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Arktische ÖkosystemeDie Fische schrumpfen

Pazifische Lachse werden von Jahr zu Jahr kleiner. Das bringt ganze Ökosysteme durcheinander.

Lachse in einem Bach bei Big Lake, Alaska.
Lachse in einem Bach bei Big Lake, Alaska.
Foto: Daniel Fuchs

Die Rückkehr der Lachse aus den Weiten des Pazifischen Ozeans in die Flüsse Alaskas ist in jedem Jahr ein Fest für die Natur und die Menschen. Bären, Vögel, Fischer – alle erwarten die Rückkehrer sehnsüchtig. Doch die Freude über manchen Fang ist getrübt. Statt der legendären «big whopper» von der Grösse eines Kindes beissen immer häufiger nur kleinere Fische an. Um dem Geheimnis der «schrumpfenden Lachse» auf die Spur zu kommen, stellten Biologen der University of Alaska in Fairbanks einen beispiellosen Datensatz aus den Archiven der Fischereibehörde zusammen.

Erfasst wurden darin die Masse von mehr als zwölf Millionen Lachsen, die in den vergangenen 60 Jahren gefangen und vermessen wurden. Um sicherzugehen, dass es sich nicht um ein lokales Problem handelt, wurden die Masse gleich vier verschiedener Lachsarten ausgewertet, die überdies an mehr als 1000 unterschiedlichen Orten des flächengrössten US-Bundesstaates gefangen wurden – vom gemässigten Regenwald bis hin zu arktischen Ökosystemen.

Der Befund der im Fachblatt «Nature Communications» veröffentlichten Mammutanalyse war über alle Regionen Alaskas eindeutig. Alle vier Lachsarten sind heute zum Zeitpunkt ihres Fangs deutlich kleiner als noch vor wenigen Jahrzehnten. Seit 2010 verschärft sich der Trend sogar noch. Am stärksten betroffen ist der offizielle Wappenfisch Alaskas, der Königslachs (engl.: Chinook Salmon). Fische dieser Art sind heute bei ihrem Zug in die Laichgewässer im Durchschnitt um 8 Prozent kürzer als noch vor 1990. Auch Keta- (Chum Salmon), Rot- (Sockeye Salmon) und Silberlachs (Coho Salmon) verloren binnen weniger Jahrzehnte 2,5 bis 3,5 Prozent an Körperlänge.

Die Fische kehren jünger in die Flüsse zurück

Dass der Klimawandel, der in der Arktis besonders ausgeprägt ist, zum Schrumpfen von Organismen beiträgt, ist von vielen Tiergruppen bekannt. Vögel, Säugetiere und auch Fische passen sich so physiologisch an die wärmere Umgebung an. Für das «Schrumpfen» der Lachse ist nach Einschätzung der Forscher aber ein anderes Phänomen verantwortlich: Sie fanden heraus, dass die Fische immer jünger und damit nicht voll ausgewachsen aus dem Ozean zum Laichen in die Flüsse zurückkehren.

Normalerweise verbringen Arten wie der Königslachs bis zu sieben Jahre in den Weiten des Ozeans, bevor sie über Tausende Kilometer wieder in die Nähe ihres Geburtsorts zurückkehren, um ihre Eier abzulegen und zu sterben. Heute machten sich die meisten Fische schon mit vier Jahren auf den Weg, berichtet Studien-Co-Autor Peter Westley. Selbst in den für ihren Lachsreichtum weltberühmten Flüssen wie dem Yukon fänden sich kaum noch Fische hohen Alters. Doch warum kehren die Lachse viel zu früh zurück und verringern so auch ihre eigene Lebenszeit um Jahre?

Hier kommt der Klimawandel doch noch ins Spiel. Mit den steigenden Wassertemperaturen beobachten Wissenschaftler seit den 1990er-Jahren teilweise spektakuläre Wachstumsraten einiger Lachsbestände im Nordpazifik und in der Beringsee. Es wird vermutet, dass die klimabedingte Wassererwärmung über eine Vermehrung der Plankton-Nahrung die ökologischen Bedingungen für einige Lachsarten verbessert hat.

Ausgesetzte Buckellachse konkurrieren um Nahrung

Besonders stark vom Klimawandel profitierte der Buckellachs (Humpback Salmon). Ausgerechnet Millionen nachgezüchteter Jungfische dieser Art werden zudem Jahr für Jahr von der Fischindustrie in Alaska und Asien ausgesetzt, was zu dessen weiterer Dominanz und zu noch mehr Nahrungskonkurrenz für andere Lachsarten führt. Buckellachse werden von der Industrie besonders geschätzt, weil sie einen nur zweijährigen Lebenszyklus haben und somit ökonomisch lukrativer sind als Lachse mit längeren Zyklen. «Die Zahl der Buckellachse im Nordatlantik ist auf einem historischen Höchststand und die Nahrungskonkurrenz zu anderen Arten entsprechend hoch», stellt Studien-Co-Autor Eric Palkovacs fest.

Für die weniger gut angepassten Lachsarten erhöhe unter diesen Bedingungen jedes zusätzliche Jahr im Gedränge des Ozeans das Risiko, nicht genügend Nahrung zu finden und noch vor der Laichwanderung zu sterben. Die natürliche Auslese bevorzuge deshalb offenbar immer stärker die Entscheidung zugunsten eines verfrühten Abzugs in die Laichgebiete, vermutet der Evolutionsbiologe Palkovacs. «Es sieht so aus, als würde der Ozean zu einem riskanteren Ort.»

Die Folgen dieser Flucht aus dem Ozean für Mensch und Umwelt sind gross, denn wenige andere Tierarten haben einen so bestimmenden Einfluss auf die Ökologie, aber auch auf die Traditionen und die Wirtschaft in Alaska wie die Pazifiklachse. Die Fische sind Grundnahrungsmittel vieler indigener Gemeinschaften in Alaska und Kanada, sie locken Touristen an, und ihr kommerzieller Verkauf generiert jährliche Erlöse im dreistelligen Millionenbereich.

Auch auf ganze Ökosysteme wirkt sich der Grössenverlust der Lachse aus. Bären, viele Vogelarten, Insekten und selbst Bäume sind auf die Lachse angewiesen. «Lachse steigen nach Jahren im Ozean in diese kleinen Bäche auf, und ob sie von anderen Tieren gefangen werden oder nach dem Laichen sterben, als Nährstoffe werden sie bis in die Wälder und Süsswasser-Ökosysteme übertragen», sagt Palkovacs. «Das ist eine klassische Ökosystemleistung der Lachse, und die Menge der Nährstoffe, die sie liefern, hängt von ihrer Körpergrösse ab.»