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Reportage aus MoriaDie Katastrophe, die nicht enden will

Die Flüchtlinge auf Lesbos werden nach dem Feuer im Lager Moria von allen alleingelassen. Den Bewohnern der griechischen Insel geht es ähnlich.

Nachdem die Flüchtlinge durch das Feuer aus dem Camp vertrieben wurden, leben viele von ihnen auf der Strasse oder wie hier auf Parkplätzen.
Nachdem die Flüchtlinge durch das Feuer aus dem Camp vertrieben wurden, leben viele von ihnen auf der Strasse oder wie hier auf Parkplätzen.
Foto: Getty Images

Im Schatten eines Olivenbaums sitzt Ibrahim Mohamed Hassan auf einer Matte und erzählt von seinem früheren Leben. Er war mal Fernsehjournalist, leitete einen grossen somalischen Sender, Universal TV, berichtete über Krieg und Terror in seinem Land. «Hier, das bin ich», sagt er und zeigt ein Video auf seinem Handy: Da steht er mit Helm und schusssicherer Weste und redet in die Kamera, während es um ihn herum kracht. Ein anderes Video zeigt ihn auch, diesmal im Sakko, als Botschafter einer Hilfsorganisation verteilt er Geldscheinbündel an Flüchtlinge in Somalia.

Jetzt ist Ibrahim Mohamed Hassan 41 Jahre alt und sitzt hier, auf einer Bastmatte am Rand eines abgebrannten Elendslagers in der Europäischen Union, am Kopfende eine Plastiktüte mit ein paar Hemden und einem zweiten Paar Schuhe. «Das ist nicht das», sagt er, «was ich erwartet habe.»

«Als Afrikaner bist du hier der Sklave», sagt Ibrahim Mohamed Hassan, der in seiner Heimat Somalia als Journalist arbeitete.
«Als Afrikaner bist du hier der Sklave», sagt Ibrahim Mohamed Hassan, der in seiner Heimat Somalia als Journalist arbeitete.
Foto: Tobias Zick

Gleich gegenüber ist der Eingang von Moria – oder das, was vom Lager übrig geblieben ist. Die stählernen Container, in denen die Menschen bis vor einer Woche noch dicht gedrängt lagen, reihen sich wie riesige, zertretene Dosen den Hügel hinauf, hier und da ragt ein Metallgerippe heraus, es sind die Reste von Etagenbetten. Am schwersten hat es das «Erstaufnahmezentrum» erwischt: Neben dem Schild von Frontex, der Agentur zum Schutz von Europas Grenzen, klafft eine Tür, dahinter stapelt sich angekokelter Schrott. Allein das Skelett eines Flachbildschirms steht noch da, ein letzter Rest europäischer Asylbürokratie. Überall stinkt es nach Rauch.

Das Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos existiert nicht mehr. Von einem Ort, der schon vorher lebensfeindlich war, sind nur Trümmer geblieben.

Die Menschen haben ja nicht nur innerhalb dieser Stacheldrahtzäune gehaust, sondern auch ringsherum, unter den Olivenbäumen, an der Strasse, am Abwassergraben. Ein paar Farbtupfer sind zu sehen. Ein Pullover in Regenbogenfarben. Eine Puppe mit herausgerissenen Beinen. Drei dürre Katzen kuscheln sich auf geschmolzenen Plastikflaschen.

Die Hölle auf Erden wurde Moria schon vor Monaten genannt.

Zwei Polizisten brüllen den Hang herab: «Hey! Go, go!» Zwei Buben, die gerade dabei waren, in den Trümmern zu wühlen, rennen davon.

Die Hölle auf Erden wurde Moria schon vor Monaten genannt. Da fehlte nur noch das neuartige, hochansteckende Coronavirus. Ein Somalier soll den Erreger Anfang September ins Lager gebracht haben, nach ein paar Tagen waren 35 Flüchtlinge positiv getestet. Am vergangenen Dienstagabend gegen 22 Uhr frassen sich die Flammen dann von mehreren Seiten heran. Keine Toten, immerhin. Die nächste Nacht brannte es wieder und am Nachmittag darauf noch einmal. Nichts sollte hier übrig bleiben.

Einige Flüchtlinge leben nun auf dem Gelände eines verlassenen Gebäudes in Moria.
Einige Flüchtlinge leben nun auf dem Gelände eines verlassenen Gebäudes in Moria.
Foto: Reuters 

Ein Somalier also soll schuld am Virus sein? Ibrahim Mohamed Hassan wundert sich unter seinem Olivenbaum auch darüber nicht mehr. «Wir waren hier schon immer die Allerletzten», sagt er, «als Afrikaner bist du hier der Sklave.» Er deutet auf die Schwellung an seinem Wangenknochen: ein Afghane, sagt er, der wollte sein Handy. «Die sind wie eine Mafia, die kommen zu fünft oder zu zehnt, und sie sagen dir: ‹Setz dich hin. Africa, sit down.› Dann musst du rausrücken, was sie wollen. Die Polizisten helfen dir kein Stück, die haben selber Angst vor denen.» Wo die 35 Corona-Positiven sind, weiss er nicht, so wie niemand auf der Insel, auch nicht die Ärzte.

Ibrahim Mohamed Hassan erzählt jetzt, dass ihn 2009 die islamistische Terrormiliz al-Shabaab entführt habe, er sei wieder freigekommen, gegen 18’000 Dollar Lösegeld. Danach flüchtete er nach Uganda, nach Kenia, lebte eine Weile in Hongkong. Als sein Vater schwer krank wurde, ging er zurück nach Somalia, arbeitete wieder als Fernsehjournalist. Und wieder erhielt er Morddrohungen von al-Shabaab. Vor gut einem Jahr zahlte er deshalb 4000 Dollar an einen «Broker», wie er den Schleuser nennt, für ein Geschäftsvisum für die Türkei, gültig für einen Monat. Direktflug Mogadiscio–Istanbul mit Turkish Airways, 13 Tage später mit dem Boot von Izmir nach Lesbos, noch mal 1200 Dollar.

Das Foto kam per Whatsapp, unbekannte Nummer

Seine Frau und die fünf Kinder blieben in Mogadiscio, immer wieder werden sie seitdem von Al-Shabaab-Milizionären angerufen: Wo ist er denn hin, dein Mann, der Verbrecher? Na, ist euer Papa immer noch nicht zu Hause? Einmal habe ihn hier in Moria jemand fotografiert, erzählt er, aus der Menge heraus, später bekam er das Bild per Whatsapp geschickt, unbekannte Nummer. Als er sie anrufen wollte, ging niemand ran. Hat al-Shabaab auch Leute hier im Camp?

Im Juni hatte er dann wieder Hoffnung, endlich, sein Antrag auf Asyl wurde bewilligt, er durfte Moria verlassen, fuhr mit der Fähre nach Athen. Dort aber strandete er, wie viele andere anerkannte Flüchtlinge auch, auf dem Viktoria-Platz, schlief vor der Kirche. Keine Wohnung, kein Geld, und einen Ausweis könne man ihm in Athen auch nicht ausstellen, hätten sie ihm auf dem Amt gesagt. Dafür müsse er zurück nach Lesbos. So landete er wieder hier und wartete auf seinen Termin auf dem Amt.

«Sie sind in unsere Häuser eingebrochen, sie haben unsere Gärten geplündert, sie haben unsere Tiere gestohlen.»

Einheimischer aus Moria

Ein Stück weiter, die Strasse hinauf, haben Einheimische aus dem Dorf Moria eine Blockade errichtet, sie haben zwei Lastwagen quer auf die Strasse gestellt und davor zur Sicherheit noch eine Planierraupe geparkt. Sie wollen verhindern, dass die Regierung hier ein neues Lager baut, sie wollen, dass die Flüchtlinge verschwinden. «Presse, haut ab», ruft einer, «ihr seid doch alle gleich. Ihr interessiert euch nur für Flüchtlinge, nicht für uns!» Seit Jahren leide man unter denen, ruft ein anderer, «sie sind in unsere Häuser eingebrochen, sie haben unsere Gärten geplündert, sie haben unsere Tiere gestohlen. Und jetzt behaupten sie auch noch, wir hätten die Feuer gelegt.»

Wer die Brandstifter waren, werde noch ermittelt, heisst es einerseits aus der Regierung in Athen. Andererseits hat ein Sprecher dieser Regierung schon sehr klar gemacht, wen sie für die Schuldigen hält: «Sie dachten, wenn sie Moria in Brand setzen, könnten sie einfach die Insel verlassen. Wir sagen ihnen klipp und klar: Das können sie vergessen.»

Die Polizisten und Soldaten schauen entspannt zu

Die Flüchtlinge, die später an diesem Nachmittag auf die Mauer aus Polizeibussen zumarschieren, machen nicht den Eindruck, als hätten sie sich mit dieser Botschaft abgefunden. Es sind einige Dutzend. «Freiheit», rufen sie, auf ihren Transparenten steht: «Moria tötet alle» und «Wir wollen nicht eingesperrt werden». Einer hält sein Baby in die Luft, die anderen gehen in die Knie, trommeln mit leeren Plastikflaschen auf den Asphalt. Eine wütende, aber kleine Menschenmenge, die Polizisten und Soldaten schauen entspannt zu. Am nächsten Vormittag allerdings, an derselben Stelle, gibt es kein Durchkommen mehr.

Ein paar Hundert Meter ausserhalb der Polizeisperre sitzt eine junge Frau mit hellen Augen am Tisch eines Strandcafés. Efstratia Michelli lebt in einem Dorf nahe dem abgebrannten Flüchtlingslager. Sie arbeitet als Koordinatorin für eine kleine einheimische Hilfsorganisation, eigentlich sollte sie jetzt auf der Strasse bei den Gestrandeten sein, aber die Behörden lassen sie nicht hinein.

Sie hätte an diesem Morgen beinahe ihr Haus nicht verlassen, wieder haben Einheimische Strassen blockiert, «sie kennen mich», sagt sie. «Manchmal fährt jemand mit dem Motorroller ganz nah an mir vorbei und fixiert mich, wie um mir zu sagen: ‹Wir haben dich genau im Blick.›» Efstratia Michelli steckt, wie viele Inselbewohner, in einem Dilemma: Als 2015 die ersten Flüchtlinge strandeten, hat so ziemlich jeder geholfen, mit Wasser, Decken, Essen. «Insel der Solidarität» wurde Lesbos genannt. Aber schon nach ein paar Monaten fingen Taxifahrer an, den Flüchtlingen höhere Preise zu berechnen als Einheimischen. «Und inzwischen sagen viele einfach nur noch: ‹Die Flüchtlinge müssen weg von hier, alle, egal wie.›»

Efstratia Michelli arbeitet als Koordinatorin für eine kleine einheimische Hilfsorganisation und steckt, wie viele Inselbewohner, in einem Dilemma.
Efstratia Michelli arbeitet als Koordinatorin für eine kleine einheimische Hilfsorganisation und steckt, wie viele Inselbewohner, in einem Dilemma.
Foto: Tobias Zick

Sie verstehe den Frust teilweise, sagt Michelli, zwei ihrer Cousins seien bestohlen worden, Schafe und Schweine seien von ihren Feldern verschwunden. Und natürlich müssten die anderen europäischen Länder helfen, natürlich sei es untragbar, dass viele Tausende Flüchtlinge auf einer Insel am Rand der EU festsitzen. «Aber ich sage den Leuten in meiner Nachbarschaft auch: Meine Urgrossmutter musste damals aus der Türkei fliehen; was ist, wenn wir selber aus irgendeinem Grund die Flüchtlinge von morgen sind? Wollen wir dann so behandelt werden?»

Draussen an der Strasse liegen die Somalier noch immer auf ihren Matten unter den Olivenbäumen. Eine dänische Hilfsorganisation hat ihnen Wasser und Nudeln mit Sauce in Plastikschalen gebracht. Aber wo ist Ibrahim Mohamed Hassan, der Fernsehjournalist? «Er ist gegangen», sagt einer. «Er hat gesagt, er wolle in das neue Lager.» Das neue Lager, wirklich? Gestern sagte er noch, da wolle er auf keinen Fall hin.

«Bislang keine Afghanen, immerhin.»

Die Polizei hat den Eingang zum neuen Lager abgesperrt, es gibt kein Durchkommen. Man kann aber zusehen, wie alle paar Minuten eine Familie mit ihren Decken und Bündeln von Frauen und Männern in weissen T-Shirts in Empfang genommen wird. Wie Laster und Bagger in Tarnfarben das Feld für weitere Zelte ebnen. «Ich darf nicht raus», sagt Ibrahim Mohamed Hassan am Telefon. Er musste seine Papiere abgeben, jetzt sitzt er in einem Zelt mit sieben anderen Leuten, Kongolesen, Syrer, «bislang keine Afghanen, immerhin».