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Zehn Jahre nach dem TsunamiDie Katastrophe von Fukushima im Vorher-nachher-Vergleich

2011 schockierte das Tohoku-Beben in Japan die Welt. Bis heute leiden die Menschen an den Folgen.

Überlebende gedenken nach der Katastrophe der Opfer des Tsunamis.
Überlebende gedenken nach der Katastrophe der Opfer des Tsunamis.
Foto: Keystone
Eine Frau besichtigt die Gedenktafel für die Opfer des Tohoku-Bebens in Namie.
Eine Frau besichtigt die Gedenktafel für die Opfer des Tohoku-Bebens in Namie.
Foto: Yuichi Yamazaki (Getty Images)
Zwei Schwestern beten für ihre verstorbenen Verwandten im Hafen von Miyako.
Zwei Schwestern beten für ihre verstorbenen Verwandten im Hafen von Miyako.
Foto: AP/Kyodo/Keystone
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Mit stillem Gedenken, Gebeten, Blumen und auch vielen Tränen haben Menschen in Japan der Opfer der verheerenden Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe vor zehn Jahren gedacht.

Um 14.46 Uhr Ortszeit (6.46 Uhr MEZ) legten sie am Donnerstag bei einer staatlichen Gedenkzeremonie in Tokio sowie an vielen anderen Orten eine Schweigeminute ein. Zu dem Zeitpunkt hatte am 11. März 2011 das Erdbeben die Region Tohoku im Nordosten Japans erschüttert.

Eine gigantische Flutwelle bäumte sich damals an der Pazifikküste auf und walzte alles nieder: Ganze Städte, Dörfer und riesige Anbauflächen versanken in den Wasser- und Schlammmassen. Rund 20’000 Menschen riss die Flut in den Tod.

Die Welle kommt: Die Schutzmauer im Hafen von Miyako wird von den gewaltigen Wassermassen überspült.
Die Welle kommt: Die Schutzmauer im Hafen von Miyako wird von den gewaltigen Wassermassen überspült.
Foto: Kyodo/AP/Keystone

In Fukushima kam es in der Folge im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi zu einem Super-Gau. Er wurde in aller Welt zum Sinnbild der «3/11» genannten Dreifach-Katastrophe als Folge von Erdbeben, Tsunami und Atomunfall – auch wenn keiner der Todesfälle auf die radioaktive Strahlung zurückgeführt wird.

Nach dem schweren Reaktorunfall im März 2011 steigt über dem zerstörten Block 3 des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi Rauch auf.
Nach dem schweren Reaktorunfall im März 2011 steigt über dem zerstörten Block 3 des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi Rauch auf.
Foto: Keystone

Rund 2500 der Opfer werden offiziell weiter als vermisst geführt. Polizisten, die Küstenwache und Freiwillige setzten die regelmässige Suche nach ihren Überresten am zehnten Jahrestag der Katastrophe fort, denn für Japaner können die Seelen nicht eher ruhen.

Auch ausländische Politiker und Prominente gedachten der Katastrophe in Japan. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron würdigte «den Geist des Widerstands und der Standhaftigkeit» des japanischen Volkes. Die Sängerin Lady Gaga sagte, die «Widerstandsfähigkeit» der Japaner biete «Hoffnung im globalen Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie».

Schwierige Aufräumarbeiten: Im Hafen von Otsuchi in der Präfektur Iwate kam ein Schiff auf einem Hausdach zum Stehen.
Schwierige Aufräumarbeiten: Im Hafen von Otsuchi in der Präfektur Iwate kam ein Schiff auf einem Hausdach zum Stehen.
Foto: Kimimasa Mayama (EPA/Keystone)

Der Wiederaufbau trete jetzt in die letzte Phase, erklärte der japanische Ministerpräsident Yoshihide Suga während der Gedenkfeier im Nationaltheater von Tokio, die wegen der Corona-Pandemie kleiner ausfiel.

Es war die letzte zentrale staatliche Gedenkfeier in dieser Form. Der Staat werde die Unterstützung für die Katastrophenregion fortsetzen und bemühe sich um schnelle Rückkehr der Bewohner in den vom Super-Gau betroffenen Gebieten, sagte Suga.

Die vom Tsunami zerstörte Stadt Rikuzentakada (Iwate) direkt nach der Flutwelle und rechts die Situation sieben Monate später (September 2011).
Die vom Tsunami zerstörte Stadt Rikuzentakada (Iwate) direkt nach der Flutwelle und rechts die Situation sieben Monate später (September 2011).
Foto: Everett Kennedy (EPA/Keystone)

32 Billionen Yen (248 Milliarden Euro) hat die Regierung in den Wiederaufbau gesteckt. So wurden entlang der Nordostküste des Landes auf über 430 Kilometer Länge monströse Betonmauern von bis zu 15 Metern Höhe hochgezogen.

Kritiker sprechen von einer gigantischen Festung, die die Sicht auf das Meer versperre und die Landschaft verschandelt habe. Die Mauern würden zudem das Risiko bergen, dass Wasser nicht zurückfliessen könne, sollte ein erneuter Tsunami über sie hinwegschwappen.

Buddhistische Mönche gedenken mit einem Marsch auf der Schutzmauer der Opfer der Katastrophe.
Buddhistische Mönche gedenken mit einem Marsch auf der Schutzmauer der Opfer der Katastrophe.
Foto: Keystone

Heute leben von den 470’000 Menschen, die zwischenzeitlich wegen der Dreifach-Katastrophe fliehen mussten, noch immer rund 41’000 Menschen entwurzelt, die meisten davon aus Fukushima. Denn noch immer sind dort manche Gegenden um die Atomruine wegen Strahlung eine Sperrzone.

Zwar sind die meisten Anordnungen für eine Evakuierung inzwischen aufgehoben, doch viele frühere Bewohner zögern, angesichts mangelnder Arbeitsplätze und bestehender Sorgen über Strahlen zurückzukehren.

Die Katastrophe hat die Abwanderung aus der Region, die schon vor der Katastrophe im Zuge einer Überalterung einsetzte, noch beschleunigt. Ungeachtet dessen soll in zwei Wochen in Fukushima der Fackellauf für die im Sommer geplanten Olympischen Spiele beginnen. Die Regierung will die Spiele nutzen, um der Welt den Wiederaufbau zu zeigen. Doch für viele Überlebende ist der noch lange nicht beendet. Rund 2000 Betroffene sind weiterhin in Behelfsunterkünften untergebracht.

Überall Schiffe: In Bezirk Shishiori nahe dem Fischerhafen Kesennuma (Miyagi) sorgten neben massiven Überschwemmungen auch Feuer für massive Zerstörung. Im Bild oben sind Wiederaufbauarbeiten fünf Jahre danach zu sehen.
Überall Schiffe: In Bezirk Shishiori nahe dem Fischerhafen Kesennuma (Miyagi) sorgten neben massiven Überschwemmungen auch Feuer für massive Zerstörung. Im Bild oben sind Wiederaufbauarbeiten fünf Jahre danach zu sehen.
Foto: Kimimasa Mayama (EPA/Keystone)

Kaiser Naruhito sagte bei der Gedenkveranstaltung in Tokio, dass sein Herz angesichts der Opfer schmerze. Er rief jeden Bürger dazu auf, den Überlebenden beizustehen, damit sie möglichst schnell wieder ein friedliches Alltagsleben führen können.

Niemand dürfe «in dieser schwierigen Situation» alleingelassen werden, mahnte der Monarch. Experten berichten von Depressionen und Selbstmorden in Fukushima und warnen vor gesellschaftlicher Stigmatisierung und Diskriminierung.

Hart gebeuteltes Miyako: Links eine Aufnahme kurz nach der Verwüstung, rechts die geräumte Stadt einige Monate danach.
Hart gebeuteltes Miyako: Links eine Aufnahme kurz nach der Verwüstung, rechts die geräumte Stadt einige Monate danach.
Foto: AP/Kyodo/Keystone

Inzwischen berichtete der japanische Fernsehsender NHK von weiteren Problemen in der Atomruine Fukushima. Der Wasserpegel im Untergeschoss des zerstörten Reaktors 3 sei aus noch ungeklärter Ursache gestiegen.

Dies deutet auf mögliche neue Schäden durch ein schweres Erdbeben hin, das erst kürzlich die Unglücksregion erschütterte. Rund 4000 Arbeiter sind weiterhin tagtäglich in der Atomruine mit Bergungsarbeiten beschäftigt.

Der Bezirk Shizugawa am 14. März 2011 (unten) und am 27. Februar 2016 (oben).
Der Bezirk Shizugawa am 14. März 2011 (unten) und am 27. Februar 2016 (oben).
Foto: Kimimasa Mayama (EPA/Keystone)

Bis zu 40 Jahre wird es nach amtlichen Angaben dauern, bis die Anlage stillgelegt ist, doch halten Kritiker diesen Zeitrahmen für viel zu optimistisch. Noch immer weiss niemand, wo genau sich der geschmolzene Brennstoff befindet, geschweige denn, wie man ihn dort herausholen kann.

Hinzu kommt die Frage, was mit den inzwischen über eine Million Tonnen gefiltertes Wassers aus den zerstörten Reaktoren geschehen soll, das in 1000 riesigen Tanks auf dem Gelände gelagert ist. Laut dem Betreiberkonzern Tepco werden die Tanks im Herbst 2022 voll sein.

Fast einen Kilometer landeinwärts: Ein grosses Schiff für den Fischfang wurde mehrere Hundert Meter ins Landesinnere gespült. Noch ist unklar, was mit ihm geschehen soll.
Fast einen Kilometer landeinwärts: Ein grosses Schiff für den Fischfang wurde mehrere Hundert Meter ins Landesinnere gespült. Noch ist unklar, was mit ihm geschehen soll.
Foto: Everett Kennedy Brown (EPA via Keystone)

Rund 14 Millionen Tonnen an radioaktivem Abraum wie Erdboden, Bäumen und Sträuchern, der bei der vom Staat grossflächig in der Präfektur Fukushima angeordneten Dekontaminierung angefallen war, lagert in Bergen von Plastiksäcken in Sammelstellen.

Überall Zerstörung:  Der Grossteil des Trümmerfelds ist zwar weggeräumt, doch dem Ortsteil von Miyako ist die Katastrophe weiter anzusehen.
Überall Zerstörung: Der Grossteil des Trümmerfelds ist zwar weggeräumt, doch dem Ortsteil von Miyako ist die Katastrophe weiter anzusehen.
Foto: AP/Kyodo/Keystone

Sie werden nun in ein Zwischenlager transportiert, das in Ortschaften in unmittelbarer Nähe der Atomruine errichtet wurde. Die Regierung hat zugesagt, die Säcke in 30 Jahren aus der Präfektur herauszuschaffen. Doch wo der verstrahlte Abraum am Ende landen soll, steht noch nicht fest.

Der zerstörte Bahnhof von Tomioka im Jahr 2013 und wiederaufgebaut im unteren Bild im Februar 2021.
Der zerstörte Bahnhof von Tomioka im Jahr 2013 und wiederaufgebaut im unteren Bild im Februar 2021.
Foto: Keystone
Die verlassene Tomiokadaiichi Junior High School in Fukushima im Jahr 2016 (oben) und eine aktuelle Aufnahme aus dem Jahr 2021. Zurzeit besuchen nur 13 Jugendliche die Schule. Vor zehn Jahren lebten in der Gegend rund 21’000 Menschen. Heute sind es noch 1’500.
Die verlassene Tomiokadaiichi Junior High School in Fukushima im Jahr 2016 (oben) und eine aktuelle Aufnahme aus dem Jahr 2021. Zurzeit besuchen nur 13 Jugendliche die Schule. Vor zehn Jahren lebten in der Gegend rund 21’000 Menschen. Heute sind es noch 1’500.
Foto: Keystone

SDA/step