialoge hört man auf der Piazza

Das Locarno-Festival findet dieses Jahr nur minimal statt, dafür gibts Überraschungsfilme. Unser Autor hat sich vor Ort umgeschaut.

Bildstrecke: Keine grossen Filmvorstellungen auf der Piazza Grande in Locarno dieses Jahr. Dafür eine Fotoausstellung.
Bildstrecke: Keine grossen Filmvorstellungen auf der Piazza Grande in Locarno dieses Jahr. Dafür eine Fotoausstellung.
Foto: Keystone
Das Foto zeigt, wie es auf dem grossen Platz normalerweise ausieht während des Festivals.
Das Foto zeigt, wie es auf dem grossen Platz normalerweise ausieht während des Festivals.
Foto: Keystone
Festivaldirektorin Lili Hinstin hat dieses Jahr genug Zeit, persönlich in jeden Film einzuführen.
Festivaldirektorin Lili Hinstin hat dieses Jahr genug Zeit, persönlich in jeden Film einzuführen.
Foto: Keystone
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Dass es in Locarno ein Festival gibt, fällt einem dieses Jahr erst auf der Toilette auf. Die Urinale sind mit Klebeband in jenem Leopardenmuster abgesperrt, das in anderen Jahren die ganze Stadt dekoriert, aber diesmal nicht. Das Festival hat zwar eigene Gesichtsmasken entworfen, aber die sind einfach schwarz, und in den Hotels liegen Flyer auf, auf denen steht etwas von einer «kleinen Stadt im Herzen der Filmwelt». Darunter werden die Stars aufgezählt, die in anderen Jahren gekommen sind, aber diesmal nicht.

Irgendeinen Kulturevent muss es da sonst also geben, denkt die amerikanische Touristin, die am «Info Point» neben dem Palacinema fragt, wo sich der «Fischmarkt» befindet. Immerhin 83 Filme online und 103 Vorführungen in drei Kinos in Locarno bietet die Spezialausgabe «For the Future of Films», die sich das Festivalteam überlegt hat, nachdem klar wurde, dass an Vorführungen auf der Piazza Grande mit bis zu 8000 Menschen nicht zu denken war.

Festivaldirektorin Lili Hinstin liess es sich für ihre zweite Ausgabe nicht nehmen, neun «Secret Screenings» zu programmieren.

Locarno miniature sozusagen, es gibt auch einen Wettbewerb, in dessen Rahmen mehrere Jurys online 2 von 20 Filmprojekten mit einem Pardo auszeichnen, die alle noch nicht fertiggestellt sind und auf irgendeine Art durch die Covid-19-Krise getroffen wurden. In den Kinos zu sehen sind Überraschungsfilme, Kurzfilme sowie Highlights aus der Festivalgeschichte, zum Beispiel «Der siebente Kontinent» von Michael Haneke. Auswählen durften die Titel die Regisseure, deren Filme gerade stillstehen.

Festivaldirektorin Lili Hinstin liess es sich für ihre zweite Ausgabe nicht nehmen, neun «Secret Screenings» zu programmieren, auch in der Hoffnung, ein paar Leute vom Campingplatz könnten plötzlich auf die Idee kommen, abends in den Reichtum der Filmgeschichte einzutauchen. Im Gran Rex waren dann aber vor allem ein paar Habitués anzutreffen, verglichen mit einem Kino in Bern oder Zürich war der Saal gar nicht schlecht gefüllt. Eine italienische Komödie gebe es jetzt zu sehen, sagte Lili Hinstin, denn die Komödie sei die geeignetste Form, um das Elend der Welt zu bewältigen, und diese besonders, gerade wegen ihrer «dialektischen Art».

Da hatte man schon ein wenig Angst bekommen, aber die verflog während der Vorführung von «In nome del popolo italiano» von Dino Risi aus dem Jahr 1971 ziemlich rasch. Eine bitterböse Anklage der Arroganz und der Fahrlässigkeit einer Wirtschaftselite, gespickt mit einer Eloquenz, dass man fast nicht mehr hinterherkam.

Den filmreifsten Dialog hörte man dann aber auf der Piazza, wo eine Tessinerin einen Husky ausführte, der aussah, als hätte man ihn dreimal zu oft gewaschen. Die deutsche Touristin fand ihn aber doch recht süss. «Wie heisst er denn?» – «Tre mesi!»

50 Titel aus der Locarno-Geschichte stellt aktuell der Schweizer Streamingservice Filmingo bereit.