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Krimi der WocheDie Killer der Kartelle tragen Polizeiuniformen

«Der erste Tote» vom irischen Autor Tim MacGabhann ist ein dramatischer wie aussergewöhnlicher Thriller aus Mexiko.

Die Isla Espiritu Santo in Mexiko.
Die Isla Espiritu Santo in Mexiko.
Foto: Keystone

Der erste Satz

Niemand hatte uns gebeten nachzusehen, und seitdem ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht wünschte, wir wären einfach weitergefahren.

Das Buch

Es ist fünf Uhr früh, und eigentlich sind Andrew und Carlos schon auf der Heimfahrt nach Mexiko-Stadt. Der irische Journalist und der mexikanische Fotograf, die nicht nur Freunde, sondern auch ein Paar sind, waren für eine Reportage über den «schwarzen Goldrausch» in der heruntergekommenen Erdölmetropole Poza Rica im mexikanischen Bundesstaat Veracruz.

Sie sehen eine Person auf der Strasse liegen und halten an. Der junge Mann ist tot, schlimm zugerichtet. Carlos hält mit seiner Kamera drauf, fotografiert auch den Ausweis des Toten. Da naht schon die Guardia Civil. Die Beamten bedrohen die beiden Reporter, lassen sie dann aber laufen und hieven die Leiche auf ihren Pick-up.

Während Carlos der Sache vor Ort nachgehen will, fährt Andrew zurück nach Mexiko-Stadt. Der Fotograf findet heraus, dass der Tote ein Aktivist war, der gegen die Umweltzerstörung durch die Erdölförderung Stimmung machte. Sein Tod, den die Fotos von Carlos dokumentieren, führt zu Demonstrationen. Kaum ist der Fotograf zu Hause, wird er brutal ermordet.

Es ist eine wüste Geschichte.

«Der erste Tote» heisst der ebenso dramatische wie aussergewöhnliche Thriller von Tim MacGabhann. Es ist das Debüt des Iren, der selbst als Journalist in Mexiko arbeitet. Dass er seinen Icherzähler Andrew der Abschlachtung seines Freundes nachgehen lässt, liegt auf der Hand. Man würde nun mit einer absehbaren Geschichte rechnen, aber dieser Roman ist schon von Anfang an so temporeich erzählt, dass man sich viel mehr verspricht. Was Tim MacGabhann dann auch liefert.

Er macht das Elend in dem vom Erdöl ebenso wie von Drogen vergifteten, kaputten Landstrich spürbar. Die Killer der Kartelle sind in der Uniform der lokalen Polizei im Dienste der Ölfirma unterwegs. Aber der Guardia Civil ist ebenso wenig zu trauen. Wer sich dem Diktat der Kartelle und der Ölfirmen widersetzt, riskiert sein Leben. Menschen verschwinden. Und der trauernde Reporter, trockener Alkoholiker, kommt nur mit Drogen über die Runden.

Es ist eine wüste Geschichte, es ist eigenständige Literatur zwischen bewegender Sozialreportage, delirierenden Drogenräuschen, schwuler Liebesstory und hartem Wirtschafts-, Polit- und Ökothriller. Damit hebt sich Tim MacGabhann markant ab von gängigen Drogenkartell-Thrillern, ohne dabei aber die Fakten der mexikanischen Realität zu vernachlässigen.

«Der erste Tote» ist der Auftakt für eine geplante Trilogie. Auf Englisch ist der zweite Teil inzwischen bereits erschienen. Wenn der Autor nach seinem Erstling noch weiter zulegt, können wir uns auf starke Fortsetzungen freuen.

Die Wertung

  • Originalität: ★★★★★

  • Spannung: ★★★

  • Realismus: ★★★★☆

  • Humor: ★★★

  • Gesamteindruck: ★★★★☆

Der Autor

Der irische Autor Tim MacGabhann lebt seit 2013 in Mexiko.
Der irische Autor Tim MacGabhann lebt seit 2013 in Mexiko.
Foto: RCW Literary Agency

Tim MacGabhann, geboren 1989 in Kilkenny, Irland, hat als Musikjournalist zu schreiben begonnen, während er am Trinity College in Dublin englische Literatur und Französisch studierte. Er hat zudem einen M. A. in Creative Writing von der University of East Anglia im englischen Norwich.

Nach eigenen Angaben begann er schon 2008 während des Studiums an seinem ersten Roman zu arbeiten, in dem es um zwei Männer gehen sollte, «deren Liebe füreinander sehr schmerzhaft war». 2013 zog er nach Mexiko, wo er seither als Journalist über Lateinamerika schreibt, unter anderen für «Esquire», die Agentur Thomson Reuters, «Al Jazeera» und die «Washington Post». Durch seine Arbeit und die Erfahrungen in Mexiko fand er einen neuen Rahmen für seinen ersten Roman: «Und so nahm ich das alte Manuskript, gab den beiden Hauptfiguren neue Namen und eine neue Adresse.»

So entstand das jetzt unter dem Titel «Der erste Tote» auf Deutsch erschienene Debüt «Call Him Mine». Inzwischen hat er mit «How to Be Nowhere» den zweiten Teil der geplanten Trilogie veröffentlicht.
Tim MacGabhann lebt und arbeitet in Mexiko-Stadt.

Tim MacGabhann: «Der erste Tote» (Original: «Call Him Mine», Weidenfeld & Nicolson, London 2019). Aus dem Englischen von Conny Lösch. Suhrkamp, Berlin 2020. 275 S., ca. 24 Fr.