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Lira bricht ein Die Krise in der Türkei wird auch für andere zur Gefahr

Mit der Entlassung des erst im November eingesetzten Notenbankchefs weckt Staatschef Erdogan Ängste bei anderen Schwellenländern. Das hat auch mit den USA zu tun.

Interessiert sich wenig für ökonomische Zwänge: Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei.
Interessiert sich wenig für ökonomische Zwänge: Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei.
Foto: Adem Altan (AFP)

Um rund 10 Prozent ist die türkische Lira über das Wochenende gegenüber dem Dollar eingebrochen. In rund gleichem Ausmass verlor auch der türkische Aktienmarkt an Wert. Die Renditen von langfristigen türkischen Staatsanleihen des Landes sind von 14 auf 19 Prozent hochgeschossen. Sie zeigen, was die Regierung für ihre Verschuldung bezahlen muss.

Der Grund für die dramatische Entwicklung ist die Entlassung des türkischen Notenbankchefs Naci Agbal durch Staatschef Recep Tayyip Erdogan Ende letzter Woche. Die jüngste Entwicklung weckt nicht nur Sorgen um die Türkei, sie befeuert auch Ängste vor einer Krise in weiteren Schwellenländern.

Agbal war erst seit November im Amt, in dieser Zeit ist es ihm gelungen, den schon länger anhaltenden Wertzerfall der Lira zu stoppen und wieder etwas Vertrauen in die Wirtschaft des Landes zu schaffen. Seit zwei Jahren hat Erdogan bereits viermal den Notenbankchef ausgetauscht, weil er mit dessen Vorgehen nicht einverstanden war. Ein solches Vorgehen wäre in der Schweiz und in den meisten anderen entwickelten Ländern unmöglich, weil Verfassung und Gesetze dort die Unabhängigkeit der Notenbank von der Politik garantieren.

Die Schatten von Bidens Wirtschaftspolitik

Ursache von Agbals Entlassung war dessen Entscheid von letzter Woche, den Leitzins des Landes um 2 Prozentpunkte auf 19 Prozent zu erhöhen. Unter dem Druck, ihre Zinsen zu erhöhen, stehen aktuell auch andere Schwellenländer, was mit der Entwicklung in den USA zusammenhängt.

Unter anderem wegen des 1,9 Billionen Dollar schweren Finanzpakets durch die Biden-Regierung sind dort die langfristigen Zinsen jüngst deutlich angestiegen. Das macht Anlagen in Dollar im Vergleich zu solchen in Währungen von Schwellenländern attraktiver. Damit droht ein markanter Kapitalabfluss und der Einbruch dieser Währungen. Um das zu verhindern, geraten sie unter Druck, auch ihrerseits die Zinsen zu erhöhen.

Der vom türkischen Präsidenten letzte Woche entlasse Notenbankchef war nicht einmal fünf Monate im Amt: Naci Agbal.
Der vom türkischen Präsidenten letzte Woche entlasse Notenbankchef war nicht einmal fünf Monate im Amt: Naci Agbal.
Foto: Murat Kaynak (AFP, Anadolu)

Die Türkei ist Paradebeispiel für diese Ausgangslage. Sowohl die Privatwirtschaft wie der Staat sind stark im Ausland verschuldet. Diese Schulden werden teurer, je mehr sich die Lira gegenüber dem Dollar abschwächt. Damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass das Land zahlungsunfähig werden könnte, was sich bereits in steigenden Renditen für die Staatsschulden und höheren Prämien für Kreditausfallversicherungen zeigt.

Weckt die Entwicklung in einem Land wie der Türkei die Angst der internationalen Investoren, suchen sie nach Parallelen in anderen Schwellenländern. Gemäss den internationalen Finanzmedien müssen daher vor allem Südafrika und Brasilien befürchten, dass das Misstrauen gegenüber der Türkei auch auf sie übergreift.

Erdogans Theorien und Absichten

Trotz dieser internationalen Zusammenhänge hat die Entwicklung in der Türkei vorwiegend inländische Ursachen. Der von Erdogan geschasste Naci Agbal wollte mit der Zinserhöhung in erster Line die hohe Teuerung von rund 15 Prozent im Land bekämpfen. Auch dafür ist eine Stabilisierung der Währung nötig: Wertet sie ab, hat das zur Folge, dass die aus dem Ausland für den Konsum oder für die Produktion benötigten Güter und Rohstoffe sich in türkischer Lira verteuern. Eine weitere Ursache für die Teuerung war die erwähnte starke und über Schulden finanzierte Zunahme der privaten und öffentlichen Ausgaben. Auch dagegen helfen höhere Zinsen.

Für Erdogan sind hohe Zinsen die Ursache der Teuerung, was im Widerspruch zur ökonomischen Lehre wie zur Erfahrung in der Türkei steht.

Doch Erdogan will davon nichts wissen. Seiner Ansicht nach sind hohe Zinsen sogar Ursache der Teuerung, was im Widerspruch zur ökonomischen Lehre wie zur Erfahrung in der Türkei steht. Gemäss Beobachtern und Umfragen hat Erdogan in der türkischen Bevölkerung angesichts der schwierigen ökonomischen Umstände und der Vernachlässigung von Massnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise deutlich an Rückhalt eingebüsst. Jetzt hofft er, verhindern zu können, dass höhere Zinsen die durch Schulden getriebene Wirtschaft noch rascher einbrechen lässt.

Als Nachfolger von Agbal hat er daher mit dem weitgehend unbekannten Wirtschaftsprofessor Sahap Kavcioglu einen treuen Ergebenen und Gesinnungsgenossen bei der Notenbank inthronisiert. Kavcioglu war Abgeordneter von Erdogans Regierungspartei AKP und hat sich bisher ebenfalls gegen Zinserhöhungen ausgesprochen.

Auch der Neue kann nur scheitern

Letztlich kann auch er nur scheitern, denn zur Stabilisierung der Währung gibt es zu höheren Zinsen nur drei sehr unbequeme Alternativen: erstens Stützungskäufe von Lira auf den Devisenmärkten, zweitens ein Rettungspaket des Internationalen Währungsfonds (IWF) und drittens eine Unterbindung des freien Kapitalverkehrs.

Angesichts eines extrem dünnen Polsters an Devisenreserven sind Stützungskäufe der Türkei unglaubwürdig und daher wenig wirksam, da die Mittel dafür rasch aufgebraucht sind. Ein Hilfspaket des IWF lehnt Erdogan ab, weil das für ihn einer schweren Schmach gleichkäme. Und ein Unterbinden des freien Kapitalverkehrs würde das Vertrauen in die Türkei vollends ruinieren. Die Regierung und die Notenbank schlagen diese Option deshalb aus.

21 Kommentare
    Dominik Baud

    Dass Erdogan die ökologischen Zusammenhänge verschlossen sind, ist für die Türkei bereits eine schwere Bürde. Schmerzhaft auch die Erkenntnis, dass ihm aufgrund seiner Bildungslücken in keinem westlichen Staat eine politische Karriere beschieden wäre.