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Überalterung in HollywoodDie Filmstars werden immer älter

Noch in den 80er-Jahren waren die kassenkräftigsten Schauspieler im Schnitt um die 30. Heute sind die Frauen fast 40, die Männer sogar über 50. Wie kommt das?

Harrison Ford schlüpft 2022 wieder in seine Paraderolle als Indiana Jones. Der US-Star wird dann 80 Jahre alt sein.
Harrison Ford schlüpft 2022 wieder in seine Paraderolle als Indiana Jones. Der US-Star wird dann 80 Jahre alt sein.
Foto: Keystone

Die britische Lästerzunge Ricky Gervais brachte es bei den letzten Golden Globes auf den Punkt. Bezüglich Quentin Tarantinos jüngstem Film und dessen Hauptdarsteller meinte er: «‹Once Upon a Time in… Hollywood› ist fast drei Stunden lang. Leonardo DiCaprio besuchte die Premiere, aber als der Film fertig war, war sein Date zu alt für ihn.»

Der veräppelte Star lachte artig in die Runde, man kennt ja seine Vorlieben. Aber was in jenem Moment weder dem 45-jährigen DiCaprio noch dem 59-jährigen Gervais bewusst gewesen sein dürfte, ist der Umstand, dass es die Hollywood-Stars selbst sind, die immer älter werden.

Wer regelmässig ins Kino geht, hat jedenfalls das Gefühl, dass ihm immer öfter Oldies vorgesetzt werden, die Filme «ziehen» müssen. Zuletzt war das so bei Robert Downey Jr. (55, «Dolittle»), bei Russell Crowe (56, «Unhinged»), demnächst bei Helen Mirren (75, «The Duke») oder beim unermüdlichen Actionhelden Tom Cruise (58, «Top Gun 2»).

Dieses Gefühl täuscht nicht. Die Stars sind heute tatsächlich älter als früher. Unsere Stichprobe – gezählt wurden die drei weltweit erfolgreichsten Filme im Zehnjahresabstand – ergab: Eine Hauptdarstellerin ist 2020 im Schnitt 37-jährig, also zehn Jahre älter als 1980. Ein Hauptdarsteller ist im Jahr 2020 durchschnittlich knapp 51, also fast zwanzig Jahre älter als 1980. Wie kam es dazu?

Best Ager waren im traditionellen Starsystem nicht vorgesehen

Was hilft, ist ein Blick zurück ins traditionelle Studiosystem Hollywoods. In diesem System, wie es bis in die Sechzigerjahre existierte, waren Best Ager, wie man Personen in der zweiten Lebenshälfte heute nennt, im Normalfall nicht vorgesehen.

Das damalige Starsystem sah vor, dass Schauspielerinnen und Schauspieler mit Mehrjahresverträgen an ein einzelnes Produktionshaus gebunden wurden. Das heisst, man wurde als junger Darsteller entdeckt, aufgebaut, bekam ein spezifisches Image verpasst, das von den Studios überwacht wurde – und wenn nach 10 bis 15 Jahren die nächste Generation nachrückte, war oft Schluss.

Stars von New Hollywood: Robert De Niro und Martin Scorsese am Set von «Taxi Driver» (1976).
Stars von New Hollywood: Robert De Niro und Martin Scorsese am Set von «Taxi Driver» (1976).
Foto: Getty Images

Diese Voraussetzungen änderten sich, als in den Siebzigern die jungen Wilden an die Macht drängten, also Regisseure wie Martin Scorsese oder Steven Spielberg, Schauspieler wie Robert De Niro oder Al Pacino. Sie prägten jenes Kino, das man New Hollywood nennt.

New Hollywood entstand aus einer Studiokrise (zu teure Monumentalfilme) und aus dem Geist der 68er. Inhaltlich probten De Niro und Co. die Auflehnung gegen die Väter, das kam bei den Jungen an. Mehrjahresverträge wurden durch «one picture deals» ersetzt, der Zwang, ein bestimmtes Studio zu repräsentieren, fiel weg.

Viele der einst blutjungen Selfmade-Stars aus den Siebzigern sind immer noch da.

Es war eine Zeit, die neue Möglichkeiten bot und in der sich No-Names à la Sylvester Stallone («Rocky») aus dem Nichts nach oben boxen konnten. Ironie der Geschichte: Viele dieser einst blutjungen Selfmade-Stars sind heute immer noch da.

Was sich ausserdem verändert hat, merkt man, wenn man wieder mal einen Film aus den Neunzigerjahren schaut. Bis in jene Zeit wurden mehrheitlich Originalfilme gedreht. Remakes oder Sequels (Fortsetzungen) gab es vereinzelt, bei der Rollenbesetzung für Blockbuster wurden auch aufstrebende Talente berücksichtigt.

Internationaler Durchbruch dank dem Action-Blockbuster «Speed» (1994): Keanu Reeves und Sandra Bullock.
Internationaler Durchbruch dank dem Action-Blockbuster «Speed» (1994): Keanu Reeves und Sandra Bullock.
Foto: Alamy Stock Photo

Zum Beispiel Keanu Reeves und Sandra Bullock («Speed»), Julia Roberts («Pretty Woman») oder Matthew McConaughey («A Time to Kill»). Das waren Schauspielerinnen und Schauspieler, die zuvor kaum jemand kannte. Und ja, neben den 70er- und 80er-Stars sind auch diese 90er-Jahre-Darsteller heute immer noch da.

Der Unterschied: Amerikanische Filme sind inzwischen ungleich teurer – unter anderem wegen der Spezialeffekte und den riesigen Werbebudgets für die Simultan-Vermarktung weltweit. Um das Risiko zu minimieren, begannen die Studios vermehrt auf bekannte Stoffe und Stars zu setzen. Die Folgen sind bekannt.

Hollywood lebt heute von Remakes und Sequels

Heute lebt Hollywood hauptsächlich von Remakes und Sequels. Originalfilme sind zur Ausnahmeerscheinung geworden, schauspielerische Entdeckungen gibt es seltener. Es sei denn, man hat das Glück, in der Adaption eines Buchbestsellers mitzuspielen wie Dakota Johnson («Fifty Shades of Grey») oder Kristen Stewart und Robert Pattinson («Twilight»).

Oder: Man wird von namhaften Filmschaffenden entdeckt. Timothée Chalamet (24) hat dank Christopher Nolan («Inception») eine Karriere. Saoirse Ronan (26) erhielt für ihre erste grössere Rolle in Joe Wrights «Atonement» auf Anhieb eine Oscarnomination.

Es besteht Hoffnung für den Nachwuchs – und ja, es gibt ihn noch. Allerdings unter anderen Voraussetzungen: Heute müssen sich Jungstars nicht nur gegen eine Elterngeneration, sondern gegen eine Gross- und Urgrosselterngeneration behaupten. Wer hätte das gedacht?

Das Kino und die Best Agers: Drei Trends

Die Veränderung im Alterssegment von Filmstars hat zu einer Umwälzung der gesamten Kinolandschaft geführt – sowohl aufseiten der Produktion wie aufseiten des Publikums. Drei Beispiele:

Reaktivierung von Stars

Comeback der einstigen Screamqueen: Jamie Lee Curtis in «Halloween» (2018), zwei weitere «Halloween»-Filme sind angekündigt.
Comeback der einstigen Screamqueen: Jamie Lee Curtis in «Halloween» (2018), zwei weitere «Halloween»-Filme sind angekündigt.
Foto: PD

Stars haben heute praktisch kein Verfallsdatum mehr, sie sind selbst nach jahrzehntelanger Pause oder Leinwandabsenz ein potenzieller Erfolgsfaktor, wenn sie wieder in ihre prägende Rolle schlüpfen. Zuletzt sah man das bei den Comebacks von Linda Hamilton (63, «Terminator: Dark Fate») oder Jamie Lee Curtis (61, «Halloween»).

Der Spezialist für Wiederaufnahmen ist Harrison Ford: Nachdem er jüngst in zwei «Star Wars»-Filmen und in «Blade Runner 2049» sein Rollen-Comeback gab, wird er 2022 auch den Indiana Jones nochmals spielen. Er wird dann 80-jährig sein.

Diversifizierung im Beruf

Wer als Star mehr Mitsprache bei seinen Rollen will, gründet seine eigene Firma. Brad Pitt und Jennifer Aniston taten das bereits 2001. Das Studio heisst Plan B, und von da kommen regelmässig ambitionierte Filme, die von grossen Hollywoodstudios vermarktet werden. Pitts grösster Erfolg: Er gewann mit «12 Years a Slave» (2014) seinen ersten Oscar – nicht als Schauspieler, sondern als Produzent. Inzwischen gehört es in Hollywood zum guten Ton, sein eigener Chef zu sein. So bekommt man auch im fortgeschrittenen Alter gute Rollen.

Massgeschneidertes für Senioren

Coole Seniorentruppe: James Garner, Clint Eastwood, Tommy Lee Jones und Donald Sutherland in «Space Cowboys».
Coole Seniorentruppe: James Garner, Clint Eastwood, Tommy Lee Jones und Donald Sutherland in «Space Cowboys».
Foto: PD

Auch das Kinopublikum wird älter, und diese Best Agers möchten natürlich keine Teeniekomödien vorgesetzt bekommen. Deshalb gibt es für dieses Alterssegment speziell zugeschnittene Filme. Einer der ersten, der das Potenzial erkannte, war Clint Eastwood. In «Space Cowboys» (2000) flog er zusammen mit drei grummligen Ex-Astronauten nochmals ins All. Heute sind augenzwinkernde Actionkracher und Wohlfühlfilme für Senioren ein fixer Bestandteil des Kinoprogramms.