Zum Hauptinhalt springen

Aus Angst vor CoronaDie Junioren monatelang im Stadion einquartiert

Lagerkoller statt Bubentraum: Die Spieler eines kanadischen Eishockey-Juniorenteams wurden in den Logen ihres Heimstadions einquartiert – auf Dauer.

Eine Loge, zum Schlafzimmer umfunktioniert: Die temporäre Heimat der Juniorenspieler in Red Deer.
Eine Loge, zum Schlafzimmer umfunktioniert: Die temporäre Heimat der Juniorenspieler in Red Deer.
Foto: Red Deer Rebels

Zero Covid ist aktuell die einzige Erfolg versprechende Strategie für Sportevents ohne Störmanöver des Virus. Die beste Eishockeyliga NHL schaffte es im Herbst 2020 während ihres Playoffs in zwei Blasen (Edmonton, Toronto), ohne eine einzige Ansteckung durchzukommenalle 33’394 Tests fielen negativ aus. Das Australian Open, das einem an den ersten fünf Turniertagen mit seinen Zuschauermassen vorkam wie von einem anderen Planeten, strebt auch die Null an. Doch der Aufwand ist beträchtlich. Die NHL kasernierte die Spieler bis zu zwei Monate, das Gestöhne der Tenniscracks während ihrer zweiwöchigen Quarantäne vor dem Turnierstart war unüberhörbar. Nun geht Melbourne wegen einiger Fälle ausserhalb der Tennisblase erneut in einen Lockdown.

Der Alltag in der «normalen» Sportwelt ist ein anderer. Man hat sich an die Ansteckungen und das Stop-and-go gewöhnt, täglich werden Spiele verschoben. Eishockey hat sich dabei besonders anfällig gezeigt auf Covid-19. Selbst die NHL, in der jedes Team vier bis sechs zusätzliche Spieler mitführt, ist nun ohne Abschottung von der Aussenwelt vor Spielabsagen nicht gefeit. Vergangene Woche begann auch die Farmliga AHL mit ihrer Saison, wobei es drei Teams (Charlotte, Milwaukee, Springfield) vorzogen, gar nicht anzutreten.

Wildwuchs bei den Junioren

In den drei grossen Juniorenligen in Nordamerika herrscht derweil ein Wildwuchs: Die Québec Major Junior Hockey League (QMJHL) schickte sich mutig an, bereits im Oktober zu starten. Doch der Versuch mündete im Chaos: Im November zogen sich sieben Teams für zwei Wochen in eine Blase in Québec City zurück, um weiterspielen zu können. Im Dezember pausierte die Liga ganz. Wer wann spielen darf, ist von Provinz zu Provinz unterschiedlich.

Die Ontario Hockey League (OHL) wartet noch ab. Die Western Hockey League (WHL) steigt ab dem 26. Februar in eine Minisaison mit 24 Spielen. Und da liessen sich die Red Deer Rebels, gelegen zwischen Calgary und Edmonton, etwas Originelles einfallen: Weil sie befürchten, dass sich die jungen Spieler in ihren Gastfamilien (oder im Ausgang) mit dem Coronavirus anstecken könnten, müssen oder dürfen diese im Stadion schlafen.

Da in dieser Saison ohnehin keine Zuschauer zugelassen sind, wurden die Teenager in den 40 Logen des Westerner Park Centrium einquartiert. Natürlich wurden die Mieter der Logen, die von diesen derzeit herzlich wenig haben, gefragt, ob das für sie okay sei. Das Stadion fasst 7111 Zuschauer, ist von der Grösse also vergleichbar mit der Zuger Bossard-Arena.

TV, Wi-Fi, Pingpong, Basketball

«Die Kids sind begeistert», sagte Headcoach, General Manager und Besitzer Brent Sutter dem «Red Deer Advocate». Die Logen wurden alle mit Betten ausgestattet, welche zu einem grossen Teil die Gastfamilien zur Verfügung stellten. Da die Logen zur Eisfläche hin offen sind, lässt die Privatsphäre indes wohl etwas zu wünschen übrig. Zur Zerstreuung wurden Gemeinschaftsräume konzipiert mit Fernsehern, Tischen, Sofas, Pingpongtischen und Basketballkörben. Natürlich funktioniert überall das Wi-Fi. Auch an ein Studienzimmer für die jungen Athleten wurde gedacht. Ihr Essen nehmen sie ebenfalls in der Arena ein.

Klingt nach Spass, könnte aber auf Dauer etwas monoton werden. Zumal die Juniorenteams nur am Wochenende spielen, die Regular Season also zwischen zwei und drei Monate dauern dürfte und Aussenkontakte verboten sind. Die Spieler der Rebels würden jede Nacht in ihrem Heimstadion schlafen, auch nach Partien auf fremdem Eis, bestätigt der Club auf Anfrage. Das Team reist für seine Auswärtsspiele am Matchtag mit dem Bus anund danach direkt wieder zurück. Calgary und Edmonton sind rund eineinhalb Fahrstunden entfernt, Lethbridge und Medicine Hat gut vier. Gespielt wird momentan nur innerhalb der westkanadischen Provinz Alberta.

Besorgter NHL-Saurier

Er habe sich Sorgen gemacht um die mentale Gesundheit der Kids, sagte Sutter, ein Mann mit reicher NHL-Vergangenheit. Er habe befürchtet, dass sich die jungen Spieler in ihren Gastfamilien die ganze Zeit in ihren Zimmern aufhalten müssten, um das Ansteckungsrisiko zu verringern. Das könne sehr langweilig werden. Deshalb die Idee mit dem Stadion als temporärer Heimat. Und natürlich hat man die Spieler so gut unter Kontrolle.

25 Teenager in einer Hockeyarena, Tag und Nacht, während mehrerer Monate. Man darf gespannt sein, wie dieses Experiment herauskommt. Die Corona-Pandemie schreibt immer wieder Geschichten, die sich niemand hätte ausdenken können.