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Besuch bei Swiss Tennis in BielDie grosse Geduldsprobe – und eine Spitze gegen Federer

Im Nationalen Leistungszentrum in Biel wird wieder voll trainiert. Die Fed-Cup-Spielerinnen und besten Junioren erinnern an Rennpferde, die endlich wieder in die Startbox wollen.

Endlich wieder Tennis, auch wenn es nur ein Trainingsspiel ist: Die Zürcherin Viktorija Golubic geht in Biel tief in die Knie.
Endlich wieder Tennis, auch wenn es nur ein Trainingsspiel ist: Die Zürcherin Viktorija Golubic geht in Biel tief in die Knie.
Foto: Christian Pfander/Tamedia AG

Ass, Vorhandwinner, Stoppball – Game. Jil Teichmann ballt die Faust. Kurz darauf muss sie selber einen Aufschlag ihrer Fed-Cup-Kollegin Stefanie Vögele passieren lassen. Auf dem Court nebenan üben Dominic Stricker und der Davis-Cup-Spieler Jakub Paul derweil intensiv, auf stark unterschnittene Rückhandbälle mit einer Longline-Vorhand zu kontern. Auf den sieben Freiluftplätzen des Swiss-Tennis-Leistungszentrums in Biel gleich beim Fussball- und Eishockeystadion wird an diesem Dienstag unter der strahlenden Junisonne hart gearbeitet. Das Niveau gefällt, die Motivation ist spürbar.

Fast nichts erinnert auf den ersten Blick noch an die Corona-Krise, wegen der die gesamte Anlage vom 17. März bis zum 11. Mai geschlossen blieb. Auf den zweiten allerdings schon: Bevor sie morgens auf den Platz dürfen, wird bei allen Athleten Fieber gemessen. Immer wieder kommen Desinfektionsmittel zum Einsatz, Handshakes sind tabu, statt in Doppel- wohnen die hier lebenden Talente in Einzelzimmern, und alle Mahlzeiten werden im Restaurant eingenommen, wo mehr Platz zur Verfügung steht als oben in der Gemeinschaftsküche mit Esszimmer.

Auch in den Gesprächen am Rand der Courts ist die Pandemie noch omnipräsent. Keiner weiss richtig, wie und wann es weitergeht, wann wieder internationale Einsätze möglich sind. «Man fühlt sich schon ein wenig wie in einem Wartesaal», sagt Jil Teichmann – und das in einem Bahnhof, in dem keiner weiss, wann der nächste Zug fährt. «Aber noch härter waren die ersten acht Wochen. Immerhin können wir jetzt aktiv warten und an unserem Tennis arbeiten», sagt die zweifache Turniersiegerin und Weltnummer 63.

«Das normale Leben» kennen gelernt

Bis Ende Juli sind die internationalen Circuits ausgesetzt. «Uns wurde von der WTA-Tour gesagt, dass es Anfang August weitergeht», sagt Viktorija Golubic. Auch die 27-jährige Zürcherin trainiert momentan regelmässig in Biel, meistens mit Teichmann. Die Bielerin wohnt inzwischen in Zug und hat ihre Trainingsbasis in Barcelona bei ihrem Coach Alberto Martin, wegen der Einschränkungen kann sie aber zurzeit nicht in Spanien trainieren und ist auf Telefon-Coaching angewiesen.

Wie Belinda Bencic, die momentan die Zeit bei ihrem Freund in Bratislava verbringt, sehen auch Teichmann, Vögele und Golubic gute Seiten an dieser Zwangspause. «Acht Wochen ohne Tennis hatte ich noch gar nie», sagt Teichmann, als 22-Jährige die jüngste der drei Fed-Cup-Spielerinnen in Biel. «Positiv war, dass ich einmal das normale Leben kennen lernen konnte, nicht immer unter Stress stand.» Aber sie wolle nicht alles beschönigen: «Die Situation war ungewohnt und gelegentlich hart.»

Posieren in einer Trainingspause: Die Fed-Cup-Spielerinnen Stefanie Vögele, Jil Teichmann und Viktorija Golubic (von links) im Leistungszentrum von Swiss Tennis in Biel.
Posieren in einer Trainingspause: Die Fed-Cup-Spielerinnen Stefanie Vögele, Jil Teichmann und Viktorija Golubic (von links) im Leistungszentrum von Swiss Tennis in Biel.
Foto: Christian Pfander/Tamedia AG

Auch Viktorija Golubic (WTA 123) genoss es, nicht immer packen und gleich wieder abreisen zu müssen, länger zu Hause zu sein und «einen vollen Kühlschrank zu haben». Die Aargauerin Stefanie Vögele (109) verfeinerte derweil ihre Kochkünste und nutzte die Gelegenheit, «wieder mal richtig aufzuräumen». Als verlorene Zeit betrachte sie diese Wochen nicht, sagt Golubic. «Es gibt immer etwas zu verbessern und zu entwickeln.» Ehe sie anfügt: «Ich will keine Namen nennen, aber ich fühle mich nicht als Top-10-Spielerin, habe nicht 37 Grand-Slam-Turniere gewonnen und muss nicht mehr trainieren.» Angesprochen ist Roger Federer, der erklärt hatte, er sehe momentan keinen Sinn darin, zu trainieren. «Ich glaube, dass sich alles, was man investiert, irgendwann auszahlt», so Golubic.

Zur Geduldsprobe wurde die abrupt unterbrochene Saison 2020 auch für die ältesten Schweizer Junioren, von denen gleich vier in den Top 25 der Weltrangliste stehen. «Es war zuerst schon ein Schock», sagt der Berner Stricker, als Nummer 10 momentan am besten klassiert. «Inzwischen versuchen wir längst, daraus das Beste zu machen. Es geht ja allen gleich.» Während Jérôme Kym auch 2021 noch bei den Junioren antreten kann, werden Stricker, Leandro Riedi und Jeffrey von der Schulenburg um die Chance gebracht, wertvolle Erfahrungen zu sammeln an den Junioren-Grand-Slam-Turnieren (sollte das US Open stattfinden, gäbe es voraussichtlich keine Juniorenwettbewerbe).

Fischen und «Brändi Dog»

«In dieser Zeit lernte ich dafür viele Sachen für das normale Leben», sagt Stricker. Erstmals habe er Verantwortung übernehmen und allein trainieren müssen, ohne dass ihn stets jemand antreibe. Andererseits genoss er die Zeit mit der Familie in Grosshöchstetten. Das Fischen auf dem Thunersee oder die Spielabende beim «Brändi Dog», einer Art «Eile mit Weile». «Für uns Junioren ist es nicht so schwierig wie für die Erwachsenen, die Motivation zu behalten», sagt Stricker, der auf einen KV-Abschluss hinarbeitet. «Immerhin haben wir ja noch alles vor uns.» Schon übernächste Woche kann er wieder nationale Turniere bestreiten, im Sommer wird er dann gleich in zwei Interclub-Mannschaften antreten: mit dem TC Thun in der NLB, danach mit Seeblick in der NLA. «Das Wettkampfgefühl fehlt mir am meisten», sagt Stricker.

Dominic Stricker, der bestklassierte Schweizer Junior und Nummer 10 der Juniorenweltrangliste, zieht die Vorhand voll durch: Der Berner Linkshänder trainiert und wohnt im Nationalen Leistungszentrum.
Dominic Stricker, der bestklassierte Schweizer Junior und Nummer 10 der Juniorenweltrangliste, zieht die Vorhand voll durch: Der Berner Linkshänder trainiert und wohnt im Nationalen Leistungszentrum.
Foto: Christian Pfander/Tamedia AG

Dass der Tennis-Alltag bald wieder zurückkehrt, danach sehnen sich alle. Für die Berufsspielerinnen geht es aber auch um finanzielle Fragen. «Wir leben vom Tennis, aber momentan kommt nichts rein», sagt Teichmann. «Die meisten Sponsorenverträge haben Leistungsklauseln, und neue Sponsoren finden sich momentan nicht.» Zwar habe sie auch weniger Ausgaben, «aber Wohnung, Versicherung, Essen und das ganze Team muss man ja trotzdem bezahlen».

«Etwas, das Federer nicht kennt»

Golubic wünscht sich, dass wenigstens das in den Herbst verschobene French Open noch stattfinden kann. Allzu grosse Hoffnungen mache sie sich aber nicht, «sonst bin ich nur enttäuscht». Wie Jil Teichmann hat auch sie dieses Jahr lernen müssen, Tag für Tag zu nehmen, Woche für Woche. «Vor drei Monaten war ja auch noch unvorstellbar, dass die ganze Welt zum Stillstand kommt», sagt Teichmann.

 Biel statt Barcelona: Jil Teichmann kann wegen der Restriktionen in der Corona-Pause zurzeit nicht in Spanien bei ihrem Coach trainieren.
Biel statt Barcelona: Jil Teichmann kann wegen der Restriktionen in der Corona-Pause zurzeit nicht in Spanien bei ihrem Coach trainieren.
Foto: Christian Pfander/Tamedia AG

Golubic könnte allenfalls auch damit leben, ohne Zuschauer zu spielen, was für Teichmann eine schreckliche Vorstellung ist. «An WTA-Turnieren spielen wir manchmal auch Matchs vor 20 oder 100 Leuten», begründet die Zürcherin. Und erneut wandern ihre Gedanken zu Federer, der kürzlich erwähnte, er würde lieber gar nicht als vor keinen Zuschauern antreten. «Das ist halt etwas, das er nicht kennt. Für einen Topspieler wie ihn muss das eine Katastrophe sein.»

Doch nun müssen die beiden weiter. Auf die Bielerin wartet das Mittagessen, auf die Zürcherin das Konditionstraining.